Stand: 07.08.2020 15:47 Uhr

Corona: Ischgl, Image und Irritationen

von Clemens Verenkotte

Von den Après-Ski-Partys in Ischgl haben die "Superspreader" das Coronavirus Anfang des Jahres durch halb Europa getragen, weil die Behörden vor Ort zu spät auf Warnungen reagiert haben. Darunter hat das Image Österreichs gelitten - problematisch für ein Land, dessen Wohlstand nicht unwesentlich vom Tourismus abhängt. Gleichwohl wähnte sich der junge Kanzler Sebastian Kurz in den vergangenen Monaten obenauf - und gehörte auf dem jüngsten EU-Gipfel zu jenen "sparsamen Fünf", die sich einer Einigung über das milliardenschwere Corona-Hilfspaket lange versperrten. Eindrücke aus der Corona-Zeit bei unserem österreichischen Nachbarn.

Porträtbild des ARD-Korrespondenten Dr. Clemens Verenkotte. © BR
ARD-Korrespondent Dr. Clemens Verenkotte

Besser, schneller, effizienter - halt eben österreichisch: Mit einem für den unverändert jüngsten Regierungschef Europas typischen politischen Komparativ, der in keiner Weise notwendig gewesen wäre, legte Sebastian Kurz samt seiner nachgeordneten türkis-grünen Kabinettsriege die Messlatte gleich zu Beginn der Pandemie hoch an. Österreich werde besser und schneller und effizienter aus der Corona-Krise herauskommen als - als die allermeisten übrigen Staaten, wiederholte der stets betont selbstsichere Bundeskanzler auf allen medialen Kanälen.

Nahezu jeden einzelnen Tag seit Mitte März, seit dem folgenschweren Ischgl-Supercluster-Desaster, präsentierten Kurz und seine Ministerriege, in choreographisch anmutenden Auftritts- und Abgangs-Pressekonferenz-Inszenierungen, der Bevölkerung ihre unablässigen, vorausschauenden, alternativlosen Bemühungen im Kampf gegen das Virus. Jeden Tag, fünf Tage die Woche, 20 Tage in einem Monat, über 80 Tage in vier Monaten. Bei der politisch-medialen Gratwanderung zwischen zwingend erforderlicher, notwendiger Darstellung der mitunter tief in die Grund- und Menschenrechte eingreifenden "Schutzmaßnahmen" und ins Gegenteil umschlagender, oftmals kaum erträglicher Selbstbeweihräucherung rutschte das "Team Österreich" mit seinem Teamchef Kurz an der Spitze in regelmäßigen Abständen ab.

Drastische Verordnungen - ohne Grundlage

Sebastian Kurz © picture alliance/APA/picturedesk.com
Mit seinen erst 33 Jahren ist Sebastian Kurz jüngster Regierungschef in der EU.

Bald werde jeder im Lande jemanden im Familien- und Freundeskreis kennen, der dem Corona-Virus erlegen sein werde. Sechsstellige Opferzahlen, falls nicht der Ausbreitung der Pandemie durch die Verhängung von massiven Ausgangsbeschränkungen Einhalt geboten werden würde: Während der ersten Wochen der Pandemie schwoll der warnende Kabinetts-Chor zu einem ohrenbetäubenden Corona-Crescendo an. In schriller Tonart erließ die Regierung kaskadenartig eine Flut von Rechtsverordnungen als eherne Ausgangsgesetze samt drastischer Bußgeldverhängung, die - wie sich erst im Juli herausstellen sollte - vom österreichischen Verfassungsgerichtshof als nicht rechtens verworfen wurden. Rechtlich gab es keine, wie das höchste Richtergremium des Landes trocken feststellte, keine Grundlage, um etwa Menschen zu verbieten, Familie und Freunde in deren Wohnungen zu besuchen.

Parallel zum erhofften Absenken der Infizierungszahlen, die binnen weniger Wochen auf ein relativ konstant niedriges Niveau herabgedrückt werden konnten, legte die allzeit auf Hochtouren laufende PR-Maschinerie des Bundeskanzleramtes noch eine populistische Schippe drauf: Natürlich musste Österreich unter den "Smart 10" seinen Platz finden, den "First Movers", die in der Corona-Krise besonders rasch und effizient weitreichende Maßnahmen ergriffen hätten, um die Ausbreitung der Pandemie einzudämmen. Telegene Videoschalten mit den Regierungschefs Israels, Australiens, Neuseelands, Griechenlands, Tschechiens, Singapurs, Norwegens, Dänemarks und Costa Ricas zeigten einen aufmerksam in den Konferenz-Bildschirm dreinblickenden Kanzler. Die mediale Botschaft: Rot-weiß-rot spielt weltweit in der Spitzenliga der Smartesten mit und bleibt am Ball - Team Austria eben.

"Ist nicht gut gelaufen - Punkt"

Für den eher volkspädagogischen Ansatz konnte die seit Jahresbeginn erstmals in neuen Koalitionsfarben türkis und grün angetretene Bundesregierung mit Gesundheitsminister Rudolf Anschober keine bessere Besetzung für die Rolle des Corona-Ermahners und -Erklärers finden. Binnen kurzer Zeit gelang es dem Endfünfzigjährigen, äußerst verbindlich und beruhigend auftretenden Grünen-Politiker, zum Popularitätsliebling des Landes aufzusteigen. Mit Diagrammen, Schaubildern und Statistiken hantierend, Verlaufskurven und "weitere Schritte" erläuternd, gewöhnte sich Österreichs Bevölkerung an die omnipräsente Corona-Exegese Anschobers, und schien darüber zu vergessen, dass selbst die Juristen im Gesundheitsministerium mitunter angeblich "verbindliche" Verordnungen unter zugegebenermaßen massivem Zeitdruck verfassten, die - wiederum - einer soliden Überprüfung anschließend nicht standhielten. "Ist nicht gut gelaufen - Punkt", lautete der ebenso entlarvende wie transparente Kommentar Anschobers Ende Juli, nachdem auch die neuesten Reiserückkehrer-Warnungen inklusive verpflichtendem Corona-Test plus 14-tägiger Heimquarantäne nicht in Kraft treten konnte.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 09.08.2020 | 19:00 Uhr

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