Stand: 17.05.2018 23:06 Uhr

G20-Ausschuss: Selbstkritik von Behörden

Bei den Krawallen während des G20-Gipfels im Juli 2017 haben die Sicherheitsbehörden in Hamburg-Altona kurzfristig die Kontrolle über die Lage verloren. Das räumten Polizei und Innenbehörde in der Sitzung des G20-Sonderausschusses am Donnerstag ein. Brennende Autos, zersplitternde Scheiben und ein randalierender Mob am 7. Juli an der Elbchaussee - diese Situation konnte damals nicht schnell genug unter Kontrolle gebracht werden, erklärte Innensenator Andy Grote (SPD) selbstkritisch. "Ein Gefühl von Ohnmacht und auch von dem Gefühl, dass man der eigenen Verantwortung an dieser Stelle oder der Verantwortung, die wir an Sicherheitskräfte in der Stadt haben, nicht entsprechen konnte. Das ist ein furchtbares Gefühl", so der Senator. Die Randalierer seien gezielt, schnell und trainiert vorgegangen. Grote verglich die Ausschreitungen mit Terrorismus. Die Gefährdung von Menschenleben sei teilweise bewusst in Kauf genommen worden.

1,5 Millionen Euro Schaden in 19 Minuten

Nach Angaben des Leiters der Sonderkommission "Schwarzer Block", Jan Hieber, haben an dem besagten Morgen rund 220 Menschen innerhalb von 19 Minuten einen Schaden von 1,5 Millionen Euro angerichtet. Sie seien in "paramilitärischer Anmutung" die Straße entlanggezogen. Sie hätten 19 Autos angezündet, versucht, Feuer in Altonaer Geschäften zu legen und mehrere Streifenwagen der Bundespolizei angegriffen. Ein Beamter habe seine Schusswaffe gezogen. Die Aktion hätte mit Toten enden können, so Hieber. Die Teilnehmer des "schwarzen Mobs" hätten nicht vor Gewalt gegen Menschen zurückgeschreckt. Eine Anwohnerin, die ein Smartphone ergriffen habe, sei attackiert und getreten worden. In den Geschäften, die in Brand gesetzt werden sollten, hätten sich Menschen aufgehalten. Insgesamt seien 133 Einzelstraftaten verübt worden.

Disziplinierte Täter

Die Täter seien unauffällig gekleidet, einzeln, als Pärchen oder in kleinen Gruppen zur Elbchaussee gefahren, erklärte Hieber. In einem Park hätten sie sich vermummt und seien dann losmarschiert. Zunächst hätten sie einen großen Rauchsatz gezündet und sogenannte Krähenfüße auf die Fahrbahn gelegt, um die Verfolgung der Polizei zu erschweren. Die Täter seien "sehr diszipliniert" vorgegangen. Laut Torsten Voß, Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes, seien die Täter sehr im Geheimen vorgegangen. Sein Amt habe vorher keine Hinweise auf die Planung gehabt.

Entschuldigung bei den Hamburgern

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer bat die Hamburger um Verzeihung für das Nichteingreifen der Beamten. Ausreichende Kräfte hätten in so kurzer Zeit nicht kommen können. Zeitgleich hatten mehrere Gruppen in der Stadt versucht, zum Veranstaltungsort des Gipfeltreffens und den Hotels der Staatsgäste mit einer sogenannten Fingertaktik vorzudringen und sie zu blockieren. Einer der "Finger" aus rund 200 Personen aus einem Protestcamp am Volkspark Altona, habe die Polizei von Beginn an angegriffen, erklärte Hieber. Als die Polizei den Zug von Vermummten in der Straße Rondenbarg im Stadtteil Bahrenfeld gegen 6.30 Uhr stoppte, versuchten Teilnehmer über ein Geländer zu flüchten. Mindestens 14 Menschen hätten sich dabei verletzt. Die Polizei nahm 59 Personen fest.

Kritik an Informationspolitik

Zu Beginn der Sitzung hatte der Sonderausschuss die Weigerung des Senats kritisiert, Polizeivideos der Ausschreitungen zu übergeben. Die Vertreter der Hamburger Grünen, von CDU, FDP und AfD äußerten ihren Unmut über mangelnde Unterlagen. Ein Antrag der Hamburger Linksfraktion, die Sitzung zu verschieben, bis der Senat die Videos vorlege, lehnte der Ausschuss jedoch mit großer Mehrheit ab.

Erneute Veröffentlichung von Fahndungsvideos

Unterdessen treibt die Polizei die Ermittlungen gegen die Gewalttäter weiter voran. Erst am Mittwoch veröffentlichte sie gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Fotos von 101 Verdächtigen im Internet. Im Anschluss konnten bereits acht Personen identifiziert werden.

Weitere Informationen

Neue G20-Foto-Fahndung: Erste Identifizierungen

Polizei und Staatsanwaltschaft haben eine zweite Öffentlichkeitsfahndung nach G20-Randalierern gestartet. Weitere 101 Fotos von mutmaßlichen Tätern sind jetzt im Internet. (16.05.2018) mehr

Polizei: "Versammlungsfreundlich" bei G20

Vor dem G20-Sonderausschuss hat die Polizeiführung betont, dass sich die Beamten bei Demonstrationen kooperativ verhalten hätten. Die Polizei zählte mehr als 700 Straftaten bei "Welcome to Hell". (05.04.2018) mehr

G20: 138 Verfahren gegen Polizisten

Nach dem G20-Gipfel im Juli 2017 in Hamburg sind bislang insgesamt 138 Ermittlungsverfahren gegen Polizisten geführt worden. Den meisten von ihnen wird Körperverletzung im Amt vorgeworfen. (16.03.2018) mehr

G20: 85 Millionen Euro für Polizeieinsätze

Nach dem G20-Gipfel in Hamburg stehen nun endlich die Kosten für die Polizeieinsätze fest. Von den insgesamt rund 85 Millionen Euro übernimmt der Bund den Großteil. (17.03.2018) mehr

Bislang 43 Urteile wegen G20-Krawallen

In Hamburg gab es bislang 43 Urteile wegen der Ausschreitungen beim G20-Gipfel. 26 Entscheidungen sind rechtskräftig. Die Polizei will die Öffentlichkeitsfahndung ausweiten. (10.02.2018) mehr

G20-Gipfel in Hamburg

Der G20-Gipfel 2017 fand am 7. und 8. Juli 2017 in Hamburg statt. Im Dossier finden Sie News, Videos, Bilderstrecken und Reaktionen auf das Gipfeltreffen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 17.05.2018 | 18:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:02
Hamburg Journal

Einbruchsaison beginnt: Polizei macht mobil

22.10.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:07
Hamburg Journal

Hamburgs Baustellen werden neu koordiniert

22.10.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal
03:22
Hamburg Journal

Der Personalausweis der Zukunft

22.10.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal