Stand: 23.07.2020 06:00 Uhr  - NDR 90,3

Prozess gegen ehemaligen KZ-Wachmann vor dem Ende

von Julian Feldmann

Der Prozess gegen den ehemaligen KZ-Wachmann Bruno D. vor dem Landgericht Hamburg geht mit der Urteilsverkündung zu Ende. Ein Rückblick auf die Verhandlungen, die im Oktober 2019 begonnen haben.

Im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig wurden während des Zweiten Weltkriegs etwa 65.000 Menschen ermordet. Die Opfer waren Juden, politische Gefangene, Polen. Die Bewachung des Lagers nahe der Ostsee übernahm die SS. Der Soldat Bruno D. kam kurz vor seinem 18. Geburtstag zum KZ Stutthof. Nicht freiwillig, wie er betont, sondern er wurde von seiner Wehrmachtseinheit versetzt. Von August 1944 bis April 1945 gehörte D. zur SS-Wachmannschaft, sorgte mit dem Gewehr in der Hand etwa auf den Wachtürmen dafür, dass keiner der Gefangenen fliehen konnte.

Anklage: Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen

75 Jahre später, im Oktober 2019 beginnt vor dem Hamburger Landgericht der Prozess gegen Bruno D. In der Anklage wirft die Staatsanwaltschaft D. vor, Beihilfe zum Mord an mindestens 5.230 Menschen geleistet zu haben. Die Zahl der Mordopfer setzt sich zusammen aus 5.000 Gefangenen, die durch die "lebensfeindlichen Bedingungen" im KZ während einer Fleckfieber-Epidemie ums Leben kamen, 200 Menschen wurden mit dem Giftgas "Zyklon B" in einer Gaskammer und einem Waggon vergast. Weitere 30 Menschen wurden mit einer Genickschussanlage ermordet. Die Zahlen, so grausam und hoch sie klingen, sind niedrig angesetzte Schätzungen. Es sind die Zahlen, die die Staatsanwaltschaft für genau belegbar hält. Tatsächlich sind in der Zeit, in der Bruno D. Wachdienst im KZ Stutthof geleistet hat, deutlich mehr Menschen ums Leben gekommen.

Weil Bruno D. während seiner Dienstzeit im KZ Stutthof erst 17 und 18 Jahre alt war, findet der Prozess vor einer Jugendstrafkammer des Landgerichts statt. Das Landgericht Hamburg ist zuständig, da der Tatort im Ausland liegt und daher das "Wohnortprinzip" greift. Bruno D. wohnt seit Jahrzehnten im Hamburger Süden.

"Herausragende zeitgeschichtliche Bedeutung"

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Die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring ließ zahlreiche Prozessbeobachter zu.

Die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring führt den Prozess gradlinig. Das historische Ausmaß des Strafverfahrens ist ihr bewusst. Obwohl der Prozess vor der Jugendstrafkammer stattfindet und damit nicht öffentlich ist, lässt sie Dutzende Journalisten und andere Prozessbeobachter zu. Das begründet Meier-Göring auch mit "neonationalsozialistischen Tendenzen in Deutschland" heute und der "herausragenden zeitgeschichtlichen Bedeutung" des Prozesses. An einigen Prozesstagen versammeln sich vor dem Gerichtsgebäude Neonazis und fordern einen Freispruch für den ehemaligen KZ-Aufseher.

Staatsanwaltschaft fordert drei Jahre Haft

Die Staatsanwaltschaft Hamburg übernahm den Fall des KZ-Wärters D. 2016 von der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Unaufgeregt verliest Oberstaatsanwalt Lars Mahnke im Prozess die Anklageschrift. Und aus seiner Sicht hält die Anklage: Drei Jahre Haft fordert Mahnke für D., dessen Tatbeitrag der Ankläger als erwiesen ansieht. D. habe mit seiner Wachtätigkeit Beihilfe zur Ermordung von 5.230 Menschen geleistet.

Der Verteidiger des Angeklagten, Stefan Waterkamp, lässt von Beginn an keinen Zweifel daran, dass er den Prozess für falsch hält. Sein Mandant sei als einfacher Soldat nicht für die Morde im KZ mitverantwortlich. So forderte Waterkamp dann auch in seinem Plädoyer einen Freispruch für Bruno D.

Angeklagter sieht sich nicht mitverantwortlich

Zu Beginn des Prozesses sagt der Angeklagte aus. Er beschreibt vieles, an das er sich teils detailreich erinnern kann. An anderes, das er etwa während der Ermittlungen gegenüber dem Staatsanwalt angegeben hat, kann oder will er sich nicht mehr erinnern. Für den Tod der Menschen im KZ sieht er sich nicht mitverantwortlich. Er vergleicht sich in Zusammenhang mit seiner eigenen Musterung zum Militärdienst gar mit ermordeten KZ-Häftlingen. Vor dem Musterungsarzt habe er so nackt dagestanden wie die Leichen, die er im KZ Stutthof gesehen habe, sagt D. im Gerichtssaal. Richterin Meier-Göring moniert sogleich den "unpassenden Vergleich".

Kein Schuldbewusstsein

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Die Staatsanwaltschaft forderte drei Jahre Haft für Bruno D., die Verteidigung plädierte auf Freispruch für den 93-Jährigen.

Selbstmitleidige Äußerungen des Angeklagten ziehen sich durch den Prozess. Schon in seiner über 200 Seiten umfassenden Aussage bei der Staatsanwaltschaft zeigte er keine Spur von Schuldbewusstsein. Ein einziges Mal erwähnte er den Begriff "Massenmord" - aber nicht, als es um das KZ oder andere Verbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg ging, sondern als er über die alliierten Luftangriffe auf deutsche Städte während des Krieges spricht. "Heute möchte ich mich bei allen Menschen, die durch diese Hölle des Wahnsinns gegangen sind, und bei ihren Angehörigen und Hinterbliebenen entschuldigen", sagt D. zum Prozessende in seinem sogenannten letzten Wort.

Hätte sich SS-Wachmann versetzen lassen können?

Für die juristische Beurteilung der Schuld von Bruno D. ist eine Frage entscheidend: Hätte sich der Wachmann aus dem KZ versetzen lassen können? Diese Frage soll im Prozess vor allem der Gutachter Stefan Hördler beantworten. Der Historiker gilt als einer der versiertesten Kenner des KZ-Systems und war bereits in früheren Prozessen Sachverständiger. In seinem schriftlichen Gutachten, das NDR.de vorliegt, kommt Hördler zu dem Schluss, dass D. von den Mordtaten im KZ gewusst haben muss. Trotz seines Wissens um die Zustände im Lager habe D. niemals eine Versetzung beantragt. Dabei hätte er sich wohl an die Front versetzen lassen können, wie es andere Wachleute mit seinem Tauglichkeitsgrad auch getan hatten. Laut dem Gutachten war D. zweifellos bewusst, dass er Teil der Vernichtungsmaschinerie war.

Nebenkläger schildern Leid

Eine wichtige Rolle kommt im Prozess den 40 Nebenklägerinnen und Nebenklägern zu. Sie lassen sich von ihren Anwälten während der Verhandlung vertreten. Mehrere Überlebende sagen aus, einige kommen nach Hamburg, andere werden über eine Video-Schalte gehört. Ihre Schilderungen verdeutlichen das Leid und die Qualen der Gefangenen im KZ Stutthof und ihre Sicht auf die KZ-Aufseher. Die Holocaust-Überlebende Rosa Bloch sagt: "Ich beschuldige die Menschen, die uns bewacht haben, und ich werde ihnen nie verzeihen. Und ich werde nie vergessen, was sie uns angetan haben." In Richtung des Angeklagten sagt sie: "Gerade die, die oben auf den Wachtürmen waren, konnten alles sehen."

Anwälte: Überlebende "sinnen nicht auf Rache"

Für viele Überlebende und Angehörigen von Ermordeten ist es wichtig, dass der Prozess stattfindet und dass auch durch die deutsche Justiz festgestellt wird: Das was die Deutschen im KZ Stutthof getan haben, war ein Massenmord - und auch die kleinen Helfer wie die Wachleute haben Unrecht getan. Über die Forderung der Staatsanwaltschaft nach drei Jahren Jugendhaft geht kein Nebenklagevertreter hinaus. Eine Verurteilung wünschen sich die meisten Nebenkläger dennoch. "Unsere Mandantinnen sinnen dabei nicht auf Rache. Ihre größte Genugtuung ist, dass sie überlebt und es geschafft haben, Familien zu gründen und weiterzuleben", sagen die Rechtsanwälte Onur Özata, Ernst Freiherr von Münchhausen und Mehmet Daimagüler in ihrem gemeinsamen Plädoyer. Sie fordern eine Bewährungsstrafe.

Corona: Prozess mit Schutzmasken und Trennwänden

Mitten im Prozess bricht die Corona-Pandemie herein. Trotzdem setzt das Gericht das Verfahren nicht aus. Mit Schutzmasken, Trennwänden und strengen Infektionsschutzmaßnahmen geht der Prozess weiter. Auch weil der Angeklagte nur eingeschränkt verhandlungsfähig ist und nur zwei Stunden pro Prozesstag verhandelt werden kann, streckt sich das Gerichtsverfahren über 44 Tage. Das Urteil soll am Donnerstag, dem 45. Verhandlungstag, gesprochen werden.

Der Prozess gegen Bruno D. in Hamburg könnte der letzte gegen einen mutmaßlichen Beteiligten am Holocaust sein. Zwar laufen noch rund 20 Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche NS-Täter, doch aufgrund des hohen Alters werden Prozesse immer unwahrscheinlicher.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 23.07.2020 | 06:00 Uhr

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