Stand: 01.03.2018 20:05 Uhr

Messerattacke in Barmbek: Lebenslange Haft

Im Prozess um den tödlichen Messerangriff in einem Supermarkt im Hamburger Stadtteil Barmbek ist der Angeklagte zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Das Urteil des Hamburger Oberlandesgerichts gegen den geständigen 27-Jährigen erging am Donnerstag wegen Mordes und sechsfachen versuchten Mordes jeweils in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Zudem stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Damit ist eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren rechtlich zwar möglich, in der Praxis aber so gut wie ausgeschlossen.

Das Gericht folgte mit seinem Urteil der Forderung der Anklage. Ahmad A. hatte zum Auftakt des Prozesses gestanden, am 28. Juli 2017 in einer Edeka-Filiale einen 50-Jährigen erstochen und anschließend sechs Menschen zum Teil schwer verletzt zu haben. Die Opfer hätten nicht im Traum daran gedacht, angegriffen zu werden, sagte der Richter. Er sprach von Heimtücke und niedrigen Beweggründen. Der Anwalt des Täters sagte nach der Urteilsverkündung, er werde mit seinem Mandanten besprechen, ob sie Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen.

Radikalisierter Einzeltäter

Mit starrem Gesichtsausdruck verfolgte Ahmad A. die Urteilsbegründung. "Der Angeklagte hat sich durch die Propaganda des IS instrumentalisieren lassen", sagte der Richter. Dazu beigetragen habe seine labile Persönlichkeit. Er habe sich im Laufe der Zeit radikalisiert. Der nicht vorbestrafte Mann sei aber ein Einzeltäter gewesen und kein Mitglied einer terroristischen Vereinigung.

Ahmad A. nicht als Terrorist verurteilt

Dazu, dass Ahmad A. nicht als Terrorist verurteilt wurde, obwohl er sich selbst als solcher bezeichnet hatte, erklärte Gerichtssprecher Kai Wantzen: Zwar gebe es im Strafgesetzbuch den Tatbestand der Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung. "Dafür reicht es aber nicht, dass man sich selbst mit einer solchen Organisation einseitig solidarisiert, sondern es muss objektiv feststellbar sein, dass der Täter in die Organisationsstruktur tatsächlich eingegliedert ist und über seine Aufnahme entschieden worden ist."

Reue ganz zum Schluss

Der angeklagte Palästinenser hatte in dem Prozess erst ganz zum Schluss Reue gezeigt. "Ich kann die Zeit leider nicht zurückdrehen. Alles, was ich tun kann, ist Sie um Entschuldigung zu bitten und zu hoffen, dass Sie mir verzeihen", sagte der 27-Jährige zu den Opfern und ihren Familien in seinem letzten Wort vor Gericht. "Ich habe von der letzten Zeit gelernt, dass der Mensch nicht das Recht hat, ein Leben zu beenden, ganz egal wie die Umstände sind."

Dazu sagte der Richter am Donnerstag: "Wir hoffen, dass das nicht lediglich wieder eine Phase in Ihrem Leben ist, sondern dauerhaft Ihre Einsicht bleibt."

Gutachter: Angeklagter schuldfähig

Im Laufe des Prozeses wurde dem Angeklagten von einem psychiatrischen Gutachter die volle Schuldfähigkeit bescheinigt. Der 27-Jährige leide weder unter eine psychischen Erkrankung noch habe er bei seiner Tat unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen gestanden, so ein Experte vor Gericht.

Ein Toter und sechs Verletzte

Ahmad A. hatte in dem Supermarkt in der Fuhlsbüttler Straße einen 50-Jährigen unvermittelt mit einem Messer angegriffen und getötet. Anschließend rannte er mit dem blutigen Messer in der Hand auf die belebte Einkaufsstraße und verletzte noch sechs weitere Menschen. Eine Gruppe Männer, überwiegend mit Migrationshintergrund, folgte dem bewaffneten Täter und attackierte ihn unter anderem mit Stühlen eines Cafés und Steinen. Es gelang ihnen, ihn festzusetzen, bis Polizisten eintrafen und ihn festnahmen. Für ihr mutiges Einschreiten wurden die Männer später von der Polizei geehrt.  

Messerattacke im Supermarkt

Frühe Hinweise auf Radikalisierung

Schon in den Monaten vor der Tat hatten die Behörden Hinweise auf eine mögliche Radikalisierung des Mannes erhalten, Mitarbeiter des Verfassungsschutzes sprachen mit dem 2015 eingereisten Mann. Sie stuften ihn aber nicht als akut gefährlich ein, sondern sahen eher Anzeichen für eine psychische Labilität.

Für Diskussionen hatte der Fall auch gesorgt, weil der Mann eigentlich nach Norwegen hätte abgeschoben werden können. Dort hatte er zu einem früheren Zeitpunkt gelebt. Doch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge versäumte eine Frist. Ende 2016 wurde der Asylantrag in Deutschland dann abgelehnt. Ahmad A. wollte wohl auch ausreisen, doch das scheiterte an fehlenden Papieren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 01.03.2018 | 11:00 Uhr

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