Stand: 10.10.2019 06:00 Uhr

Boxenstopp für Fernzüge

von Alexandra Bauer, NDR Info Wirtschaftsredaktion

"Zug fällt aus wegen technischer Störung" - solche Anzeigen am Gleis sorgen bei Bahnreisenden immer wieder für großen Ärger. Nur etwa 38 Prozent der Fernzüge waren im Juni dieses Jahres komplett ohne Mängel unterwegs. Die Instandhalter der Deutschen Bahn kommen offensichtlich mit ihrer Arbeit kaum hinterher. Doch woran liegt das und was tut die Bahn dafür, dass das besser wird? Unsere Reporterin Alexandra Bauer hat sich im ICE-Instandhaltungswerk in Hamburg-Eidelstedt ein Bild gemacht:

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Die Züge müssen in relativ kurzer Zeit auf Schäden kontrolliert werden, erklärt Werksleiter Marc Hermann.

In der riesigen Werkshalle stehen acht ICE-Züge auf 2,40 Meter hohen Gleisen, so kommen die Arbeiter auch von unten an die Züge heran. Werksleiter Marc Hermann führt durch die Halle. Am meisten passiere hier in der Nacht, sagt er: "Wenn die Züge hier ankommen - was in der Regel nachts ist - müssen sie auf Schäden kontrolliert werden, was circa eine bis zwei Stunden dauert. Bei Befund müssen die Schäden repariert werden, was idealerweise auch in relativ kurzer Zeit passieren muss. Wir sind nämlich gerade dabei, ein Taktsystem zu entwickeln und das funktioniert nur, wenn die Taktlänge auch einhalten wird."

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Bis zu 22 Züge pro Tag werden gewartet

Wenn das nicht gelingt, kann es zu Zugausfällen oder Verspätungen kommen. Darüber ärgern sich Bahnkunden immer wieder. Bis zu 22 ICEs am Tag müssen im Werk gewartet werden. Manchmal habe man pro ICE nur eine Stunde Zeit. Gehen viele Züge auf einmal kaputt, müssen zusätzliche Wochenend-Schichten eingelegt werden, erklärt Werksleiter Hermann: "Das passiert zum Beispiel an besonders heißen Tagen, wenn Komponenten ausfallen, sodass teilweise ein, zwei Züge vor der Halle auf ein freies Zeitfenster warten. Momentan sind alle acht Gleise besetzt und vier Loks warten noch. Damit sind wir mit unserer Kapazität wirklich an der Grenze."

Das Absaugen der Toiletten gehört dazu

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Mit Arbeitshandschuhen geschützt, saugt Arbeiter Rainer Klaus die Fäkalien aus den Toiletten ab.

An dem Unterboden der ICEs wird auf Hubwagen gearbeitet. Arbeiter Rainer Klaus steht in blauer Montur auf einem der gelben Wagen. In der Hand hält er einen Schlauch, den er am Zug festmacht und die Fäkalien aus den Toiletten absaugt. Seinen Job macht er gerne, sagt er: "Damit man sich nicht schmutzig macht, gibt es ja Arbeitshandschuhe. Und falls doch mal etwas daneben geht, gibt es Reinigungsmittel oder man man wechselt die Klamotten."

Toiletten leeren ist nur eine Aufgabe von Rainer Klaus. Eigentlich arbeitet er als Laufwerkskontrolleur bei der Abteilung Laufwerk/Bremse und untersucht die Züge auf Mängel und Schäden. Mit einer Taschenlampe kontrolliert er zum Beispiel, ob auf der Unterseite des Zuges die Anlenkrollen fest sitzen: "Män fährt da vorbei, leuchtet das ab und dreht ein bisschen an der Anlenkrolle. Wenn sie schlackert, hat sich innen das Gummi aufgelöst. Das meldet man dann oder wechselt es aus. Kleine Reparaturen machen wir schon selber". 

Mit dem Fahrrad durch die Werkshalle

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Um keine Zeit zu verlieren, stehen den Mitarbeitern Fahrräder in der 430 Meter langen Werkshalle zur Verfügung.

Etwa ein Viertel der Fernverkehrszüge in Deutschland kommen zur Wartung nach Hamburg. Um alle Defekte an den Zügen beheben zu können, arbeiten in der Halle bis zu 130 Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen: Mechatroniker, Ingenieure und Elektriker - aber auch Tischler, Schlosser oder Spezialisten für Kaffeemaschinen. Weil die 430 Meter große Werkshalle so lang ist, fahren einige Mitarbeiter mit dem Fahrrad. Auf dem Weg zum Einsatzort soll niemand Zeit verlieren.

Viele Schäden müssen warten

Nur etwa 38 Prozent der Fernverkehrszüge waren im Juni dieses Jahres komplett störungsfrei. Woran das liegt, erklärt sich in einem Nebenraum der großen Werkshalle. Auf einer Tafel werden alle nicht erfüllten Arbeitsaufträge mit einem roten Punkt gekennzeichnet. Die Bilanz heute: "Nicht zufriedenstellend", sagt der Werksleiter. Aber Priorität eins sei, dass der Zug fährt und keine Verspätung produziert. Deswegen werden Bremsen, Antriebstechnik und Türen zuerst repariert. Alles andere ist zweitrangig, manchmal reiche die Zeit nicht für alle Schäden aus: "Besonders an sehr heißen Tagen wie in diesem Sommer gibt es extrem viele Schäden bei der Klimatechnik oder der Antriebstechnik. Dann konzentrieren wir uns eben auf die größten Schäden und alles andere bleibt erst einmal liegen."

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Mitarbeiter werden aufgestockt

In Zukunft sollen mehr Schäden repariert werden. Deswegen wurden im vergangenen Jahr am Standort Hamburg 150 Mitarbeiter neu eingestellt. Weitere 90 sollen folgen. Neben neuen Mitarbeitern braucht das ICE-Instandhaltungswerk aber auch neue Anlagen. Der brandneue ICE 4 kann bisher nur auf zwei Gleisen gewartet werden. Deswegen wird ab kommendem Jahr umgebaut. "Wirklich gut wird es, wenn die neuere ICE 4 Generation die alten Fahrzeuge so langsam ablöst und wir uns dann mit der viel moderneren und robusteren Technik zeitgemäß gegen all die Widrigkeiten wappnen können." Komplett ablösen soll der neue ICE 4 die alte Flotte allerdings nicht. Auch alte Züge sollen fit gemacht werden für die kommenden zehn Jahre.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 10.10.2019 | 14:41 Uhr

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