Stand: 24.07.2020 16:58 Uhr

Chinas Umgang mit Corona: Verschweigen, vertuschen, überwachen?

von Steffen Wurzel

Vom Staatsfeind zum Märtyrer

In seinem Fall gingen die chinesischen Behörden sogar noch weiter als sonst. Frei nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. Denn mehrere staatliche chinesische Medien verbreiteten in den ersten Januartagen landesweit, dass Mediziner in Wuhan - darunter auch Li Wenliang - online unhaltbare Gerüchte über ein angeblich gefährliches Virus verbreitet hätten. Die Polizei habe die Schuldigen ermittelt und zur Rechenschaft gezogen. Auf diese Weise wurde an dem Augenarzt und seinen Kollegen in der Chatgruppe ein Exempel statuiert.

Li Wenliang © picture alliance/ZUMA Press Foto: Li Wenliang
Li Wenliang war einer der ersten Mediziner, die mit Erkenntnissen und Fragen zum damals noch namenlosen neuartigen Lungenvirus an die Öffentlichkeit gingen.

Li Wenliang erkrankte schließlich selbst an Covid19. Er starb am 7. Februar in einem Krankenhaus in Wuhan. Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sich blitzschnell und in ganz China. Die staatlichen Zensoren kamen mit dem Löschen von Trauerbekundungen und Beileidstexten im Netz kaum hinterher.

Was dann passierte, könnte einem Lehrbuch für erfolgreiche Diktaturen entstammen: Chinas Staats- und Parteiführung kaperte das Andenken an Li Wenliang. Sie ernannte den Mediziner posthum zum nationalen Helden, die Rede ist nun offiziell von einem Märtyrer im Kampf gegen das Coronavirus. Dass die Behörden ihn zunächst bestraften wegen seines Engagements: darüber kein Wort. Mit einer Mischung aus Pathos, Nationalismus und Geschichtsfälschung übertönte die Kommunistische Partei einfach mit großer Wucht die echte Wut und die Trauer unzähliger Chinesinnen und Chinesen.

Misstrauen gegenüber China wächst

Unter anderem an diesem Vorgehen regt sich inzwischen weltweit Kritik. Das internationale Misstrauen gegenüber Chinas kommunistischer Führung hat sich in den vergangenen Monaten rapide vergrößert, nicht nur, aber auch im Zuge der Coronavirus-Krise. Die Führung in Peking strickt aus der berechtigten Kritik an ihr wiederum eine andere Geschichte, nämlich eine, nach der China selbst das Opfer ist:

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Sicherheitskräfte hissen die chinesische Fahne. © AP Photo Foto: Elizabeth Dalziel

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Europa, die USA und andere westliche Staaten gönnten den Menschen in China deren Erfolge im Kampf gegen das Coronavirus nicht, wird demnach behauptet. Weil die USA, Europa, Australien, Großbritannien und andere das Virus selbst nicht in den Griff bekämen, wollten sie China die Schuld in die Schuhe schieben, um vom eigenen Versagen abzulenken, so das Argument. 

Dieser Vorwurf mag auf die Regierung von US-Präsident Donald Trump teilweise sogar zutreffen, nicht aber auf Europa. Anders als die USA haben die EU-Staaten Covid19 eben nie zu durchsichtigen und wahlkampftaktischen Angriffen gegenüber der Führung in Peking genutzt. Es wäre auch falsch, die Pandemie politisch zu missbrauchen. Vielmehr sollte die Welt anerkennen, was die Menschen in China durch das Virus durchlitten haben. Dutzende Millionen Menschen in Hubei waren wochenlang unter Hausarrest. Tausende Menschen starben. Betroffene und Angehörige sind schwer traumatisiert.

Corona-Krise als wirtschaftspolitische Waffe

Die westlichen Staaten sollten die Erfolge der Chinesinnen und Chinesen im Kampf gegen das Virus stärker betonen. Gleichzeitig aber müssen sie die Rolle der Staats- und Parteiführung in Peking noch deutlicher als bisher hinterfragen.

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Eine Reihe von Uhren steht in einem leeren Fabrikgebäude. Eine zeigerlose Uhr ist frontal zu sehen. © Roberto Agagliate / photocase.de Foto: Roberto Agagliate

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Denn die kommunistische Führung hat die Coronavirus-Krise als wirtschaftspolitische Waffe eingesetzt. Regierungen, die Chinas Führung kritisierten, wurden bestraft: Masken und andere medizinische Güter aus China wurden reibungslos nur an jene Staaten geliefert, die spurten, die eben keine Kritik übten. Diese mit dem Euphemismus "Maskendiplomatie" bezeichnete Methode macht zwei Dinge in Bezug auf China klar: erstens die in einigen Ländern und Regionen gefährliche wirtschaftliche Abhängigkeit von der Volksrepublik und zweitens die Schwäche der internationalen Weltordnung.

Denn auch wenn Chinas Führung immer wieder behauptet, man sei für Multilaterismus und für faire Handelsbeziehungen auf Augenhöhe mit anderen Staaten: Das Gegenteil ist der Fall. Xi Jinping und seine Regierung nutzen die eigenen Stärken und die Schwächen anderer Staaten gnadenlos aus, das hat sich in den vergangenen Monaten deutlich gezeigt. Damit disqualifiziert sich die Führung in Peking einmal mehr als vermeintlich verlässlicher Partner, mit dem sich globale Probleme lösen lassen.

Geschichtsfälschung in Echtzeit

Während die Coronavirus-Krise noch andauert, während die weltweite Zahl der Neuinfektionen weiter steigt, entledigt sich die chinesische Führung der eigenen Verantwortung für die Pandemie und schreibt stattdessen die Geschichte um, und zwar noch während sie passiert. Geschichtsfälschung in Echtzeit sozusagen. Für China-Kenner ist das nichts Neues, für viele Entscheider in Politik und Wirtschaft weltweit offensichtlich schon.

Sie begreifen nun zunehmend, dass das Regieren per Lüge in China zum Alltag gehört und dass die Pekinger Führung die Folgen dieses Prinzips zunehmend auch westlichen Demokratien aufzwingen will. Das Misstrauen gegenüber der Kommunistischen Führung in China wächst.

Damit markiert die Corona-Pandemie nicht nur einen Einschnitt für Medizin und Wirtschaft - sondern in diesem Jahr 2020 auch einen Bruch im internationalen Umgang mit China.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 26.07.2020 | 19:00 Uhr

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