Stand: 29.08.2020 12:51 Uhr

Corona macht Unternehmer zum Hartz-IV-Empfänger

Noch vor ein paar Monaten war Meik Blume erfolgreicher Einzelunternehmer. Der Veranstaltungstechniker konnte seine Familie in Hamburg locker ernähren. Dann kam Corona - und alles ging schnell bergab. Blume und seine Familie leben jetzt von Hartz IV.

VIDEO: Hartz IV: Selbstständiger in Not (3 Min)

"Im Regen stehen gelassen"

"Man wird nicht nur im Regen stehen gelassen, man wird gedemütigt als Einzelunternehmer", findet Blume. Zwar wird ihm mit der neuen Corona-Regelung die Miete in voller Höhe gezahlt. Auch Rücklagen bleiben unangetastet, in seinem Fall bis zu 120.000 Euro. Für die Lebenshaltung gibt es aber nur das Existenzminimum. Und das findet Blume problematisch. Denn die Familie müsse nun praktisch mit zehn Prozent des bisherigen Einkommens zurecht kommen, so Blume. Das Geld vom Job-Center reiche gerade aus, um zwei Wochen zu finanzieren, dann müsse er auf seine Rücklagen zurückgreifen.

Jobcenter: Es geht darum, Lebensunterhalt zu sichern

Dirk Heyden, Chef des Jobcenters Hamburg, zieht dagegen eine positive Bilanz. "Der Gesetzgeber hat ja mit dem Sozialschutzpaket Vorsorge getroffen, dass diese Menschen nicht ins Nichts fallen, sondern dass der Lebensunterhalt gesichert ist", betont Heyden.

140 Seiten für das Existenzminimum

In der Praxis ließen sich einige Ausgaben aber nicht so einfach streichen, erklärt Blume - wie etwa die Hobbys seiner Töchter oder die Versicherungen der Familie. Der vereinfachte Antrag zum Existenzminimum ist 140 Seiten lang, berichtet Blume, der sich derzeit fast täglich mit Behörden und Formularen herumschlägt. "Bei Selbstständigen ist wichtig zu wissen, dass die eine Prognose abgeben zu ihren Betriebseinnahmen und ihren Betriebsausgaben. Wenn es keine erhebliche Änderungen gibt, dann gilt diese vorläufige Schätzung auch für die weitere Bewilligung", erklärt Jobcenter-Chef Heyden. Danach müssten keine weiteren Kontoauszüge eingereicht werden.

"Man ist perplex"

Meik Blume hat das Prozedere anders erlebt. Seine Familie hätte alle Konten seit April offenlegen müssen. Auch jede Ortsabwesenheit für Familienbesuche muss er beantragen. "Man ist perplex, warum man sich jetzt so unterwürfig verhalten muss", sagt Blume.

Die zwei Millionen Menschen in der Veranstaltungsbranche erwirtschaften normalerweise 70 Milliarden Euro Umsatz - doppelt so viel wie die Lufthansa. Die Corona-Krise bringt nun immer mehr von ihnen an den Rand ihres Existenzminimums.

 

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