Stand: 09.11.2018 16:47 Uhr

Hamburgerin zockt Jobcenter und Geflüchtete ab

von Lara Straatmann

Familie Bero wollte raus aus der Erstaufnahme in Stellingen. Nun haben sie 5.000 Euro Schulden. Dabei hatte die geflüchtete Familie große Hoffnung: Eine Frau aus Wandsbek gab sich als Vermieterin aus, versprach ihnen eine Wohnung in Fuhlsbüttel. Sie forderte eine Vermittlungsgebühr von 1.500 Euro, dann würden sie die Wohnung bekommen. Eingezogen ist die achtköpfige Familie aus dem Irak dort nie. Das Geld ist weg.

Sana V. im Interview.

Mietbetrug: Machenschaften seit 2017 bekannt

Hamburg Journal -

Eine Hamburgerin kassiert bei Wohnungsvermietungen erhebliche Vermittlungsgebühren von Flüchtlingen. Obwohl das Jobcenter seit April 2017 davon weiß, werden weiter Mietverträge genehmigt.

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"Sie hat uns gedroht"

"Wir sind zu der Wohnung nach Fuhlsbüttel gefahren. Dort wohnte noch eine Familie, aber sie sagten, sie würden bald ausziehen", erinnert sich Haji Matto Omar Bero an den gemeinsamen Besichtigungstermin mit Sana V. "Sie sagte, sobald das Jobcenter zugestimmt hat, könnten wir einziehen." Die angebliche Vermieterin setzt einen manipulierten Mietvertag auf, veranschlagt für die 120 Quadratmeter große Wohnung 1.560 Euro. Das Jobcenter stimmt zu, zahlt die Erstmiete, die Erstausstattung der Wohnung und 3.435 Euro Kaution. Doch zum Einzug kommt es nicht.

Immer wieder verschiebt Sana V. den Umzug, dann sei die Wohnung plötzlich nicht mehr zu haben. "Sie hat uns gedroht, wenn wir zur Polizei gehen, werde sie uns schaden. Sie sei die Polizei, sie kenne Richter, die Staatsanwaltschaft, sie habe Kontakte zu den Behörden und sie kann dafür sorgen, dass wir in den Irak abgeschoben werden", erzählt Bero. Die Familie hat dennoch Strafanzeige gestellt, ebenso das Jobcenter. Die Kaution und die Vermittlungsgebühr sind scheinbar in den Taschen von Sana V. gelandet, dennoch muss die Familie die Kaution von knapp 3.500 Euro aufgrund eines geschlossenen Darlehenvertrags nun Monat für Monat an das Jobcenter zurückzahlen.

Abzocke mit System

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Mahmoud Osman hatte mit Sana V. einen Untermietvertrag geschlossen. Dass Sana V. für ihn und seinen Mitbewohner jeweils die volle Miete bekam, verstand er nicht.

Das Hamburg Journal konnte Ermittlungsakten einsehen. Es wird deutlich: Sana V. findet immer wieder Lücken im System, beispielsweise dass die Behörden zu wenige Kontrollen durchführen. Sie täuscht aber nicht nur Wohnungsvermittlungen vor, sondern hat noch ein weiteres Geschäftsmodell: In der ganzen Stadt hat Sana V. mehrere Wohnungen angemietet, die sie an Geflüchtete weitervermietet - mit falschen Quadratmeter-Angaben, zu überhöhten Preisen und teils auch mehrfach zur gleichen Zeit.

Auch dem Syrer Mahmoud Osman hat Sana V. eine Wohnung untervermietet. Osman lebte dort mit einem anderen Geflüchteten, für den ebenso ein Mietvertrag existierte und für den das Jobcenter ebenso gezahlt hatte. Sana V. kassierte letztlich von beiden die volle Miete.

Weitreichendes Kontaktnetz

Den Kontakt zu Sana V. soll Osman über einen früheren Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes in der Erstaufnahme Kieler Straße, namens Samir, bekommen haben. "Er hat mir gesagt, dass er eine Frau kenne, die eine Wohnung habe. Sie wolle aber 500 Euro dafür haben. Ich habe mir das Geld geliehen, dann haben wir uns alle getroffen und ich habe gezahlt", erzählt Osman. Ein perfektes System: Offenbar hat Sana V. in zahlreichen Unterkünften Kontaktpersonen, mit denen sie zusammenarbeitet.

Sana V. ist einschlägig bekannt

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Sana V gibt sich seit Jahren als Vermieterin aus, manipuliert Verträge und macht Falschangaben - und das Jobcenter zahlt.

Sana V. hat einen deutschen Pass, ist irakischer Herkunft. Im Internet findet man sie als Geschäftsführerin einer Import-Export-Firma in der Wandsbeker Chaussee. Dem Hamburg Journal erzählt sie, dass ihr eigentliches Unternehmen finanziell zu wenig abwerfe. Dafür laufe seit Jahren ihr Geschäft mit den Wohnungen. Sie verlange eine Vermittlungsgebühr und auch bei der Miete müsse sie etwas draufschlagen, damit sie etwas davon hätte, so Sana V. Ein Schuldbewusstsein hat sie offenbar nicht. "In diese Branche bin ich reingekommen, weil ich habe gearbeitet, gearbeitet und habe gemerkt, ich bekomme nichts. Ich brauche einen festen Boden, dass ich davon auch leben kann. Von daher hole ich dann auch gezielt die Genehmigung vom Jobcenter. Ohne Genehmigung mache ich nicht."

"Betrügereien im sechsstelligen Schädigungsbereich"

Sana V. ist wegen massiver Betrugsvorfälle einschlägig bekannt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Deutsch-Irakerin, bestätigt dem Hamburg Journal insgesamt 19 Fälle. Im vergangenen Jahr wurde ein Strafbefehl wegen Betrugs gegen sie erlassen, dieser sei aber bislang noch nicht rechtskräftig. Aktenkundig sei Sana V. seit 2007, so eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft.

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Rechtsanwalt Rainer Witthöft geht davon aus, dass sich hier um "Betrügereien im sechsstelligen Schädigungsbereich" handelt.

Rechtsanwalt Rainer Witthöft betreut die geflüchteten Familien, die sich nun gegen Sana V. wehren. "Es ist schwer vorstellbar, warum dort nicht Maßnahmen getroffen werden, um solche Vorgänge rasch zu unterbinden, weil es ist ja keine Situation, die nur die Vergangenheit beurteilt. Wir wissen aus den Unterlagen, sie macht immer weiter." Witthöft selbst sind 20 Fälle bekannt, er vermutet jedoch eine wesentlich höhere Dunkelziffer: "Wir müssen davon ausgehen, dass hier Betrügereien im sechsstelligen Schädigungsbereich vorgenommen werden."

Das Jobcenter zahlt weiter

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Bereits im April 2017 wurden die Mitarbeiter des Hamburger Jobcenters über das Vorgehen von Sana V. informiert.

Das Jobcenter äußert sich auf Anfrage des Hamburg Journals nur schriftlich zu dem Sachverhalt: "Haben wir einen Verdachtsfall, dann erstattet Jobcenter team.arbeit.hamburg Strafanzeige. So geschehen in diesem Fall. Unsere zwölf Verdachtsfälle haben wir am 16. Juni 2017 an das Landeskriminalamt abgegeben."

Dem Hamburg Journal liegen interne E-Mails vor, die belegen: Bereits seit April 2017 ist das Jobcenter über die Machenschaften von Sana V. alarmiert:

Guten Morgen liebe Kolleginnen, ich möchte Sie/Euch über nachstehenden Verdacht von Leistungsbetrug durch fingierte Mietverträge informieren [...]. Es handelt sich um Adressen in Ohlsdorf, Sasel, Wandsbek und Eilbek. Vermieterin ist laut Mietangeboten bzw. Mietverträgen eine Frau Sana V. [...]. Diesseits werden ab sofort Mietübernahmen für zukünftig ähnlich lautende Sachverhalte nicht mehr bzw. nur in Absprache [...] geprüft und beschieden. Interne Mail des Hamburger Jobcenters

"Da findet keine Kontrolle statt"

Doch Recherchen des Hamburg Journals belegen: Das Jobcenter bezahlt bis heute weiter. So beispielsweise für eine Wohnung am Friedrich-Ebert-Damm. Sana V. hat diese an eine achtköpfige Familie vermietet. Eigentlich ist die Wohnung 80 Quadratmeter groß. Doch vermietet wird sie jetzt mit 110 Quadratmetern Wohnfläche. Das Jobcenter zahlt dafür aktuell 1.580 Euro warm.

Die Familie hat zudem 4.500 Euro Vermittlungsgebühr gezahlt. Gemeinsam mit ihrem Nachbarn meldete die Familie den Betrug beim Jobcenter. Passiert sei bislang nichts. Auf Nachfrage des Hamburg Journals antwortete das Jobcenter, man wolle dem Hinweis des NDR auf diese Wohnung nachgehen und für eine interne Prüfung weiterleiten. "Da findet keine Kontrolle statt", sagt Rechtsanwalt Witthöft. "Das ist ja eine papierende Kontrolle anhand der vorgelegten Dokumente. Und wer schöne Papiere vorlegt, bekommt auch das schöne Geld dafür."

Ein lohnendes Geschäft

Unterdessen läuft das Geschäft von Sana V. weiter, täglich bekommt sie neue Kundschaft. Dem Hamburg Journal erklärt sie, aktuell habe sie 20 bis 25 Wohnungen untervermietet. Ein lohnendes Geschäft.

Angeklagt in acht Fällen

"Sana V. wurde am 30. Oktober 2018 wegen gewerbsmäßigen Betruges in acht Fällen angeklagt", so die Sprecherin der Staatsanwaltschaften Nana Frombach. Ein Hauptverhandlungstermin sei noch nicht anberaumt worden.

 

Weitere Informationen

Flüchtlinge in Hamburg

Viele Flüchtlinge suchen Schutz in Hamburg. NDR.de sammelt hier Nachrichten, Reportagen und Interviews zum Thema Flüchtlinge in Hamburg. mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 24.04.2018 | 18:00 Uhr

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