Hörspiel

Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit

Mittwoch, 29. September 2021, 20:00 bis 21:35 Uhr

Tannen im Nebel © photocase.de Foto: Kai Eckert
Am 2. Juni um 2 Uhr morgens verschwindet die gesamte Menschheit, lautlos, ohne Spuren zu hinterlassen. Hörspiel über die Verpuffung unserer Art von Guido Morselli.
Nach dem gleichnamigen Roman von Guido Morselli

Am 2. Juni um 2 Uhr morgens verschwindet die gesamte Menschheit, lautlos und ohne Spuren zu hinterlassen. War es eine Pandemie? Eine Naturkatastrophe? Der Dritte Weltkrieg? Zurück bleiben deren Sachen und Tiere, die sich schon bald mit wachsender Furchtlosigkeit hervorwagen, um die Erde wieder in ihren Besitz zu nehmen.
Übriggeblieben ist außerdem: ein einziger Mensch, ein Einzelgänger, der mit der Welt nicht zurechtkam und sich in ebendieser Nacht, der Nacht vor seinem 40. Geburtstag, das Leben nehmen wollte. In einer paradoxen Umkehrung wird der verhinderte Selbstmörder nun zum einzigen Repräsentanten menschlichen Lebens, zur Menschheit schlechthin. Offen bleibt dabei die Frage, ob er, der einzig verschont Gebliebene, ein Auserwählter oder ein Verdammter ist.

Geschrieben kurz vor dem Freitod des Autors, am 31. Juli 1973, ist „Dissipatio“ ein visionäres Porträt unserer heutigen Zeit, ein philosophisches Vermächtnis und das Testament eines großen italienischen Solitärs.

Michael Krüger "erinnerte" sich in der NZZan Morsellis Roman, der insbesondere vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und der Vereinsamung, die viele Menschen im Lockdown erfahren mussten, sowie der Klimakrise ein gegenwärtiges Plädoyer für ein Innehalten ist: "Wir sind nicht dazu geschaffen, ganz allein zu sein. Wir können es uns vorstellen, aber nicht sein […] Nie war die Welt so sauber und so leuchtend wie jetzt, da eine gewisse Gattung Zweifüßler aufgehört hat, sie zu gebrauchen."  In den vergangenen Monaten erschienen Besprechungen des wiederentdeckten Werkes auch in The New Yorker, der New York Times oder der LA Review of Books. Michael Krüger hat nun Morsellis intime und sich typischen Science Fiction-Schablonen entziehende "Last Man On Earth"-Story, die im August 2021 im Suhrkamp Verlag neu veröffentlicht wurde, für das Radio eingerichtet.

Cast

Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman von Guido Morselli
Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend
Mit: Thiemo Strutzenberger
Bearbeitet von Michael Krüger
Komposition: Florentin Berger Monit und Johannes Wernicke
Technische Realisation: Corinna Gathmann und Angelika Körber
Regieassistenz: Sarah Veith
Regie: Henri Hüster
Dramaturgie: Michael Becker
Produktion: Norddeutscher Rundfunk 2021 in Kooperation mit Deutschlandradio.

Guido Morselli: "Dissipatio humani generis" (übersetzt von Ragni Maria Gschwend).  (Cover) © Suhrkamp
Cover von Guido Morselli: "Dissipatio humani generis"

Guido Morselli, geboren 1912 in Bologna, aufgewachsen in Mailand, war der Sohn eines wohlhabenden Unternehmers und promovierter Jurist. Er schrieb zahlreiche Romane und Essays, keiner davon wurde je von einem Verlag zur Publikation angenommen. 1973 nahm er sich, kurz nach der Niederschrift von Dissipatio, das Leben, ein Jahr später begann der renommierte Verlag Adelphi Morsellis Gesamtwerk zu publizieren.

Der deutsche Dichter, Verleger, Übersetzer und Schriftsteller Michael Krüger. © picture-alliance/ dpa | Arno Burgi Foto: Arno Burgi
Der deutsche Dichter, Verleger, Übersetzer und Schriftsteller Michael Krüger.


Michael Krüger absolvierte eine Verlagsbuchhändler- und Buchdruckerlehre. Daneben besuchte er Veranstaltungen der Philosophischen Fakultät als Gasthörer an der Freien Universität Berlin. In den Jahren von 1962-1965 lebte Michael Krüger als Buchhändler in London. 1966 begann seine Tätigkeit als Literaturkritiker. Zwei Jahre später, 1968, übernahm er die Aufgabe des Verlagslektors im Carl Hanser Verlag, dessen Leitung er im Jahre 1986 übernommen hat. Seit 1981 ist er Herausgeber der Literaturzeitschrift Akzente. Im Jahr 1972 veröffentlichte Michael Krüger erstmals seine Gedichte, und 1984 debütierte er als Erzähler. Es folgten weitere zahlreiche Erzählbände, Romane, Editionen und Übersetzungen.

Thiemo Strutzenberger, Schauspieler © Stefan Klüter Foto: Stefan Klüter
Thiemo Strutzenberger, Schauspieler

Thiemo Strutzenberger absolvierte sein Schauspielstudium am Max Reinhardt Seminar in Wien und war bereits währenddessen im Ensemble des Burgtheaters. Anschließend wechselte er an das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg und an das Theater Neumarkt in Zürich, bevor er 2010 Ensemblemitglied am Schauspielhaus Wien wurde. Er schloss den Masterstudiengang für Gender Studies an der Universität Wien ab. 2021 erhielt Thiemo Strutzenberger für seine darstellerische Leistung in Stefan Bachmanns Inszenierung "Graf Öderland" den 3sat-Preis.

 

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