Sportjournalist Ronald Reng © imago

Es war einmal das ideale Olympia?

Stand: 31.07.2021 08:00 Uhr

Neben dem Sport kreist vieles beim Anblick der olympischen Ringe auch ums Geld, ums Prestige und um Machtfragen. Was bedeutet es, wenn hochbezahlte Stars zu Vorbildern erklärt werden?

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von Ronald Reng

An welchen Kriterien kann sich der Sport orientieren und wie verhalten sich die großen Verbände? Und was bleibt vom olympischen Ideal in der modernen Gesellschaft? Darüber hat sich der mehrfach ausgezeichnete Sportjournalist Ronald Reng Gedanken gemacht. Seinen Essay spricht Tarek Youzbachi.

Im antiken Olympia wurden betrügerische Athleten gezwungen, in Kunst zu investieren. Zwölf Statuen des griechischen Gottesvaters Zeus zeugen noch heute davon. Sie stehen direkt vor dem Eingang zum ursprünglichen olympischen Stadion. Unter bedeutenden Historikern herrscht Konsens darüber, dass die Statuen mit Bußgeldern bezahlt wurden, die unfaire Athleten entrichten mussten. Unmittelbar vor dem Stadion-Tor sollten die Denkmäler die nachfolgenden Athleten auf dem Weg zu ihren Wettkämpfen mahnen, ja nicht zu schummeln.

Olympia: Betrug gibt es seit ungefähr 3.000 Jahren

Der antike Brauch lässt ein wenig Melancholie aufkommen: Ach, wäre es nicht originell, wenn Dopingsünder heute zur Strafe ein Museum moderner Kunst füllen müssten? Jeder Dopingfall würde ein Kunstwerk finanzieren. Und ganz schlimme Dopingsünder müssten zur Strafe auch noch einmal im Monat das Museum besuchen und alle Kunstwerke betrachten. Aber auf solch eine Neugestaltung des Dopingstrafkatalogs wollte ich gar nicht hinaus, sondern: Betrug gibt es - selbstverständlich! - bei den Olympischen Spielen seit dem ersten Tag, also seit ungefähr dreitausend Jahren.

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Symbolbild mit den Olympischen Ringen und der japanischen Flagge. © picture alliance/Morio Taga/Jiji Press Photo/dpa Foto: Morio Taga

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Kitzelnde Spannung und menschliche Emotionen

Trotzdem wird wohl auch bei den aktuellen olympischen Sommerspielen in Tokio jeder halbwegs prominente Dopingfall bei vielen im Publikum das Wehklagen auslösen, die Spiele würden sich immer weiter von ihren Idealen entfernen. Es gehe nur noch um skrupellose Gewinnmaximierung von Seiten der Athletinnen und Athleten sowie der Sportfunktionäre. Dabei wollen wir im Publikum bei großen Sportveranstaltungen doch ein klein wenig betrogen werden. Denn tatsächlich fesselt der moderne Hochleistungssport ein weltweites Massenpublikum, weil wir hier in einem Paralleluniversum all unsere Emotionen in Überlebensgröße ausleben können: die Begeisterung über Sieger, die Identifikation mit sympathischen Außenseitern und eben auch den Hass auf Schufte. Was wäre denn Sport ganz ohne Betrug oder Ungerechtigkeiten wie falsche Schiedsrichterentscheidungen? Langweilig vermutlich. Denn es mag ein paar Menschen geben, die sich tatsächlich für die ideale Standhöhe und Rückenspannung beim olympischen Bogenschießen interessieren - oder für die Rundenzeiten beim 10.000-Meter-Lauf, aber die Mehrheit von uns verfolgt Sport, um sich von der Spannung kitzeln und den menschlichen Emotionen einfangen zu lassen.

Fußball hat Olympia abgehängt

Im Rennen um die Gunst des Massenpublikums hat der Fußball die olympischen Sportarten in den jüngsten drei Jahrzehnten radikal abgehängt. Leichtathletik, Rudern und Schwimmen tauchen in der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung eigentlich nur noch alle vier Jahre zu Olympischen Spielen abrupt für zweieinhalb Wochen auf, um dann sofort wieder für die nächsten vier Jahre vergessen zu werden. Was hat der Fußball, dass er den Massen so viel attraktiver erscheint? Im Fußball beeinflusst der Zufall das Resultat wohl viel mehr als in allen anderen Sportarten. Das ist der Hauptgrund seines Siegeszuges. Eine Unebenheit im Rasen, ein unglücklich abgefälschter Schuss, eine einzige Fehlentscheidung des Schiedsrichters oder ein jäher Geistesblitz des ansonsten trägen Mittelstürmers definieren oft das Ergebnis, weil im Fußball, anders als im Tennis, Basket- oder Volleyball, ein einziger Treffer zum Sieg genügen kann. Das Massenpublikum aber bevorzugt genau wegen dieser Zufälligkeit von Sieg oder Niederlage den Fußball: Hier scheint alles möglich. Hier weiß man nie, was passiert. Drittliga-Fußballspiele finden im deutschen Fernsehen in der Regel eine größere Reichweite als internationale Leichtathletik-Meetings.

Höhepunkt an Bedeutung im Kalten Krieg

So haben die Olympischen Spiele in jüngster Zeit etwas von einem untergehenden Phänomen. Ihren Zenit erreichten die Spiele aus heutiger Sicht wohl schon in den Jahren 1952 bis 1988. Es war die Zeit des Kalten Kriegs. Funktionäre der olympischen Bewegung betonen zwar stets, der Sport sei unpolitisch, er müsse auch unpolitisch sein. Sie berufen sich dabei auf die Ideale des Gründers der modernen Olympischen Spiele, Pierre de Coubertin. Er träumte davon, das friedliche, faire Zusammenkommen von Athleten aus aller Welt möge zum Weltfrieden beitragen. Aber ihren Höhepunkt an Bedeutung erreichten die Olympische Spiele in den gut vier Jahrzehnten, als West und Ost, Kapitalismus und Kommunismus, den Medaillenspiegel als Ausdruck für die Überlegenheit ihres jeweiligen Systems betrachteten.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 31.07.2021 | 13:05 Uhr

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