Kinder in Trauer: Wenn Eltern sterben

Stand: 26.11.2020 14:55 Uhr

"Trauer ist nicht gleich Traurigsein", sagt die 18-jährige Hamburgerin, die sich Leonie nennt. Im Alter von 15 Jahren verlor sie ihre Mutter. Sie wünscht sich Verständnis für die Vielfalt der Trauer von Kindern.

von Lisa Hentschel

Da steht sie. Mit bunten Socken selbstbewusst mit festem Stand auf dem Holzboden. Ihre Füße rollen wie selbstverständlich ab. Nach vorne, nach hinten, nach vorne. Sie wippt sachte, ganz versunken, im Takt mit, schließt die Augen und singt. "Das hier ist heimelig für mich, weckt Erinnerungen und das tut einfach gut", sagt Leonie. Sie möchte ihren eigenen Namen nicht nennen - aus Schutz, nicht aus Scham, wie sie sagt. Der Moment weckt Erinnerungen an ihre Mutter. Sie war die Person, die ihr bei ihrem Gesangsunterricht nah ist, bei jedem Auftritt dabei war, sie in ihrem Hobby unterstützt hat, bis zu ihrem Tod.

Trauerbewältigung: Alltag als Ablenkung

"Leonie" blickt auf ihr Handy. © NDR
Nicht den Kontakt zu ihren Freunden und Freundinnen verlieren - das war Leonie wichtig.

Leonies Mutter stirbt unerwartet, von heute auf morgen - ohne die Möglichkeit für Leonie, sich von ihr zu verabschieden oder ihren bevorstehenden Tod zu verarbeiten. Was der Jugendlichen keiner nehmen kann, ist ihr Alltag. Und den braucht sie auch. "Am Anfang geht es einfach darum, den Tag irgendwie zu überleben. Ich wollte mich nicht verkriechen, nicht zu Hause sitzen, keine Lücke haben, in der ich nichts zu tun habe."

Am Tag nach dem Tod ihrer Mutter geht Leonie wieder zur Schule. "Das war intuitiv, aber für mich genau das Richtige. Das würde ich heute noch einmal genau so machen", sagt sie und erzählt auch, dass sie Glück gehabt habe - mit ihren Lehrern und Lehrerinnen, mit Freunden und Freundinnen, die sie und ihre Trauer respektiert hätten. Und doch sei da diese Erwartungshaltung gewesen: der Glaube, dass mit der Trauer gehe schneller vorbei.

Eine 18-Jährige sitzt in einem Zimmer mit Lampen im Hintergrund und lächelt. © NDR
Zur Trauer gehören alle Emotionen - nicht nur das Traurigsein, betont die 18-jährige Hamburgerin.
Trauer ist mehr als Traurigsein

Erlebt habe Leonie das etwa zehn Monate später. Als die Menschen um sie herum nicht begreifen konnten, warum sie "immer noch" über den Verlust ihrer Mutter trauere. Betroffene erzählen ihr ähnliche Geschichten. In der Gesellschaft herrsche der Konsens, dass Trauern gleichzusetzen sei mit Traurigsein. "So funktioniert Trauer einfach nicht", sagt Leonie und erklärt:

"Trauer von Kindern ist so facettenreich und so individuell wie jeder Mensch es ist. Klar ist man auch mal traurig, aber auch wütend und glücklich. Es geht sogar so weit, dass man denkt, man könnte Bäume ausreißen und Berge versetzen. Doch nur, weil ich glücklich bin, heißt das nicht, dass ich nicht trauere." Leonie

"Kinder in Trauer": Trauergruppe der Diakonie

Das zu erkennen, musste Leonie erst lernen. Das tat und tut sie bis heute in einer der Trauergruppen mit dem Namen "Kinder in Trauer" der Diakonie Hamburg. Kinder, deren Elternteil oder beide Eltern verstorben sind, kommen hier zusammen. Je nach individuellem Entwicklungsstand können sie zwischen sechs und 30 Jahren alt sein.

Trauergruppen für Kinder der Diakonie

  • "Minis": Kinder von etwa 6 bis 8 Jahren
  • "Kids": Kinder von etwa 9 bis 11 Jahren
  • "Teenies": Kinder und Jugendliche von etwa 12 bis 14 Jahren
  • "Jungstars": Jugendliche zwischen etwa 15 bis 19 Jahren
  • "Jungerwachsene": Junge Erwachsene von etwa 20 bis 30 Jahren

"Das, was wir hier machen können, ist Kindern den Druck zu nehmen", erklärt Leonies Trauerbegleiterin Inga Unkrig. In der Schule weiterhin dazuzugehören und im eigenen Zuhause den hinterbliebenen, selbst trauernden Familienmitgliedern nicht zur Last fallen zu wollen - all das führe auch dazu, dass Kinder und Jugendliche ihre Trauer noch mehr als ohnehin schon verschließen. Auch gebe es Betroffene, die aufgrund ihrer Trauer in der Schule gemobbt würden, sagt Unkrig. "Letztlich ist man irgendwie anders. Und das macht es nicht einfach. Dabei sollten wir nie vergessen: Trauerarbeit ist Schwerstarbeit für Körper und Seele und das braucht seine Zeit. Wer sich die nicht nimmt, wird damit mit großer Wahrscheinlichkeit nach Jahren konfrontiert werden" - zum Beispiel in Form von Depressionen, Ängsten, bis hin zu Beziehungsstörungen, so Unkrig.

Familien und Schulen in der Pflicht

Deshalb sei es unabdingbar, dass die hinterbliebenen Elternteile, Familienangehörige sowie die Lehrerinnen und Lehrer betroffener Kinder und Jugendlicher diese motivierten, Trauergruppen wie die der Diakonie zu besuchen. Die Projektleiterin von "Kinder in Trauer", Mechthild Miller, betont: "Wer sich unsicher ist, wie mit Betroffenen umzugehen ist, der kann bei uns eine Schulung machen." Bei der Nachfrage sei noch Luft nach oben. Das gelte auch für die Anzahl an Trauergruppen für Kinder bis junge Erwachsene in Hamburg.

Wartelisten für die einzelnen Trauergruppen sind bei der Diakonie keine Seltenheit. "Da müssten wir Kindern sagen, frage doch in einem halben Jahr noch einmal an. Deshalb bieten wir in solchen Fällen auch an, Einzelgespräche vorab zu führen", versichert Inga Unkrig.

"Trauer ist nicht das Problem, Trauer ist die Lösung"

Der Ast eines Baumes - angeschnitten im Vordergrund zu sehen - mitsamt einigen wenigen noch am Baum hängenden Blättern. © NDR
Ruhe finden, sich Zeit für sich nehmen: Für Leonie ist das heute möglich und nötig.

Seit drei Jahren ist Leonie in einer der Trauergruppen der Diakonie dabei. Eine Zeit, in der sie gelernt hat, ihre Trauer nicht als Problem, sondern als Lösung zu sehen - als andauernden Teil des eigenen Lebens. "Bei der Trauer gibt es keinen Anfang und kein Ende. Trauer ist wie eine Abwärtsspirale. Mal bist du weiter oben, mal weiter unten. Und das ist auch ok so."

Die Zeit, in der sie sich täglich ablenken musste, ist vorbei. Heute braucht die 18-Jährige die Ruhe und sucht sie gerne kurz vor Sonnenuntergang dort, wo kaum andere Menschen sind, dafür viel Natur. "Das Rausgehen, mal nicht an meine Trauer denken, mir Zeit für mich nehmen, das ist wichtig geworden für mich", sagt sie und sorgt damit auch für ein vorsichtiges Lächeln bei ihrer Trauerbegleiterin Inga Unkrig. Denn das zu erreichen, sei das Schönste: zu spüren, dass sich die Zeit, die man sich hier für trauernde Kinder und Jugendliche nimmt, auszahle. Nicht, weil die Trauer weg sei, sondern, weil sie nicht permanent an erster Stelle stehe. Darauf komme es letztlich an.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 26.11.2020 | 19:30 Uhr

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