Stand: 08.05.2020 20:11 Uhr  - Hamburg Journal

Leben mit Behinderung: Keine Corona-Lockerungen für Lukas

von Lisa Hentschel

Die Corona Hygiene-Standards einzuhalten, ist für Menschen wie Lukas nicht möglich. Der 16-Jährige ist mehrfach schwerstbehindert. Er kann nicht sprechen und nur stark eingeschränkt sehen. Ihn zu betreuen, erfordert Berührung. Solange es eine Maskenpflicht gibt und der Mindestabstand gilt, gibt es für Lukas deshalb keine Schule und kein Teilnehmen am öffentlichen Leben; zwei Faktoren, die für Lukas Entwicklung essentiell sind.

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Ein Haus, ein Garten, aber wegen der Corona-Pandemie ohne Kontakt zu denen, die ihn professionell schulen: Lukas Degen.

Am Tag als Lukas mit dem Laufen anfing, rannte er los, legte mehrere Meter zurück, statt einen wackeligen ersten Schritt zu wagen. Von heute auf morgen als fast Fünfjähriger. Vater Christian Degen nennt das eine besondere Lernphase. Tritt so eine auf, müsse man die Chance ergreifen und mit Therapeuten an Lukas Entwicklung arbeiten. Der Vater von Lukas erzählt von Musikpädagogen, auf deren Hilfe sein Sohn angewiesen sei, davon, warum die nun - in Corona-Zeiten -, wegfalle, davon, dass er noch nicht verzweifelt sei, aber kurz davorstehe.

Menschen mit schweren Behinderung in der Corona-Krise

Hamburg Journal -

Der 16-jährige Lukas kann nicht sprechen und nur eingeschränkt sehen. Wegen der Corona-Auflagen kann er derzeit nicht professionell betreut werden - es braucht dafür Körperkontakt.

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Bildungszentrum für Lukas gerade nicht geöffnet

Heute besuchen Lukas und sein Vater das Hamburger Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte (BZBS). Es ist ein Besuch von außen, der erste seit knapp drei Monaten. Davor gab es hier für Lukas Schwimmunterricht, Trampolin-Springen, Musikunterricht, Physiotherapie. "Der direkte professionelle Blick von außen, den günstigen Moment zur Förderung nutzen, beides ist derzeit nicht möglich", sagt Kathrin Fanke, Klassenlehrerin von Lukas. Eine Frau, die mindestens zweimal die Woche mit Vater Christian Degen telefoniert, sich nach Lukas Entwicklung erkundigt, Tipps gibt. Aber eben auch eine Frau, die zur Corona-Risikogruppe gehört. Beides, Betreuung und Schutz, passen nicht zusammen, da sind sich alle einig.

Mit Schulbehörde im Gespräch

Und keiner hat eine Lösung parat. "Nur 25 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler können wir seit Montag wieder unterrichten, also etwa 40. Wie es für Menschen wie Lukas, also solche mit spezieller Förderung, weitergeht, kann ich derzeit nicht sagen", sagt BZBS-Schulleiter Cord Haack-Schulz. Mit der Schulbehörde sei man alle zwei Wochen im Gespräch. Doch wer Hygiene-Vorschriften in Zeiten von Corona nicht einhalten kann, für den könnten Corona-Lockerungen nicht gelten. Die Schule bleibt also für Lukas tabu. Und das mindestens bis zu den Sommerferien, heißt es.

Betreuung Zuhause: Keine Alternative

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Rhythmik und Tonlagen: Für Lukas bedeutet beides die Gelegenheit, sich und seine Gefühle auszudrücken.

Lukas hat noch Glück. Sein Vater ist Frühpensionär und kann sich rund um die Uhr um Lukas kümmern. Außerdem ist er Musiker und hat in Rahlstedt vor Jahren ein Haus mit Garten ergattert. So ließe sich die zwanghafte Auszeit eigentlich überbrücken, wären da nicht zwei Sorgen. Die kurzfristige ist, dass Christian Degen sich ansteckt. "Wer soll sich dann um Lukas kümmern?", sagt er. Die langfristige Sorge ist die Frage, wie es mit Lukas weitergehen soll. Der 16-Jährige ist im neunten Schuljahr. Eigentlich stünden Praktika an, nächstes Jahr der Abschluss. Doch beides ist durch Corona nicht denkbar. Christian Degen nimmt das Wort "Angst" in den Mund. Er habe Angst davor, dass Lukas' Entwicklung auf der Strecke bleibt, verpasste Chancen nicht mehr aufzuholen sind.

"Schuld ist nur das Virus"

Der Vater hat Verständnis für die Maßnahmen der Schule. "Schuld an der Situation ist niemand, nur das Virus." Wie man die Regeln zur Eindämmung der Corona-Pandemie und Lukas Entwicklung im Moment unter einen Hut bringen kann, weiß auch Christian Degen nicht. Immerhin hat er ein Lerngerät von Lukas' Klassenlehrerin bekommen: Wenige Knöpfe, ein Lautsprecher und für Lukas die Chance, zu kommunizieren. "Lukas will spielen", heißt es da. Oder "Lukas möchte Musik machen". Beides setzt Christian Degen gerne um, jeden Tag aufs Neue. Ohne zu wissen, wie lange Lukas auf professionelle Betreuung noch verzichten muss.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 08.05.2020 | 19:30 Uhr

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