Stand: 19.12.2017 07:06 Uhr

G20-Randale: Polizei startet Foto-Fahndung

Mehr als fünf Monate nach den schweren Ausschreitungen während des G20-Gipfels hat die Hamburger Polizei die größte Öffentlichkeitsfahndung seit Jahren gestartet: Die Ermittler präsentierten am Montag Fotos von 104 Verdächtigen, die bisher nicht identifiziert werden konnten. Ihnen werden jeweils erhebliche Straftaten vorgeworfen, wie Oberstaatsanwalt Michael Elsner erläuterte. In den meisten Fällen gehe es um gefährliche Körperverletzung, schweren Landfriedensbruch oder Brandstiftung. Die Polizei stellte zudem Videosequenzen auf ihre Seite, die das Ausmaß der Straftaten bei den Protesten gegen den G20-Gipfel Anfang Juli zeigen.

Ein Verdächtiger stellt sich der Polizei

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Auf großen Fotos zeigt die Polizei Bildmaterial von mutmaßlichen Tätern. Im unteren Bereich sind vermummte Köpfe als Symbolbilder für bereits identifizierte Verdächtige eingefügt.

Offenbar zeigte der Fahndungsdruck umgehend Erfolge. Wie die Polizei auf Nachfrage von NDR 90,3 am Montagabend bestätigte, gingen bereits im Laufe des Tages 25 bis 30 konkrete Hinweise bei den Ermittlern ein. Zudem stellte sich ein Tatverdächtiger, der per Foto gesucht wurde. Die Polizei prüft nach eigenen Angaben nun, ob der Mann wirklich einer der gesuchten Tatverdächtigen ist. Er gehört zu den mutmaßlichen Plünderern, die in der Schanze in Geschäfte eingebrochen sind.

Für die Fahndung hatte die Sonderkommission "Schwarzer Block" riesige Mengen von Bild- und Videodateien gesichtet. Dabei wurden auch Aufnahmen von Privat-Handys, Journalisten und Überwachungskameras in Bussen und Bahnen ausgewertet. In allen 104 jetzt veröffentlichten Fällen hätten Amtsrichter der öffentlichen Fahndung dann zugestimmt. Zeitweise arbeiteten bis zu 180 Mitarbeiter in der Soko.

Spezial-Software kommt zum Einsatz

Wie der Pressesprecher der Polizei Hamburg, Timo Zill, am Montag sagte, soll im Laufe des Verfahrens auch eine neuartige Gesichtserkennnungssoftware eingesetzt werden. Die Ermittler erhoffen sich davon Hilfe für die Auswertung der immensen Datenmengen von mehr als zwölf Terabyte, so Zill. Der Sprecher rief die Bevölkerung zur Mithilfe auf. Den Gesichtern müsse eine Identität gegeben werden, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Link

Hier fahndet die Polizei nach G20-Verdächtigen

Die Hamburger Polizei hat Fotos von G20-Verdächtigen auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Hier geht's zu den Bildern. extern

Es geht um fünf Komplexe

Insgesamt haben die Beamten die Taten in fünf Komplexe unterteilt: Es geht um den Vandalismus auf der Elbchaussee, die Ausschreitungen am Rondenbarg, um Stein- und Flaschenwürfe, die Plünderungen und die Kundgebung "G20 not Welcome".

Hotline und Hinweis-Portal eingerichtet

Wer Hinweise geben will, kann dies auch anonym tun. Im Internet hat die Polizei ein Portal dafür eingerichtet. Eine Telefon-Hotline ist unter der Nummer 040 4286 76543 geschaltet. Der Link zu den Fotos ist unter www.polizei.hamburg abrufbar.

Die Polizei schätzt, dass in den drei Tagen vom 6. bis zum 8. Juli 5.000 bis 6.000 Täter aktiv waren. Die Soko "Schwarzer Block" habe bislang 3.340 Ermittlungsvorgänge eingeleitet, sagte Polizeisprecher Timo Zill. Bei mehreren Hundert Verfahren seien Beschuldigte bereits namentlich festgemacht worden.

Kritik an der Aktion

Die Linken-Innenpolitikerin Christiane Schneider nannte den Fahndungsaufruf "unkontrollierbar, stigmatisierend und kriminalisierend". Bei den gezeigten Szenen von teilweise bedrückender Gewalt sei nicht klar, für was die Tatverdächtigen verantwortlich gemacht werden. Außerdem könne man den Umgang mit den Fotos im Internet nicht mehr kontrollieren, so Schneider. Die FDP hofft, dass die Hinweise zur Identifizierung der Tatverdächtigen führen. Allerdings zeige sich wieder einmal, dass der Senat den Gipfel schlecht vorbereitet habe, so ihr innenpolitischer Sprecher Carl Jarchow.

Als Reaktion auf die Öffentlichkeitsfahndung veröffentlichten Berliner Linksautonome Fotos von Polizisten. Gleichzeitig drohten sie den Polizeibeamten im Internet indirekt. Die Polizeigewerkschaften reagierten entsetzt und sprachen von einer Gefahr durch "linksextremistische Terroristen".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 19.12.2017 | 06:00 Uhr

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