Stand: 31.07.2020 15:27 Uhr

Von Särgen und Seelen - Corona überwältigt Italien

von Lisa Weiß

Der Lkw-Konvoi der italienischen Armee, der Särge aus Bergamo abtransportiert. Die völlig erschöpfte Krankenschwester in einem Krankenhaus in Cremona, die am Ende ihrer Schicht am Schreibtisch zusammenbricht - den Kittel hat sie noch an, den Mundschutz noch auf. Es waren Bilder aus Italien wie diese, die den Europäern verdeutlicht haben, was Corona anrichten kann. Das Virus traf auf ein Land, das noch mit den Folgen der Schuldenkrise, mit dem Aufstieg populistischer Parteien, mit instabilen Regierungen zu tun hatte - und das jetzt wegen der verheerenden Pandemie vor neuen Herausforderungen steht.

Faschingsumzug in Viareggio/Italien © imago
Beim Karnevalsumzug in Viareggio im Februar sind die Menschen noch in Feierlaune.

Es ist der 23. Februar 2020. Laute Musik schallt aus den Boxen der fantasievoll dekorierten Karnevalswagen, Gruppen von Clowns, Piraten, Tänzerinnen bewegen sich im Rhythmus. Dicht an dicht drängen sich die Menschen beim Faschingszug auf der Strandpromenade in Viareggio in der Toskana, feiern ausgelassen. Meine Freunde und ich mittendrin. Dass es für lange Zeit das letzte Mal sein wird, dass ich tanzen werde, ohne mulmiges Gefühl inmitten einer Menschenmenge sein werde, weiß ich da noch nicht. Genauso wenig, dass dieser Karnevalsumzug als einer der Gründe dafür gelten wird, dass sich das Virus in der Gegend ausbreiten kann. Erst wenige Tage zuvor ist der erste Covid-19-Infizierte in der Lombardei diagnostiziert worden; daran, dass das Virus auch hier schon angekommen sein könnte, glaubt fast niemand.

Am nächsten Tag bin ich selbst auf dem Weg in die Lombardei. Mit Desinfektionsmittel im Gepäck. Es ist die Zeit, als Italien Rote Zonen einrichtet, Quarantänegebiete rund um Dörfer, in denen Covid-19 ausgebrochen ist. An den Zufahrtsstraßen sind Posten von der Polizei, oder der Armee, wochenlang darf fast niemand rein oder raus. Nicht einmal der verzweifelte Vater, der zu seinem Sohn will, der eigentlich nur einen Nachmittag beim Großvater verbringen sollte - in einem Dorf, das zum Sperrgebiet wurde.

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Es ist die Zeit, als in Italien keiner so recht weiß, wie groß die Gefahr ist, wie man mit dem Virus umgehen soll. Die einen tragen Masken, versuchen jeden Kontakt zu vermeiden, die anderen halten all das für Panikmache. Die Behörden versuchen fieberhaft, Kontaktpersonen aus China zu finden. Dass das Virus vermutlich schon seit Monaten im Land ist, ist noch nicht bekannt.

Italien wird zum Sperrgebiet

Und dann geht plötzlich alles ganz schnell. Der Tourismus bricht ein, Flüge nach Italien werden gestrichen, Schulen werden geschlossen, Eltern wissen nicht mehr, wie sie Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut bekommen sollen. In meinem Bekanntenkreis werden die ersten Menschen krank. Als Ministerpräsident Giuseppe Conte spätabends ankündigt, dass ganz Italien Sperrgebiet werden soll, dass wir alle praktisch nur noch aus dem Haus dürfen, wenn wir wichtige Gründe dafür haben, bin ich gerade auf dem Weg nach Hause. Und kann das alles kaum glauben.

Rom ist schon da ruhiger als sonst. Niemand ist auf der Straße, nur eine Ratte läuft vor meinen Füßen zum Müllcontainer. Es ist ein kleiner Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird: Wenn die Menschen in den Häusern bleiben, dann erobert sich die Natur die Großstadt zurück, in wenigen Wochen wird Gras zwischen dem Kopfsteinpflaster auf der Piazza Navona wachsen, werden Vögel auf der Piazza del Popolo schlafen, dort, wo sich normalerweise Touristen drängen.

Menschenleer: die Spanische Treppe in Rom während des Lockdowns © imago
Menschenleer: die Spanische Treppe in Rom während des Lockdowns
Die neue Realität

Italien ist im Schock - doch in Krisenzeiten laufen die Italiener häufig zu Höchstform auf. Was wie eine Binsenweisheit klingt, bewahrheitet sich auch diesmal. Gerade am Anfang der strikten Ausgangsbeschränkungen, die hier Lockdown heißen, spürt man ein Gemeinschaftsgefühl. Jeden Tag um 18 Uhr treffen sich alle an den Balkonen und Fenstern, singen zusammen Lieder, um sich trotz der Distanz nah zu fühlen. Doch die Wochen vergehen, der Gesang verstummt. Zum Singen hat kaum mehr jemand Lust, die neue Realität fordert ihren Preis. Während das Krankenhauspersonal in Norditalien fast rund um die Uhr arbeitet, während erschöpfte Ärztinnen mit dem Kopf auf dem Schreibtisch einschlafen, während Krankenpfleger nicht nach Hause wollen, weil sie Angst haben, ihre Familie anzustecken, sitzt der Großteil der Menschen in Italien zuhause fest. Selbst ausgedehnte Spaziergänge im Park sind verboten. Wer Glück hat, kann im Homeoffice arbeiten. Die vielen Menschen, die bisher schwarzarbeiten mussten, verlieren ihren Job, andere rutschen in Kurzarbeit - die entsprechende staatliche Unterstützung lässt wochenlang auf sich warten.

In vielen Teilen Italiens sind die Häuser klein, das Leben findet viel mehr auf der Straße statt als in Deutschland. Jetzt müssen Großfamilien in winzigen Wohnungen klarkommen. Der Schulunterricht findet monatelang per Videokonferenz statt, aber die Kinder können teilweise nicht mitmachen, weil es in der Familie nicht genügend Computer gibt oder kein funktionierendes Internet.

Ich wache in einem Albtraum auf

Egal, wie die Lebenssituation ist - für fast alle ist das Eingesperrtsein schlimm. Und die Angst. Eine Freundin aus Mailand ist erkrankt, liegt mit hohem Fieber allein in ihrer Wohnung. Fast durchgehend fahren Krankenwagen mit heulenden Sirenen vorbei, sie fürchtet, bald die nächste zu sein. Für sie geht es am Ende gut aus, sie ist jung, hatte keine Vorerkrankungen. Doch die Zahl der Toten steigt immer weiter. Die Bilder aus Bergamo gehen um die Welt: Militärlastwagen transportieren Särge in andere Städte, weil das Krematorium überlastet ist.

In diesen Tagen träume ich nachts immer wieder von einer Welt ohne Ausgangsbeschränkungen, von Treffen mit Freunden, von Normalität. Das Aufwachen, das Realisieren der Realität ist nicht schön. Ich wache nicht aus dem Albtraum auf, ich wache in einem Albtraum auf, so fühlt es sich jedenfalls damals für mich an. Nach einiger Zeit ändert sich das: Auch in meinen Träumen halte ich Distanz. Ich habe mich an die Pandemie, die Ausgangsbeschränkungen irgendwie gewöhnt, das neue Leben irgendwie akzeptiert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 02.08.2020 | 19:00 Uhr

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