Zwei Jungen mit Kippa sitzen auf einer Treppe. © picture alliance/dpa Foto: Daniel Bockwoldt

Antisemitismusbeauftragter: Juden sind massiv beeinträchtigt

Stand: 28.01.2022 13:15 Uhr

Mehr als 60 antisemitische Straftaten hat das Landeskriminalamt in Hamburg im vergangenen Jahr registriert. Die Zahl der angezeigten Taten spiegelt aber nicht den alltäglichen Antisemitismus in der Stadt wieder.

Wie Jüdinnen und Juden den Alltag in Hamburg erleben, davon hat der Hamburger Antisemitismusbeauftragte, Stefan Hensel, dem Ausschuss für Gleichstellung und Antidiskriminierung am Donnerstag berichtet. Antisemitismus beginne nicht erst bei strafrechtlich relevanten Tatbeständen, Antisemitismus würden Jüdinnen und Juden tagtäglich erleben, stellt Hensel klar.

Keine Kippa, um sich nicht in Gefahr zu bringen

Eindrücklich beschreibt er, auf welche Weise der Alltag jüdischer Menschen - auch in Hamburg - massiv beeinträchtigt wird. Ein Beispiel: Jeden Freitagabend und jeden Sonnabendmorgen würden die meisten Juden beim Verlassen der Synagoge ihre Kopfbedeckung abnehmen. Der Grund: Sie wollten sich keiner Gefahr aussetzen.

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Es sei für Juden und Jüdinnen nur mit Einschränkung möglich, ihre Religionsfreiheit auszuüben. Er selbst habe seit seiner Ernennung sehr viel Hass in den sozialen Medien erlebt. Das sei allerdings keine neue Erfahrung, so Hensel. Er persönlich fühle sich sicher, er stehe im guten Kontakt mit den Sicherheitsbehörden der Stadt. Positiv sei, dass es in Hamburg sehr viele Gruppen, Projekte, die sich mit dem Antisemitismus auseinandersetzten und auch viele Lehrerinnen und Lehrer würden sich des Themas mit ihren Schulklassen annehmen.

Hensel: Antisemitismus entgegentreten

Hensel ist seit dem 1. Juli ehrenamtlicher Antisemitismusbeauftragter in Hamburg. Der Landesvorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft wuchs nach eigenen Angaben in Wismar in Mecklenburg-Vorpommern auf und studierte in Hamburg Pädagogik. Er lebte mehrere Jahre in Israel und ist inzwischen Geschäftsführers eines Trägers in der Kinder- und Jugendhilfe. Sein Anliegen ist es sowohl dem Antisemitismus und Antijudaismus als auch dem Antizionismus entgegenzutreten, hatte er bei seiner Vorstellung gesagt.

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Zum Holocaust-Gedenktag hat Hamburg am Donnerstag, 77 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Innensenator Andy Grote (SPD) legte gemeinsam mit dem polnischen Generalkonsul Pawel Tomasz Jaworski einen Kranz am Mahnmal auf dem Friedhof Ohlsdorf nieder. "Noch heute stehen wir fassungslos vor dem millionenfachen Leid der Entrechteten, Verfolgten und Ermordeten", so Grote. Wenn in diesen Tagen Corona-Leugnerinnen und -Leugner und Querdenkerinnen und Querdenker mit Judenstern und gestreifter Häftlingskleidung aufträten und Anne Frank und Sophie Scholl für sich vereinnahmen würden, sei das ein widerwärtiger Missbrauch des Leids der Opfer, fügte er hinzu.

Weitere Veranstaltungen in der Stadt

In der Innenstadt gab es eine Gedenk-Performance. Auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz standen viele leere Stühle, an denen Biografien an die Opfer erinnerten. Außerdem sollte es am Abend eine Gedenkveranstaltung und Lesung des Hamburger Autors Gerrit Pohl in der Hauptkirche St. Michaelis bei freiem Eintritt geben. In seinem Buch geht es um die Transporte jüdischer Kinder nach England.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 28.01.2022 | 10:00 Uhr

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