Stand: 06.07.2018 06:21 Uhr

Ein Jahr nach G20: Friedliches Cornern

Zum Jahrestag des G20-Gipfels ruft die linke Szene erneut zu Protesten in Hamburg auf. Bis Sonntag soll es Demonstrationen, Workshops und Diskussionsveranstaltungen geben. Los ging es am Donnerstagabend: Rund 600 Sympathisanten der Szene trafen sich zum gemeinsamem Biertrinken und Musikhören auf Straßen in St. Pauli und im Schanzenviertel. Mit diesem sogenannten "Massencornern" hatten auch vor einem Jahr die Proteste gegen den Gipfel in der Stadt begonnen - mit bekanntem Ausgang. Vor einem Jahr brannten hier im Hamburger Schanzenviertel die Barrikaden.

"Der Rauch, das Feuer, die Jagd-Szenen, die hier rauf und runter gingen auf der Straße. Das ist das, was sich dann, glaube ich, auf lange Sicht am meisten eingebrannt hat." Der Autor Tim Sohr ist einer der vielen tausend Anwohner, die am Abend des 7. Juli 2017 stundenlang darauf gewartet haben, dass die Polizei kommt und den Krawallen ein Ende macht. "Irgendwann war einfach klar: Sollte es bei uns am Haus anfangen zu brennen oder so etwas in der Richtung passieren, wäre wahrscheinlich erst einmal niemand gekommen. Ein bisschen Angst hat man da schon bekommen."

Eine Erzählung hat sich durchgesetzt

Die Polizei habe unverhältnissmäßig hart durchgegriffen und dort, wo sie wirklich gebraucht wurde, habe sie die Menschen allein gelassen: Das ist die Erzählung, die sich im links-alternativen Schanzenviertel durchgesetzt hat. Aber es gibt auch andere Stimmen. "Wenn ich das insgesamt betrachte, dann habe ich Vertrauen, dass die Polizei dazu da ist, um unsere Sicherheit zu gewährleisten und nicht um zu provozieren", sagt Silvia. Sie wohnt mit ihrem Mann Erik und ihren beiden Söhnen im Schanzenviertel.

Sie steht auf Seiten der Polizei - ihr norwegischer Mann eher auf Seiten des Protestes - auch des militanten Protestes. "Wenn man bei den Errungenschaften der letzten hundert Jahre von der Gleichberechtigung von Frauen und von Schwulen guckt, lief das auch nicht immer friedlich. Und wir sind jetzt sehr dankbar für die Errungenschaften, die die damals für uns erkämpft haben", sagt Erik. "Bin ich ganz anderer Meinung", sagt seine Frau Silvia. "Es ist was anderes in einem Land, in dem massive Staatsgewalt ausgeübt wird, dass dann vielleicht auch Gegenmittel Gewalt sein muss, das ist was ganz anderes als bei uns, wo demokratische Entscheidungen getroffen werden und das sind einfach gewisse Regeln, die dann von allen Seiten eingehalten werden müssen."

Polizei rechnet jetzt nicht mit Ausschreitungen

Viele Geschäftsleute im Schanzenviertel, deren Läden bei den Krawallen zerstört wurden, haben inzwischen eine Entschädigung aus dem G20-Härtefallfonds bekommen. Genauso wie die Kinder einer Grundschule im Schanzenviertel, die während des Gipfels nicht zur Schule gehen konnten. Erst kürzlich durften sie auf Kosten der Stadt einen Tag im Tierpark Hagenbeck verbringen. "Ich glaube, die haben uns eingeladen, weil das mit dem G20 nicht so schön war.", sagt einer der Schüler. "Man konnte wirklich kaum schlafen, es war Krach, Feuer, es war hell, es war wirklich voll blöd." An diesem Wochenende, ein Jahr nach dem Gipfel, rechnet die Polizei nicht mit Ausschreitungen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 06.07.2018 | 06:00 Uhr

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