Die Sopranistin Camilla Nylund als Elisabeth in Wagner Tannhäuser bei den Bayreuther Festspielen. © picture alliance / dpa / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele: Was macht den Mythos aus?

Stand: 25.07.2021 17:49 Uhr

Die Bayreuther Festspiele eröffnen 2021 mit einer Neuinszenierung der Richard-Wagner-Oper "Der fliegende Holländer". Was macht die Festspiele so besonders? Ein Gastbeitrag von "Tagesspiegel"-Autorin Christiane Peitz.

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von Christiane Peitz

Der erste Ton ist immer schon da. Wenn aus dem mystischen Abgrund des Orchestergrabens im Bayreuther Festspielhaus das höllentiefe Es der Kontrabässe ans Ohr dringt, wenn es sich im "Rheingold"-Vorspiel mit Fagotten und Hörnern zum halluzinogenen Akkord aufbaut und einem über 100 Takte lang in die Eingeweide kriecht, ist es um einen geschehen. Wagner, die Festspiele, im Kern ist es ein musikalisches Urerlebnis. Da beginnt keine Oper, da erklingt das Rumoren der Welt. Naturton und Götterdämmerung, Ursprung und Apokalypse, Gier und Begierde, lodernde Erotik, Tristan’scher Liebeswahn: das Unbewusste, das Freud‘sche Es - man fühlt sich ertappt.

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Christiane Peitz leitet das Kulturressort des Berliner "Tagesspiegel".

Richard Wagner hat das gewollt. Er hat den Orchestergraben tiefer gelegt, damit der Klang sich in der Höhle unter der Bühne zusammenbrauen kann, um durch einen schmalen Spalt gebündelt emporzusteigen und sich über die in Klappsitzreihen zusammengepferchte Festspielgemeinde zu ergießen. Er wollte den Saal besonders dunkel, wollte die Hypnose, die Überwältigung.

Publikum gerät regelmäßig außer Rand und Band

Verklärung statt Aufklärung: Vielleicht pilgert alle Welt deshalb jeden Sommer zur Wagner-Weihestätte in der oberfränkischen Kleinstadt Bayreuth, um sich dem hinzugeben. Seien wir ehrlich: Die eher bescheidene Celebrity-Ausbeute samt Kanzlerin und Bayerns Ministerpräsident kann es nicht sein. Auch nicht das akustisch grandiose, architektonisch aber bescheidene Festspielhaus, diese urdemokratische Scheune aus Ziegeln und Holz ohne mondäne Foyers und Klimaanlage, weshalb sie sich an Sonnentagen gerne in einen Glutofen verwandelt. Schwächeanfälle sind an der Tagesordnung, ebenso das Wassertreten in den Pausen, mit gerafften Roben im Kneipp-Becken hinter dem oberen Parkplatz.

Auch an den Inszenierungen liegt es kaum, trotz Chéreaus Jahrhundert-"Ring" und den erst umstrittenen, dann gefeierten Aufführungen von Heiner Müller, Hans Neuenfels oder Christoph Schlingensief. Auch anderswo gibt es großartige Wagner-Interpretationen, Wagner-Sänger, Wagner-Dirigenten. Trotzdem gerät der Saal am Ende zuverlässig außer Rand und Band. Wildes Trampeln auf den Parkettdielen, Bravo- und Buh-Gefechte, das entfesselte Publikum in Bayreuth ist ebenfalls legendär. Spätestens da fragt man sich: Was ist hier eigentlich los in dieser verschlafenen Provinzstadt mit ihren beschaulichen Barockanlagen und schlechter Bahn-Anbindung, wenn sie von den Festspielen heimgesucht wird.

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Das "Konzert & Oper"-Logo des ARD Radiofestivals 2021 zeigt eine Hand, die eine Geige hält. Davor der Schriftzug "Konzert & Oper". © ARD

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Wagner-Familie: Ein heillos zerstrittener Clan

Die Festspiele finden jedes Jahr vom 25. Juli bis zum 28. August statt. Der wie in Stein gemeißelte Termin geht übrigens auf den Prinzipal und Komponisten-Enkel Wolfgang Wagner zurück. Am 30. August hatte er Geburtstag, bis dahin wollte der langjährige Festivalleiter den Stress hinter sich haben. Was also soll diese Familiendynastie, jetzt mit Urenkelin Katharina Wagner als Hügel-Chefin, dieser Clan, der leider weniger zur Volksbelustigung taugt als etwa die Royals in England, obwohl er heillos zerstritten ist? Übrigens fand sich das dynastische Prinzip Jahrzehnte lang überall auf dem Grünen Hügel. Auch die Garderobieren, der von Katharina Wagner abgeschaffte Opernglasverleih und die Toilettenpacht konnten auf langjährige Familientraditionen zurückblicken. Der ganze Hügel, eine Erbengemeinschaft.

Warum diese Beharrungskräfte, dank derer bis zum heutigen Tag ausschließlich Wagners zehn letzte Werke hier aufgeführt werden dürfen? Warum bleiben all die Skandale und No-Shows folgenlos? Die Regie-Absagen von Lars von Trier, Wim Wenders und Jonathan Meese, oder die Aufregung um einen Hakenkreuz-tätowierten Bariton und die kurzfristige "Parsifal"-Absage des Stardirigenten Andris Nelsons? Und zuletzt das Rätselraten über den nicht verlängerten Vertrag von Musikdirektor Christian Thielemann? Die Liste ist lang. Intransparenz, Männer-Dominanz, vormodernes Ticketing, das Schneckentempo der Festspielhaus-Sanierung und schlechte Probenbedingungen. Regisseurin Tatjana Gürbaca soll deshalb zuletzt das Handtuch geworfen haben. Dabei wäre sie die erste Frau mit Bayreuther Inszenierungs-Erlaubnis gewesen, die nicht mit dem Komponisten verwandt ist. Ganz zu schweigen von der überfälligen Reform des komplizierten Bund-Länder-Kommunen-Familien-Konstrukts der Wagner-Stiftung. Angemahnt von Kulturstaatministerin Monika Grütters, hat Katharina Wagner nun eine Arbeitsgruppe für eine erneuerte Satzung versprochen. Woraufhin ihre Kusine Daphne lapidar bemerkte, die Arbeitsgruppe existiere seit 2007, sie habe seitdem nur nicht mehr getagt. Typisch Bayreuth.

Schleppende Aufarbeitung der NS-Verstrickung

Hinzu kommt die über Jahrzehnte verweigerte, nach wie vor schleppende Aufarbeitung der NS-Verstrickung der Festspiele. Auch wenn Etliches inzwischen bekannt ist und in der Dauerausstellung im Haus Wahnfried - dem einstigen Wohnhaus der Wagners -auch in Ansätzen gezeigt wird: Immer noch sind Teile des Familienarchivs unter Verschluss. Historiker wie Hannes Heer, der 2012 die Ausstellung „Verstummte Stimmen“ über verfemte jüdische Festspiel-Sänger und -Musiker organisierte, sprechen von einer Blockade.

Die Deutschtümelei. Der absolutistische Gesamtkunstwerker Richard Wagner, der als junger Revoluzzer noch steckbrieflich gesucht worden war. Das Völkische, sein Antisemitismus als mentale Vorgeschichte des Holocaust. Dann die Hitler-Freundschaft seiner Schwiegertochter Winifred, ihre willfährige Einbindung der Festspiele in die NS-Propaganda und die vermeintliche Tabula Rasa beim Neustart nach dem Krieg - auch das ist Bayreuth. Die Abgründe der deutschen Kultur sind hier besonders tief.  

Richard Wagner: Unwiderstehlich und unerträglich zugleich

Lässt sich die betörende Musik und die schuldbehaftete Historie, das Werk, sein Schöpfer und seine Nachfahren trennen? Sven Friedrich, Direktor des Richard-Wagner-Museums in Wahnfried, sagt: "Viele können sich diesem schnupfenden Gnom aus Sachsen nicht entziehen, wenn er einem mit seiner Musik unter der Nase herumfuchtelt und ständig ruft: Hier bin ich!. Anderen ist das too much." Klingt gut, ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn eben dieses Zuviel findet sich hier wie dort, beim Unbehagen an Wagner und der Überwältigung durch sein "Kunstwerk der Zukunft". Das Hypnotische der Musik und die Hybris des Komponisten, seine Komplexe gegenüber meisterlichen Melodikern und die daraus entwickelte unendliche Melodie, die beliebten Leitmotive und die stereotypen Ressentiments etwa in den "Meistersingern", es lässt sich nicht trennen. Das macht Wagner unwiderstehlich und unerträglich zugleich.

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Eine Reihe von Uhren steht in einem leeren Fabrikgebäude. Eine zeigerlose Uhr ist frontal zu sehen. © Roberto Agagliate / photocase.de Foto: Roberto Agagliate

Gedanken zur Zeit

Radio-Essays für neugierige Hörer: Immer sonntags diskutieren namhafte Autoren unsere Weltbilder und liefern Diagnosen zur geistigen Situation der Zeit. mehr

Walkürenritt in der Nazi-Wochenschau

Das Höchste und das Schrecklichste in der deutschen Geschichte, Goethe und Auschwitz, in Bayreuth ist es heillos miteinander verquickt. Weil diese Verquickung die gesamte Kulturnation prägt, lohnt es sich, immer wieder dorthin zu reisen und sich dem auszusetzen. Gerade weil bei den Festspielen die Zeit stehen geblieben ist, kann man hier der Frage nicht ausweichen, wie es sich mit Ethik und Ästhetik verhält und ob die Kunst die Moral oder Unmoral ihrer Schöpfer übersteigt. Oder wie sich der Walkürenritt durch seine spätere Verwendung in Nazi-Wochenschauen verändert hat, wie Musik von ihrem Missbrauch kontaminiert ist.

Künstler sind nicht tugendhafter als andere Menschen

So viele Verstrickungen wurden in jüngerer Zeit diskutiert: Auch Luther ein Antisemit, Günter Grass Mitglied der Waffen-SS, Emil Nolde ein Hitler-Freund, Brecht und Picasso Sexisten, die Documenta und die Berlinale mit brauner Vergangenheit. Künstler sind nicht tugendhafter als andere Menschen, Kunst ist nie rein. Wagner war ein putzsüchtiger Samt- und Seide-Liebhaber, er unterzog sich Kaltwasserkuren und Wasserdiäten. Auch diese Reinwaschungsversuche lassen sich aus dem "Rheingold"-Vorspiel heraushören.

"Meistersinger": Hitlers Lieblingsoper als Psycho-Komödie

Bayreuth ist dann am besten, wenn es die Untertöne ins Bild setzt, Musik, Biografie und Rezeptionsgeschichte kurzschließt, dass die Funken nur so sprühen. Sei es beim Kapitalismus-Mythenverhau des "Rings" oder zuletzt bei den "Meistersingern". Barrie Koskys Inszenierung, jetzt in der vierten Saison, legt den Judenhass in der Partitur offen, dazu das Pathos, den Narzissmus und Wagners Selbstzweifel. Kosky zeigt Hitlers Lieblingsoper als Psycho-Komödie der Nationalismen und Ausgrenzungen, hochaktuell. Bis zur "Judenfratze" nach "Stürmer"-Manier, riesenhaft zum Ballon aufgeblasen. Eine Überzeichnung, die keine Regie-Zutat ist, sie steht in den Noten.

Bayreuther Festspiele 2021: Erstmals eine Frau am Pult

Nach einem Pandemie-bedingten Pausenjahr, in dem Katharina Wagner auch noch schwer erkrankt war, dürfen die Zuschauerränge im Opernhaus in diesem Jahr etwa zur Hälfte besetzt werden. Erstmals in der 145-jährigen Festspiel-Geschichte steht eine Frau am Pult im mystischen Abgrund: Die junge Ukrainerin Oksana Lyniv dirigiert die Premiere des "Fliegenden Holländer". Kommt Bayreuth jetzt doch in der Gegenwart an? So schnell wird die Vergangenheit hier bestimmt nicht vergehen.

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Das Ortseingangsschild von Bayreuth (Archivbild)
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Bayreuth 1967: Sehen und gesehen werden

Hier gibt es nicht nur was auf die Ohren, es geht um sehen und gesehen werden: Panorama zeigt eine Fotostory über die Bayreuther Festspiele. 3 Min

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 24.07.2021 | 13:05 Uhr

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