Stand: 23.02.2019 17:03 Uhr

Reiz und Gefahr von Fortnite: Was Experten sagen

von Stefanie Wittgenstein

Zwischen Abenteuerspielplatz und Ballerspiel: Das Computerspiel "Fortnite" fasziniert Kinder und Jugendliche - und besorgt Eltern. Zu Recht? Eine Einschätzung von zwei Hamburger Medienexperten.

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Bei Fortnite soll man online eine Insel erobern, indem man mit virtuellen Waffen andere Spieler ausschaltet.

Haben Sie auch so einen Kerl mit Kopfhörer-Headset bei sich in der Wohnung sitzen? Der kryptische Anweisungen gibt, manchmal hysterisch lacht und mehr als sonst kommuniziert? Dann haben Sie da einen Teenager wie Millionen andere auf der ganzen Welt, der wahrscheinlich das Computergame Fortnite spielt. Die Nutzerzahlen variieren zwischen 40 und 200 Millionen. Colette See, Referentin bei Sucht.Hamburg, beschäftigt sich täglich mit Fortnite, einer Mischung aus Baller- und Abenteuerspiel. "Fortnite ist ein Riesenhype. Man kommt überhaupt nicht darum herum als Kind. In der Grundschule wird ganz viel darüber geredet auf dem Schulhof, auch wenn da noch gar nicht gespielt wird. Und spätestens in der weiterführenden Schule muss man es eigentlich spielen, um mitreden zu können."

Freigegeben schon ab 12

Die Spieler treten allein oder als Gruppe online gegeneinander an, gespielt wird live gegen 99 andere auf einer virtuellen Insel, auf der die Spielfläche immer kleiner wird. Freigegeben ist Fortnite ab zwölf Jahren, doch geschossen wird mit amtlichen Waffen. Das ist auch der Grund, warum sich viele Erziehungsberechtigte damit schwer tun. Denn auf den ersten Blick ist das Ganze eben ein Ballerspiel - und damit nicht altersgerecht. Auch Colette See sieht die Problematik: "Es fließt zwar kein Blut und es ist weniger gewalthaltig als andere Egoshooter. Aber im Endeffekt muss man Menschen töten oder 'eliminieren', wie es im Spiel heißt. Deswegen gehört es schon in diese Kategorie."

Fortnite: Ballern auf einem Abenteuerspielplatz

Mit Egoshootern sollten Kinder und Jugendliche frühestens ab 16 Jahren in Berührung kommen. Bei Fortnite ist es mit der Einordnung aber eben nicht ganz so einfach. Der Hamburger Medienpädagoge und Soziologe Andreas Hedrich beschreibt das Spiel als großen Abenteuerspielplatz. "Wenn wir Kinder beobachten, wie die draußen spielen, dann jagen die sich ja auch. Dann geht es darum, Sachen zu erobern, irgendwo als erster oben zu sein, sich zu verstecken oder mit Bauklötzen etwas zu bauen. Und Fortnite vereint das alles so ein bisschen."

Der Fortnite-Tanz

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Fußballspieler wie der Brite Jesse Lingard bejubeln Tore nach Vorbild der Fortnite-Charaktere.

Das ist gleich das nächste Thema, das zu Hause für Reibung sorgt: Die Kids treffen ihre Freunde nicht draußen zum Spielen, sondern online. Aber es fließt auch etwas zurück ins echte Leben: Fortnite bringt die Kids zum Tanzen. Die Bewegung "The Floss", bei der die Hüften wackeln und die Arme um den Körper schlackern, hat im Moment so gut wie jedes Kind drauf - und stammt eben auch aus Fortnite - genau wie der ein oder andere Jubel-Tanz von Fußballern.

Gefährliche Effekte

Große Spielehersteller programmieren bewusst Belohnungs- und Bestätigungseffekte in ihre Games ein. Suchtexpertin Colette See trifft viele Familien, bei denen die Jugendlichen nicht mehr abschalten können. "Die spielen dann nicht nur zwei oder drei Stunden am Tag, sondern stehen wirklich nachts auf, spielen heimlich, gehen nicht zur Schule - und vernachlässigen darüber auch alles andere."

Extreme Suchtfälle sind selten

Laut Medienpädagoge Hedrich sind solche Problemfälle dennoch die Ausnahme. Er schätzt, dass zwischen zwei und vier Prozent der Jugendlichen süchtig sind. Statt einem reinen Verbot empfehlen beide Experten gute Medienerziehung von Anfang an - und zwar fürs Smartphone wie für Videospiele. Außerdem solle man aufs eigene Bauchgefühl hören. Hedrich rät Eltern auch, selbst mal mitzuspielen oder zumindest Interesse zu zeigen. "Das kann ganz schön schwierig sein, weil ich als Erwachsener manchmal nicht verstehe, was da die Faszination ausmacht. Ich muss mich aber darauf einlassen und mit meinem Kind darüber sprechen können." Wenn das nicht mehr gegeben sei, dann werde es sehr schwierig. "Und dann neigen viele Eltern zu Verboten, weil sie es nicht verstehen."

Weitere Informationen
NDR Info

Fortnite: Kein Jugendschutz bei Download-Spiel

03.07.2018 15:55 Uhr
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Jeder gegen jeden: Das ist das Konzept von Battle-Royale-Spielen. Besonders erfolgreich ist das Videospiel Fortnite. Eine verlässliche Altersbeschränkung gibt es für die Download-Version nicht. (02.07.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 22.02.2019 | 19:05 Uhr

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