Stand: 23.01.2019 16:26 Uhr

Flüchtlinge: Wie weiter mit Hamburgs Großunterkunft?

Laut Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ist die Zahl der Asylanträge das dritte Jahr in Folge zurückgegangen. 2018 wurden demnach insgesamt knapp 162.000 Erstanträge gestellt - rund 18 Prozent weniger als 2017. Hinzu kämen rund 23.000 Folgeanträge, sagte Seehofer am Mittwoch. Auch Hamburg musste im vergangenem Jahr mit rund 4.800 Flüchtlingen etwa 600 Menschen weniger aufnehmen als im Jahr zuvor. Doch trotz des Rückgangs an Neuankünften sorgt ein Wohnkomplex für Zuwanderer im Hamburger Stadtteil Billwerder weiter für Unmut. In dem Quartier sind etwa 2.500 Geflüchtete untergekommen. Es zählt zu den größten Flüchtlingsunterkünften Deutschlands.

von Marc Hoffmann, NDR Info

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Ibrahim Ahmad fühlt sich in seiner eigenen Wohnung in Billwerder viel wohler als in seinen vorherigen Unterkünften.

Ibrahim Ahmad ist die arabische Gastfreundschaft sehr wichtig. Er lädt zu Kaffee und Tee ein. Der 49-Jährige aus Syrien will unbedingt zeigen, wie er am Gleisdreieck in Hamburg-Billwerder wohnt. Sonst sind nur wenige Menschen unterwegs. Zwischen den vierstöckigen Neubauten mit hellem und dunklem Klinker weht ein leichter Wind.

Großunterkunft im Eiltempo errichtet

Im Eiltempo sind die Wohnblocks an den S-Bahn-Gleisen entstanden. Die Entscheidung war gefallen, als Hamburg auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise dringend Wohnraum für die Tausenden ankommenden Flüchtlinge brauchte.

Ahmad lebt im dritten Stock. Der Aufzug ist leider kaputt, stöhnt er. Heißt: Treppen steigen. Er führt durch sein eigenes Zimmer. Die Auslegeware ist weich. Die Möbelstücke passen nicht so recht zusammen. Die graue Couch nimmt viel Platz ein. An der Wand lehnen Matratzen. Eilig räumt Ahmad einen vollen Aschenbecher vom Wohnzimmertisch.

Bewohner zahlt 200 Euro Miete

Mit ein paar Brocken Deutsch versucht er zu erklären, wie wohl er sich hier fühlt, ganz anders als in beengten Wohncontainern, die er auch schon kennengelernt habe. Dort habe es immer Probleme mit Nachbarn gegeben. "Aber jetzt, seit ich alleine wohne: kein Problem."

200 Euro Miete zahlt er im Monat, Strom und Wasser inklusive. Küche und Bad teilt sich der gelernte Bauarbeiter mit seinem afghanischen Nachbarn. Seit mehr als einem Jahr lebt er nun schon hier.

Kritik: Großunterkunft verhindert Integration

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Für Kritiker ist die Großunterkunft am Gleisdreieck nicht förderlich für die Integration.

Zu lange, findet Klaus Schomacker von der Initiative "Hamburg für gute Integration". Schomacker gehört zu den lautesten Kritikern der Einrichtung in Billwerder. "Also mittlerweile ist die Zeit, die die Menschen in den öffentlichen Unterkünften wohnen, bei drei Jahren ungefähr angekommen. Das heißt, man kann auch feststellen, dass ganz viele Menschen dort dauerhaft wohnen werden", sagt Schomacker.

Das verhindere die Integration, klagt er. An der Spitze mehrerer Bürgerinitiativen setzte er 2016 einen so genannten Bürgervertrag durch. Darin verpflichtet sich die Stadt, Bewohner solcher Großunterkünfte innerhalb weniger Jahre auf die ganze Stadt zu verteilen - für eine bessere Integration.

Vertraglich geregelte Reduzierung noch nicht vollzogen

Statt der 2.500 Bewohner sollen laut Vertrag schon Ende des Jahres nur noch maximal 300 Zuwanderer am Gleisdreieck in Billwerder unterkommen. Doch eine Reduzierung habe in Billwerder noch nicht stattgefunden. "Es hätten jetzt schon 1.500 Menschen weniger dort wohnen müssen", sagt Schomacker. Schon jetzt ist klar: Den Zeitplan wird die Hansestadt nicht halten können.

Umwandlung in Sozialwohnungen nicht ganz einfach

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Die 2017 fertiggestellten Wohnungen sollen größtenteils in Sozialwohnungen umgewandelt werden. (Archivbild)

Die Sache ist kompliziert. Denn ein Großteil der heutigen Flüchtlingsunterkunft an der S-Bahnstation Mittlerer Landweg soll in Sozialwohnungen umgewandelt werden. Hamburgs Flüchtlingskoordinator Anselm Sprandel verweist aufs Kleingedruckte im Bürgervertrag: "Darin steht auch, dass dafür zwei Voraussetzungen gegeben sein müssen. Erstens brauchen wir das Baurecht dafür." Das hänge aber vor allen Dingen am Lärmschutz. "Und zweitens muss der Investor, der den Mittleren Landweg gebaut hat, dem zustimmen. Denn der ist unter anderen Bedingungen angetreten", ergänzt Sprandel.

Die Verhandlungen würden laufen. Der Flüchtlingskoordinator verspricht: Auch wenn es nun länger dauert, Hamburg werde sich an die Vereinbarung mit den Bürgerinitiativen halten.

Ahmad weiß nicht, wann er ausziehen muss

Wie lange Ibrahim Achmad noch in der Großunterkunft in Billwerder bleiben kann, weiß er selbst nicht so genau. Der 49-Jährige ist hin- und hergerissen. In Billwerder, gibt er zu, kann er in seiner Wohnung inmitten arabischer Nachbarn auch ruhig mal lauter sein. Deutsche Nachbarn wären da sicher kritischer.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 23.01.2019 | 07:20 Uhr

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