"Wir verstehen die Ängste"
Muslime in Mecklenburg-Vorpommern
Die Islamfeindlichkeit nimmt bundesweit zu. Mindestens einmal pro Woche wird eine Moschee angegriffen: Beleidigungen, Schmierereien, Brandanschläge. In Parchim in Mecklenburg-Vorpommern wurde sogar der Eingang zu einem Gebetsraum zugemauert. Die Gemeindemitglieder rissen die Mauer sofort wieder ein. Mauern seien dazu da, überwunden zu werden.
Von Alexa Hennings
In der Parchimer Weststadt, einem Plattenbaugebiet, gegenüber einem Autohaus mit glänzenden Karossen, duckt sich ein Flachbau zwischen den Wohnblöcken. Kein Schild, kein Zeichen, dass dies eine Moschee ist. Was man - natürlich ohne Schuhe - betritt, ist eine Baustelle. Drinnen ist es so kalt wie draußen. Blaue Planen, Mauerdurchbrüche, ein dünner Filzteppich, der wenig ausrichten kann gegen die Kälte. Imam Bahaa Edin Abou Laban holt einen kleinen Lüfter, der kurzfristig das Gefühl von Wohnlichkeit schafft. "Wir haben keine andere Lösung", stellt der Imam fest, "und dann ist das die beste Lösung!"

Der 60-Jährige aus Damaskus kam vor zweieinhalb Jahren nach Parchim, er und seine Familie waren die ersten Syrer in der 18.000-Einwohner-Stadt. Inzwischen leben hier 200 Bürger muslimischen Glaubens. Sie wussten nicht, wohin, um sich zum Beten zu treffen. Nihat Tütünen sprang ein: Der türkische Bauunternehmer wohnt schon seit 20 Jahren hier und stellte das Haus als provisorische Moschee zur Verfügung. "Damit die Leute hier auch zum Freitagsgebet kommen und die Freizeit hier verbringen können", erklärt er. "Sie können auch ihre Kinder ein bisschen unterrichten und Neuigkeiten aus ihrer Heimat erfahren. Jeder kommt aus einer anderen Stadt. Das ist eine kleine Gemeinde, kann man sagen."
"Die Deutschen sollten ein bisschen neugieriger sein"
Noch ist nicht klar, ob das Haus aufgestockt werden kann und neben einem Gebetsraum auch eine Gaststätte beherbergen wird. Oder ob sich doch noch geeignetere Räume in der Stadt finden. Man hat schon - bisher vergebens - beim Bürgermeister vorgesprochen. Bahaa Edin Abou Laban ist eigentlich Ingenieur für Elektrotechnik. Als Imam sprang er nur ein, weil es unter den Parchimer Flüchtlingen noch keinen ausgebildeten Geistlichen gab. Erst kürzlich übernahm ein junger Mann die Aufgabe, ihm fehlen jedoch noch die Deutschkenntnisse. Die werden in der Moschee auch vermittelt.
"Viele sind sehr jung, haben keine Erfahrung im Leben", erzählt Bahaa Edin Abou Laban. "Es ist wichtig, dass diese jungen Menschen einen Background bekommen, dass sie wissen, was wichtig ist in Deutschland, dass sie auch die deutsche Kultur kennen." "Die Menschen sind willig, die machen das", fügt Nihat Tütünen hinzu. "In zwei, drei Jahren wird jeder von ihnen etwas für diese Gesellschaft, für dieses Land tun können. Sie sind auch dankbar, dass Deutschland für sie die Türen geöffnet hat. Ich erwarte von den Deutschen, dass sie sagen: Wir gehen mal zu den Syrern hin. Uns interessiert, was sie uns sagen, was sie für Erfahrungen und Schwierigkeiten gehabt haben. Was für ein Leben führen die hier, was erwarten sie von mir? Die Deutschen sollten ein bisschen neugieriger sein, dann ist die Integration noch schneller und man fühlt sich noch wohler und besser."
"Kein Hass im Herzen"
"Ihr nennt euch Gläubige, wir euch Invasoren". Diesen und andere fremdenfeindlichen Sprüche fand die muslimische Gemeinde im August an ihrer Moschee vor, die Eingangstür war zugemauert. Das gab bundesweit Schlagzeilen. Laban und Tütünen würden den oder die Täter gern einmal einladen. "Wir verstehen auch die Ängste", sagt Nihat Tütünen. "Die sollen uns erst mal kennenlernen, und dann können sie entscheiden, ob wir gut sind oder schlecht oder eine Gefahr für diese Gesellschaft. Oder ob wir es weit bringen können oder nicht. Aber Vorverurteilung - das ist die falsche Richtung."
Einige jüngere Männer haben sich in dem kalten Raum zum Gebet versammelt. Keinen Hass zu empfinden - das ist für Laban eine wichtige Regel im Islam. Das versucht er weiterzugeben - als Mitarbeiter in einem Flüchtlingsheim und in seiner Gemeinde: "Kein Hass im Herzen, kein Hass. Wenn sie zum Beispiel die Moschee zumauern, streichen wir unser Gebäude weiß, um den Leuten zu zeigen: Unser Herz ist weiß, wir haben keine Probleme mit anderen. Das ist wichtig im Glauben."
