NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke

NachGedacht: Die Dummheit begrenzen

Stand: 14.07.2023 14:30 Uhr

Ein bisschen menschlicher, ein bisschen freundlicher, ein bisschen klüger sein – wäre das nicht mal was? Aber immer wieder steht sich der Mensch selbst im Weg.

von Alexander Solloch

Noch gibt es kein Gesetz, das es dem Bürger verbietet, mit einer Strickleiter auf den Mond zu klettern. Es ist einfach so halsbrecherisch und absurd, dass sowieso keiner auf diesen Einfall käme; da kann man sich all das Papier und all den Bürokratenschweiß gleich mal sparen. Warum also will Bundesgesundheitsminister Lauterbach nun unbedingt das Rauchen im Auto – wenn Minderjährige oder Schwangere mitfahren – gesetzlich verbieten? So einen gefährlichen Quatsch macht doch eh keiner!

Die Dummheit - ein entscheidender Faktor der Menschheitsgeschichte

Andererseits kann man sich da leider gar nicht so sicher sein in einer Zeit, in der ein beträchtlicher Teil der Deutschen rechtsradikal wählt oder zumindest angibt, rechtsradikal wählen zu wollen, bis zu zwanzig Prozent derzeit. Zwanzig von hundert Menschen, die es total okay finden, sich und ihre Kinder und ihr Land und ihren Kontinent mit ihrem Wahlverhalten in dramatischste Gefahr zu bringen. Wie beim Passivrauchen liegen auch hier alle Tatsachen auf dem Tisch, gibt es keine Geheimnisse - und doch ist die Lust so groß, das Unbegreifliche zu tun. Man muss feststellen, dass die Dummheit ein entscheidender Faktor der Menschheitsgeschichte ist; die Dummheit und der gekonnte Appell an die Dummheit.

Zum Beispiel Gottfried Curio, einer der in den eigenen Reihen besonders heftig gefeierten Redner der Rechtsradikalen im Deutschen Bundestag: Bosheit und Bitternis bestimmen seine Gesichtszüge, die allem Anschein nach niemals von einem Lachen oder immerhin Lächeln behelligt wurden, Rechtsradikale kennen ja keinen Humor, man fragt sich, welchen Sinn das Leben denn überhaupt hat, wenn es darin nichts zu lachen gibt. Momos graue Männer, man darf das in Curios Fall mal so persönlich und unsachlich sagen, wirken gegen ihn wie liebenswürdige, menschenfreundliche Gesellen.

55 rechtsextremistische Straf- und Gewalttaten pro Tag

Schon klar, so oberflächlich soll man nicht sprechen über andere Leute, schon gar nicht, wenn man selbst physiognomisch Fragwürdiges aufzuweisen hat. Aber dies ist ja das Geschäftsmodell der Rechtsradikalen: andere Menschen gemäß ihren äußerlichen Gegebenheiten abzuurteilen, auszusondern. Für einen wie mich, der die Anforderungen der Rechtsradikalen ans deutsche Blondsein wohl noch erfüllt, ist die zwanzig erst einmal einfach nur eine Zahl, die erschreckt. Für diejenigen allerdings in diesem Land, die nicht ganz so blond und bleichgesichtig aussehen, bedeutet jedes Prozent mehr eine reale Gefahr. Verbale, auch körperliche Attacken scheinen Böswilligen durch die Wahl- und Umfrageergebnisse unserer Tage parlamentarisch legitimiert. Mehr als 20.000 rechtsextremistische Straf- und Gewalttaten hat das Bundesamt für Verfassungsschutz im vergangenen Jahr registriert, 55 jeden Tag.

Da stellt sich dieser Curio also ans Rednerpult des Deutschen Bundestags, rattert in seinem vorm Spiegel einstudierten Vortrag, der sich in keiner Weise ans Parlament, sondern ausschließlich an die Schnipselgucker bei youtube richtet, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von zehn Lügen pro Minute Gehässigkeiten gegen Migranten herunter, die ihm zufolge gerade damit beschäftigt sind, Deutschland abzufackeln, setzt sich, zufrieden mit seiner Hetzarbeit, wieder hin - und jeder fünfte Wähler, jede fünfte Wählerin findet das sehr in Ordnung so. Und wir in unserer Blase, die wir das nie für möglich gehalten hätten, wundern uns. Wie gesagt: Die Dummheit ist ein historischer Faktor. Wir als diejenigen, die gern weiterhin in einem freien Land leben wollen, sollten unsere Dummheit erkennen und ihr Grenzen setzen.

Was also zählt jetzt? Klug sein! Nicht die Grünen, die Sozialdemokraten, die Christdemokraten, die Liberalen, die Linken als "den Hauptgegner" bekämpfen - sondern einzig und aufrichtig und entschlossen und gemeinsam: die Rechtsradikalen. Vor kurzem hat in Würzburg massiver Protest, organisiert vom Deutschen Gewerkschaftsbund, eine Kundgebung der Rechtsradikalen mit Höcke an der Spitze verhindert. So muss das gehen: ein nimmermüdes "Nein!" zur Dummheit; und denen, die dumm bleiben wollen, eine Strickleiter zum Mond.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 14.07.2023 | 11:20 Uhr

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