Annette Matz von NDR 90,3. © NDR Foto: Screenshot

Kommentar: Die Hamburger Kultur atmet wieder

Stand: 12.06.2021 08:40 Uhr

Ein Gefühl wie zarter Sommerwind und blauer Himmel. Es war fast wie ein kleiner Schock - der erste Theaterbesuch nach monatelanger Zwangspause, der Blick auf einen Beckmann in der Kunsthalle: Darauf mussten wir so lange verzichten? Ein Kommentar von Annette Matz.

von Annette Matz

"Endlich" ist das zurzeit wohl am häufigsten gebrauchte Wort, wenn es um die Öffnung von Theatern und Konzerthäusern geht. Endlich wieder Lachen im Publikum, wenn auch noch unter der Maske. Echte Menschen auf der Bühne, nicht auf dem Bildschirm. Wie groß die Anspannung, der Druck bei den Kulturleuten war, konnte jeder spüren. Genau wie die Freude.

Ballettchef den Tränen nahe

Hamburgs Ballettchef John Neumeier war beim Neustart den Tränen nah. Rührende Gesten in der Elbphilharmonie: Da bekamen die Gäste handsignierte Postkarten. "Schön, dass sie wieder da sind" stand drauf. Auch die Corona-Tests am Einlass wurden mit einem Strahlen kontrolliert. Klappt super. Jetzt ist sogar das Schachbrettmuster erlaubt. Das heißt jeder zweite Platz wird besetzt. Das heißt mehr Publikum. Schön. Aber ein Kraftakt für die Theatermacher. Wieder muss alles neu organisiert werden. Finanziell rechnet sich das kaum. Belohnen wir sie wenigstens alle mit unseren Besuchen. Jetzt gibt es Karten für Abende, die normalerweise ausverkauft sind - für die Elbphilharmonie oder fürs Neumeier-Ballett.

Senat sollte Lockerungen für Clubs erwägen

"Es ist nicht mehr viel, was jetzt noch nicht geöffnet ist", sagt Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) zur Corona-Lage. Das stimmt. Aber auch nicht ganz. Denn Clubs und Diskotheken etwa bleiben geschlossen. Das Infektionsrisiko ist zu groß. Die "jungen Leute" sollen das Leben an der frischen Luft genießen. Das hört sich ziemlich alt an. Bei allem Verständnis. Gerade die Clubs haben unter der Corona-Situation sehr gelitten. Und haben es zumindest verdient, im Fokus von Lockerungsüberlegungen zu stehen. Der Inzidenzwert liegt unter 20. Wie weit soll er noch runtergehen?

"Tanzlustbarkeiten" bleiben verboten

Aber sogenannte "Tanzlustbarkeiten" bleiben verboten. Auch draußen. Vielleicht darf man auf seinem festen Sitzplatz im Konzert mit dem Fuß wippen. Aber Aufstehen und Tanzen ist nicht vorgesehen. Die Tanzschulen dürfen öffnen. Bei "erheblichen körperlichen Bewegungen und gesteigerter Atemluftemission" muss 2,50 Meter Abstand zueinander gehalten werden. Für Standardtanz ein eher absurder Gedanke und für Tanzschulen grenzwertig. Und ein bisschen verstörend, wenn doch Prostitution wieder erlaubt ist.

Hoffnung auf ein "nie wieder"

Hamburg fährt seine strenge Linie weiter. Wenn man keine Tanzschule oder keinen Club hat oder über 22 ist, kann man ganz gut damit leben. Im Moment überwiegt die Freude über wöchentlich neue Lockerungen. Bleiben wir dran. Dann bleibt die Hoffnung auf ein "nie wieder" - nie wieder so lange ohne Live-Kultur.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 12.06.2021 | 08:40 Uhr

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