Hamburger Pella Sietas Werft stellt Insolvenzantrag

Stand: 30.07.2021 19:29 Uhr

Die Hamburger Pella Sietas Werft hat am Donnerstag einen Insolvenzantrag gestellt. Für die Beschäftigten bedeutet das eine ungewisse Zukunft.

Zuständiges Insolvenzgericht ist das Amtsgericht Hamburg. Es hat ein vorläufiges Insolvenzverfahren eröffnet und den Hamburger Achim Ahrend zum Insolvenzverwalter bestimmt, der jetzt das Ruder bei dem Unternehmen übernimmt. Das teilte ein Gerichtssprecher am Freitag mit. Ahrendt ist Partner der bundesweit operierenden Kanzlei Hermann Wienberg Wilhelm (HWW), die zu den großen auf Sanierungen und Insolvenzen spezialisierten Kanzleien in Deutschland zählt. Zudem wurde ein vorläufiger Gläubigerausschuss eingerichtet.

"Die durch die Corona-Pandemie verursachten Liquiditätsengpässe und die dramatische wirtschaftliche Situation im deutschen Schiffbau haben leider zur Zahlungsunfähigkeit geführt", erklärte Werft-Chefin Natallia Dean. Zu den Ursachen der Insolvenz sagte Dean dem Hamburg Journal im NDR Fernsehen, die Lieferketten seien zusammengebrochen: "Das ist wie ein Schneeball. Man versucht mit den Banken, mit den Gesellschaftern, mit den Auftraggebern alles zu versuchen. Aber alle haben gelitten." Am Ende hat offenbar eine russische Bank den Geldhahn zugedreht.

Hunderte Mitarbeiter betroffen

Die Insolvenz der Pella Sietas GmbH betrifft nach ihren Angaben rund 350 festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie etwa 300 Leih- und Werkvertragsarbeiter, die bereits seit Monaten auf ihr Entgelt warten. Kündigungen seien "derzeit nicht" geplant. Sie äußerte sich "überzeugt, dass Pella Sietas eine Zukunft hat". Derzeit bemüht sich die Werft nach Deans Angaben um Hilfsgeld aus dem in der Corona-Krise aufgelegten Wirtschaftsstabilisierungsfonds des Bundes.

Gute Auftragslage

Dean sagte, sie sei überzeugt, dass Pella Sietas eine Zukunft habe. Die Werft verfüge über "eine hervorragende Auftragslage für die kommenden Jahre". Auch andere Beteiligte bezeichneten die Auftragslage der Werft als gut. Ein Eisbrecher liegt auf Kiel, ein Baggerschiff soll gebaut werden. Der Staatsrat der Wirtschaftsbehörde, Andreas Rieckhof (SPD), meinte im Gespräch mit NDR 90,3: "Es mangelt nicht an Aufträgen. Es mangelt an Liquidität." Beschäftigte und Lieferanten müssten bezahlt werden, damit weiter gearbeitet werden könne. Dem Hamburg Journal sagte Rieckhof, die Stadt werde sich dafür einsetzen, den Industriestandort in Neuenfelde zu erhalten, "am besten natürlich als Werftstandort".

Investor gesucht

Ein Insolvenzverwalter muss zunächst mit den Gläubigern sprechen und im besten Fall frisches Geld in Form eines Investors auftreiben. So konnte die Sietas-Werft 2014 zum Beispiel durch die russische Pella Werft gerettet werden. Das geht aber nach Einschätzung von Experten aber nicht von heute auf morgen, sondern kann einige Monate dauern.

Verschlicktes Hafenbecken

Neben den branchenweiten Problemen der deutschen Schiffbauer kämpft Pella Sietas mit einem speziellen Problem, das mit der Lage am Südufer der Elbe an der Mündung des Nebenflüsschens Este im Stadtteil Neuenfelde zusammenhängt. Dort verschlickt das Hafenbecken, und ohne Baggerarbeiten oder regelmäßige Spülungen könnten fertige Schiffe die Werft nicht verlassen - und blockierten dann Fertigungsflächen, die für andere Aufträge benötigt würden.

Werft besteht seit 1635

Die Sietas Werft in Hamburg-Neuenfelde ist Deutschlands älteste noch bestehende Werft. Die Werft wurde 1635 erstmals urkundlich erwähnt. Bis 2009 war das Unternehmen in Familienbesitz. Wegen der Krise im Schiffbau verlor die Familie die Kontrolle über das Unternehmen. 2014 übernahm der russische Schiffbauer Pella Shipyard die Werft, die jetzt offiziell Pella Sietas heißt. Seitdem wurden besonders im Spezialschiffbau Aufträge an Land gezogen.

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Eine Animation des neues Eisbrechers der Pellas Sietas Werft. © Pella Sietas Werft

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