Stand: 18.09.2020 12:31 Uhr

Zehn Jahre "Der Islam gehört zu Deutschland"

von Miriam Stolzenwald

Zehn Jahre ist es her, dass der damalige Bundespräsident Christian Wulff sagte: "Der Islam gehört zu Deutschland". Damit wurde eine Debatte angestoßen, die sich bis heute hält. Aber was ist seitdem passiert? Wie sieht es heute mit der rechtlichen Anerkennung des Islam aus? Wie sieht der Dialog zwischen Staat und islamischen Gemeinden aus und welche Erwartungen haben junge Musliminnen und Muslime eigentlich? Darüber diskutierten am Donnerstag Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft auf Einladung des Mediendienstes Integration.

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Mehrere muslimische Jugendliche nehmen an einem Workshop teil. © JUMA e.V.

“Wir sehen uns als Deutsche”

Immer mehr muslimische Jugendliche engagieren sich in der Gesellschaft. Ein Beispiel von vielen: JUMA. Doch wofür steht der Verein eigentlich? mehr

"Bei uns sind vor allem junge Musliminnen und Muslime vertreten, die in Deutschland geboren sind", sagt der Vorstandsvorsitzende von JUMA e.V. Dennis Sadik Kirschbaum. "Deutsch ist ihre Erstsprache, und deswegen sehen sie sich ganz selbstverständlich als junge deutsch-muslimische Personen, die sich nicht integrieren müssen, denn sie fühlen sich kulturell der deutschen Gesellschaft zugehörig. Dementsprechend sind sie ein Teil der Mehrheitsgesellschaft."

JUMA steht für "jung, muslimisch, aktiv" und ist ein Verein von und für junge Musliminnen und Muslime, die sich engagieren wollen. Kirschbaum beobachtet, dass junge Muslime in Deutschland sich eine größere mediale Repräsentation wünschen und sich dafür seit einigen Jahren die Möglichkeiten des Internets zu Nutze machen, um Gehör zu finden.

Es zeichne sich zudem ab, dass sich junge Muslime aus den großen islamischen Dachverbänden herausemanzipieren - oder gänzlich selbst organisieren. "Es gibt eine Initiative von 16 muslimischen Jugendvereinen, sich in einem Dachverband zusammenzuschließen", so Kirschbaum. "Der Arbeitstitel lautet: 'Bündnis muslimische Jugendarbeit'. Hier sehen wir, dass sich junge Musliminnen und Muslime konstituieren und institutionalisieren möchten, um eine starke Stimme für jene Zielgruppe zu bilden." Das hänge unter anderem damit zusammen, sagt Kirschbaum, dass junge Muslime sich in den älteren, traditionellen Strukturen der Dachverbände nicht genügend abgeholt sehen.

Forderung nach besserer Zusammenarbeit der islamischen Verbände und Vereine

Einen weiteren Grund für die Abwendung von den Dachverbänden nennt die Professorin für Islamwissenschaft Riem Spielhaus: "Dass eine Reihe von Moscheegemeinden, aber auch ihre Zusammenschlüsse auf Landesebene, nicht vollständig eigenständig sind."

Riem Spielhaus © picture alliance/dpa Foto: Christoph Soeder
Riem Spielhaus sieht viel Potenzial bei den islamischen Verbänden, stabilere und professionellere Strukturen aufzubauen.

Hier sieht sie ein deutliches Potenzial bei den islamischen Verbänden, stabilere und professionellere Strukturen aufzubauen. Dass sich junge Muslime von den Verbänden emanzipieren, wird von einigen Bundesländern unterstützt, allen voran von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, sagt Spielhaus.

In Nordrhein-Westfalen ist Serap Güler Staatssekretärin für Integration. Ihr geht es bei der Arbeit auch um die religiösen Fragen, "aber vor allem um die Belange und Bedürfnisse der Menschen, der Muslime, an sich." Dafür arbeitet sie mit knapp 200 islamischen Verbänden und Vereinen zusammen. Ihr Ziel ist, diese sichtbarer zu machen und die Vereine und Verbände, die nicht immer gleiche Ansichten vertreten, miteinander zu vernetzen.

Wichtige Schritte zur rechtlichen Anerkennung des Islam

Zehn Jahre nach Christian Wulffs Aussage "Der Islam gehört zu Deutschland" wird durch das Gespräch deutlich: Die Auseinandersetzung mit Islam- und Muslimfeindlichkeit muss aus Sicht der Experten noch stärker in der Gesellschaft, in Verwaltungen und Einrichtungen wie Schulen thematisiert werden. Immer wieder würden Muslime unter Generalverdacht gestellt, sagt Islamwissenschaftlerin Spielhaus. Das erschwere einen Dialog.

Auf der anderen Seite seien in den letzten Jahren wichtige Schritte zur rechtlichen Anerkennung des Islam unternommen worden: "Auf der Feiertagsgesetzgebung beispielsweise waren Fortschritte zu verzeichnen. Hier gibt es eine ganze Reihe von Bundesländern, die geregelt haben, dass islamische Feiertage klar im Feiertagsgesetzt notiert sind. Auch die Gesetzgebung zur Beschneidung ist ein starkes Bekenntnis aus dem Bundestag."

Auch um die Bestattung nach islamischem Ritus zu ermöglichen, gibt es inzwischen in vielen Bundesländern Regelungen. Vor allem aber zeichne sich ab, dass in Deutschland eine neue muslimische Generation heranwächst, die einen neuen, anderen Dialog mit dem Staat suche - weil sie sich ganz selbstverständlich als muslimisch und als deutsch identifiziert.

Die deutsche Flagge weht an einem Minarett der Zentrum Moschee im schleswig-holsteinischen Rendsburg. © dpa Foto: Carsten Rehder
AUDIO: Zehn Jahre "Der Islam gehört zu Deutschland" (5 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 18.09.2020 | 15:20 Uhr

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