Kommentar: "Flatten the curve" ist wichtig

Stand: 09.10.2020 19:12 Uhr

Die Corona-Neuinfektionen schnellen bundesweit in die Höhe. Vor allem in den Großstädten. Deshalb hat Bundeskanzlerin Merkel am Freitag mit den Oberbürgermeistern der elf größten deutschen Städte über das weitere Vorgehen beraten - auch mit Hamburgs Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). Offenbar wird es nicht ohne neue Einschränkungen gelingen, die Pandemie in den Griff zu kriegen. Es sei denn, jeder einzelne reißt sich am Riemen, kommentiert Karl-Henry Lahmann.

von Karl-Henry Lahmann

Erinnern Sie sich? "Flatten the curve" - "macht die Kurve platt". Das war die Parole im Frühjahr. Hübsch animierte Grafiken fluteten Twitter und Co. Und es hat sogar funktioniert. Auf die harte Tour, ja vielleicht in Details zu hart, wie wir heute wissen.

Wir wissen mehr über das Corona-Virus

Wie wir heute wissen. Das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Wie wir heute wissen. Wir wissen heute so unvergleichlich viel mehr über dieses fiese Virus und wie es seinen Weg in die Gesellschaft nimmt. Wir wissen, welche zerstörerische Kraft es hat. Wir wissen, was es mit exponentiellen Wachstumskurven auf sich hat. Und wir wissen, wie wir uns und unser Umfeld schützen und die die Kurve plätten können: Mit persönlicher Disziplin. Es ließe sich auch sagen: Mit einer gehörigen Portion Mitmenschlichkeit, die einen selbst durchaus auch aus der eigenen Komfortzone herausführen kann.

Corona-Regeln notwendig

So ähnlich haben es auch die Oberbürgermeister der elf größten deutschen Städte gestern bei ihrer Konferenz mit der Bundeskanzlerin gesehen: Niedrigere Höchstwerte für Teilnehmer an Familienfesten und Feiern, Sperrstunden, Beschränkungen des Alkoholverkaufs sind unbestritten tiefe Einschnitte in die persönlichen Freiheiten. Doch sie sind gerade erforderlich, wenn die Wirtschaft geschützt und Schulen und Kindergärten offen bleiben sollen.

Verzicht auf Gemeinschaft schmerzt

Ich habe ja Verständnis dafür, dass der ewige Verzicht auf Gemeinschaft, Geselligkeit, gute Laune, Kurzweil, Feiern, Konzerte, Reisen oder was auch immer es an individuellen Bedürfnissen sein mag, schmerzt. Mir fehlen solche Erlebnisse auch. Und gleichzeitig bedarf es keiner übermenschlichen Vernunft, sich dem Unabwendbaren zu stellen. Partys sind einfach Mist derzeit. Es ist ja zu eindeutig, dass das Infektionsgeschehen derzeit größtenteils eben nicht die klar umrissenen Hotspots kennt. Es sickert von vielen kleinen Einzelherden in die Gesellschaft zurück.

 

Es ist kein Zufall, dass Corona 2.0 verstärkt in den Großstädten auftritt. Noch trifft es eher die junge Party-Szene, die 20-, 30- und 40-Jährigen. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Infektionen durch familiäre Kontakte Stück für Stück wieder in die oberen Altersgruppen und schließlich in die Risikogruppen vorarbeiten. Wenn wir nicht alle gemeinsam Verzicht üben - Mitmenschlichkeit zeigen.

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Empathie und Vernunft wichtig

Das ist so simpel, wie es klingt. Wer sich munter über die hinlänglich bekannten Regeln hinwegsetzt, geht mehr als nur ein erhöhtes persönliches Risiko ein. Wer so vorgeht, zockt auch mit der Gesundheit und dem Leben unendlich vieler komplett Unbeteiligter. Sie mögen das Moralkeule nennen. Ich nenne es Empathie und - gänzlich unbescheiden - Vernunft.

"Flatten the curve"

Die Lernkurve seit dem Frühjahr war steil. Jetzt gilt es, die Corona-Kurve nicht wieder steil anwachsen zu lassen. "Flatten the curve" ist so aktuell wie nie. Und wir wissen wirklich alle, wie es funktioniert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 10.10.2020 | 08:40 Uhr

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