Stand: 10.04.2020 12:00 Uhr

Corona: Krankenhaus schaltet Hotline für Angehörige

von Lisa Hentschel

Seit Mitte März folgen Hamburger Krankenhäuser der Empfehlung des Robert Koch-Instituts (RKI), das sich in Zeiten von Corona für ein flächendeckendes Besuchsverbot ausspricht. Besonders hart trifft das die Patientinnen und Patienten und Angehörigen, für die digitales Kommunizieren nicht möglich ist. Dort die Verbindung nicht abreißen zu lassen, ist Ziel der "Angehörigenbrücke". Der Kopf hinter der Idee ist Holger Vollmer-Kammigan.

VIDEO: Krankenhaus ruft Hotline für Angehörige ins Leben (3 Min)

"Ich soll hier noch eine Tasche abholen." Für Holger Vollmer-Kammigan ist es eine Station von vielen heute, für Angehörige eine unüberwindbare Barriere. Der Intensivpfleger steht an der "Zentralen Information" des Marienkrankenhauses. Kleidung und Wäsche entgegenzunehmen, die Angehörige nicht weiter ins Krankenhaus hineinbringen dürfen, ist Teil seiner Arbeit im Team der "Angehörigenbrücke". Aber eben auch nur eine Aufgabe von vielen.

Hotline "Angehörigenbrücke"

Angehörige von Patientinnen oder Patienten im Marienkrankenhaus können sich über die jeweilige Station sowie über die Information des Krankenhauses mit dem Team der "Angehörigenbrücke" verbinden lassen:

Nummer Zentrale: 040 25460

Hotline erreichbar: montags bis sonntags von 08:00 - 18:00 Uhr

"Uns rufen auch mal 50, 60 Angehörige am Tag an und erkundigen sich nach dem Gesundheitszustand ihres engsten Vertrauten. Wir überbringen ihre Sorgen und Wünsche, sowohl an die zuständigen Ärzte als auch direkt an die Patienten." Und umgekehrt: Möchten Patientinnen und Patienten in Zeiten von Corona Wünsche und Botschaften an ihre Angehörigen übermitteln, ist das Team der "Angehörigenbrücke" dafür im Einsatz - eine Brücke in beide Richtungen.

"Angehörigenbrücke": Ein Mann, eine Idee, ein Team

Holger Vollmer-Kammigan, Koordinator des palliativen Care-Teams und Begründer der "Angehörigenbrücke" am Marienkrankenhaus, lächelt bei der Pause.
Die Idee kam Holger Vollmer-Kammigan auf dem Weg nach Hause. Zwei Tage später ging die Hotline offiziell an den Start.

Die Idee des Hilfe-Telefons - das mehr ist als eine Hotline - kam dem Intensivpfleger auf dem Fahrrad nach der Arbeit. Dass das Besuchsverbot flächendeckend ausgesprochen werden sollte, war nur noch eine Frage der Zeit. "Das hat mich nicht losgelassen. Ich habe mich hingesetzt, ein Konzept geschrieben, das meiner Chefin vorgelegt - und es gab weder ein Wenn, noch ein Aber. Einfach ein: 'Das machen wir so!'" Zwei Tage später, am 19. März, ging es offiziell los mit der "Angehörigenbrücke". Erst angesiedelt im Bereich der Intensivpflege, mittlerweile unterstützen Kolleginnen und Kollegen von der Seelsorge und Psychologinnen und Psychologen das rund zehnköpfige Team - auch deshalb, weil das Personal anderweitig gerade nicht gebraucht wird.

Ein Gebäude des Hamburger Marienkrankenhauses von außen.
Das Marienkrankenhaus öffnet nur noch in Ausnahmen - zum Beispiel bei Palliativ-Patienten - die Türen für Angehörige.
Corona: Krankenhaus disponiert um

Schließlich hat auch im Marienkrankenhaus die Eindämmung von Covid-19, wie die durch das Virus verursachte Erkrankung heißt, Priorität. Eine altersmedizinische Station und eine Innere wurden bereits in "Corona-Stationen" umgewandelt. Rund zwei Drittel der 35 Patientinnen und Patienten, die bis Karfreitag positiv getestet wurden, sind auf diesen so genannten "Isolationsstationen" untergebracht. Ein Drittel von ihnen liegt auf der Intensivstation. "Weil die Station, auf der ich sonst tätig bin, mich gerade nicht benötigt, bin auch ich seit zwei Wochen Teil des Teams", sagt Robert Gaumnitz, Diplom-Psychologe im Marienkrankenhaus, bei der Übergabe mit Holger Vollmer-Kammigan. Der professionelle Umgang mit den Sorgen und Nöten der Betroffenen ist eine Expertise, die bei der "Angehörigenbrücke" entscheidend ist.

Robert Gaumnitz, Diplom Psychologe am Marienkrankenhaus in Hamburg, blickt auf dem Flur mit Schutzmaske in die Kamera.
Robert Gaumnitz, Diplom Psychologe am Marienkrankenhaus, ist Teil des Teams der "Angehörigenbrücke".
Hilfe-Telefon: Brücke in beide Richtungen

Das wird spätestens in der Zentrale der "Angehörigenbrücke" deutlich. Dort legt Holger Vollmer-Kammigan das Festnetztelefon der Hotline zur Seite, lehnt sich kräftig im Bürostuhl zurück, atmet aus. Ob er all das mit nach Hause nehme? Ein Lächeln, das keines ist. "Alles andere wäre maximal gelogen."

Am Tag ruft auch eine Frau aus der Türkei an, deren Vater wegen einer Infektion mit dem Coronavirus in Hamburg auf der Intensivstation liegt und nicht mehr sprechen kann. "Es sind arme Menschen", sagt der Intensivpfleger, der so noch stärker als sonst schon die Lebens- und auch Leidensgeschichten der Menschen mitbekommt: Da ist der Sohn, der sich nach seiner dementen Mutter erkundigt, für die Telefonieren schon lange nicht mehr möglich ist. Da ist ein Angehöriger einer verstorbenen Patientin, für den der Intensivpfleger die Tasche nach draußen bringt.

Für die Patientinnen und Patienten bedeutet das Besuchsverbot die völlige Abschottung nach draußen. "Das ist für die eine Katastrophe", meint Vollmer-Kammigan und spricht von einem Schmerz, "den wir nicht lindern können, aber wir versuchen dennoch zu unterstützen".

Hotline: So lange, wie Corona es erfordert

Die Hand einer Patientin, die auf dem Krankenhausbett liegt.
Auch Senioren, die zur digitalen Kommunikation nicht in der Lage sind, unterstützt die "Angehörigenbrücke".

Wie lange diese Hilfe noch so weitergehen soll? Ein ehrliches Lachen des Intensivpflegers: "Ich wäre sofort bereit, die Arbeit der 'Angehörigenbrücke' hinzuschmeißen." Und dann - gleich hinterher geschoben - wieder ernst: "Das hier ist aber kein Sprint, das ist ein Marathon, der noch eine ganze Weile so weitergehen wird. So lange das der Fall ist, sind wir da, das kriegen wir hin."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Hamburg Journal | 10.04.2020 | 19:30 Uhr

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