Stand: 05.02.2016 10:00 Uhr  | Archiv

In die Ecke gedrängt

von Stefanie Groth

Seit der Silvesternacht in Köln macht sich allgemein Verunsicherung breit. Nicht nur bei der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch bei geflüchteten Menschen: Sie stehen seither in der Öffentlichkeit unter Generalverdacht. Dabei war Köln auch für sie eine Zäsur. Genauso wie für Muslime in Deutschland, die in den geführten Debatten nun wieder dazu angehalten werden, sich kollektiv zu distanzieren und zu versichern, dass ihre Religion nicht pauschal für die Straftaten einzelner Krimineller verantwortlich zu machen sei. NDR Kultur hat sich umgehört, wie Muslime in Hamburg die Debatten zu Köln empfinden.

Ein Football liegt auf dem Rasen. © NDR Foto: Sven Brüggemann
Beim Football kann man sich austoben, danach gibt es Zeugnisse.

Erst Theater, nun Sport! Die Ablenkung und Bewegung kommt für die Schüler der Berufsschule für Handel und Verwaltung in Hamburg heute sehr gelegen. Die zwölf Jungs, die lautstark miteinander Football spielen, bekommen heute ihre Zeugnisse. "Ich bin sehr aufgeregt, weil das ist das erste Mal in Deutschland, dass ich ein Zeugnis bekomme. Ich freue mich“, sagt einer. Ein anderer: "Bei mir ist es auch OK, aber in Mathe bin ich ein bisschen schlecht. Ich hab Angst wegen Mathe."

Eine Klasse mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen

Sie sind eine besondere Klasse. Denn diese Jungs sind alle sehr weit weg von ihrer Heimat, geflohen aus Somalia, Marokko, Afghanistan, Gambia. Sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, von denen mittlerweile circa 60.000 in Deutschland leben. Ihre Namen sollen auf Wunsch der Schulleitung nicht genannt werden, um sie zu schützen. "Ich hab schon drei Städte in Deutschland gesehen, ich glaube in Hamburg ist es besser, weil mehr nette Menschen hier sind", erklärt einer, warum es ihm in Hamburg so gut gefällt. Sie sind gerne hier, fühlen sich wohl. Aber sie bedauern, dass sie kaum deutsche Freunde haben. Es sei schwierig, welche kennenzulernen, weil sie in ihren Unterkünften immer unter sich wären. Vielleicht liege es aber auch daran, dass ihr Deutsch nicht so gut sei, sagen sie und hoffen, dass es bald besser wird. Mit der Sprache und mit den Freunden. Einer von ihnen hat aber bereits Anschluss gefunden: "Ich spiele in einem großen Verein, ETV Eimsbüttel, da gibt es viele Deutsche und türkisch Leute und sie sind ganz ganz nett", erklärt er.

Scham, Unverständnis und Angst

Die Jungs leben seit knapp einem Jahr in Hamburg, waren mittlerweile gut angekommen. Doch seit den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht hat sich etwas verändert. Darauf angesprochen, ob sie gehört hätten, was passiert ist, steht ihnen allen das Entsetzen schlagartig ins Gesicht geschrieben. "Das war für mich ... ich war sehr traurig, sehr, und ich dachte, warum macht dieser Mensch das so?", findet einer schließlich Worte. Sein Mitschüler ergänzt: "Das ist wirklich peinlich, dass die das gemacht haben. Wissen sie was, wenn ich in die U-Bahn und S-Bahn gehe, habe ich mich für eine Woche nicht gesetzt, wenn ein Deutscher neben dem Platz sitzt, und ich sitze nicht, weil das peinlich war und ich Angst hatte." Ein anderer beschreibt, wie er einmal verfolgt wurde: "Ich hab schon mal fünf Jungs aus Deutschland getroffen, die haben zu mir gesagt: Komm, komm, Neger, Neger. Ich hab gesagt: Was ist los mit dir? Dann hatte er eine Bierflasche geworfen, aber nicht getroffen."

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Sie verstehen nicht, wieso Menschen so etwas tun. Sie verstehen aber auch nicht, wieso die Öffentlichkeit ihren Glauben, den Islam, für die Fehltritte dieser Männer verantwortlich macht: "Ich glaube, wir müssen hier nicht Islam und muslimische Leute benennen, es ist egal, ob er Muslim, Christ, oder sonst etwas ist. Es gibt Menschen, die haben schlechte Ideen", sagt einer. Ein anderer pflichtet bei: "Überall gibt es gute und schlechte Leute. Der Islam hat auch gute Leute und schlechte Leute." Sie machen sich Sorgen welche Folgen diese Ereignisse haben werden: "Ich werde sehr traurig, sehr sehr traurig, vielleicht macht Deutschland ein neues Gesetz gegen Flüchtlinge. Natürlich hab ich Angst."

Angst davor, dass die Taten einzelner Krimineller mit Migrationshintergrund nun auf alle Geflüchteten zurückfallen. Das sei keine unberechtigte Sorge, heißt es in der Türkischen Gemeinde Hamburg. Hier engagieren sie sich vielfältig für Geflüchtete, bietet ihnen Sprachkurse, Ausflüge, Beratung. Man spüre schon deutlich, dass sich die Stimmung geändert hat, sagt Projektleiterin Charlotte Nendza: "Gerade mit Ehrenamtlichen, mit denen wir bislang gut kooperiert und gesprochen haben, die sich nach Köln, aber auch vor allem nach Frankreich, jetzt rausgezogen haben aus der Arbeit."

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Charlotte Nendza hat selbst polnische Wurzeln. Mit 22 konvertierte sie zum Islam. Die junge Frau spürt die wachsende Ablehnung gegenüber ihrer Religion nicht nur beruflich. Auch privat stehe man als Muslim permanent unter Generalverdacht, beschreibt sie das Gefühl: "In den letzten Jahren, nicht nur seit Köln, wird es immer verstärkter, dass man sich rechtfertigen muss für viele Dinge. Es fehlt mittlerweile der Respekt, dass man einfach sagt: das ist eine Religion wie andere auch. Und es ist deshalb auch erst einmal meine Privatsache, das halten wir doch sonst immer so hoch in Deutschland. Wieso also muss ich mich immer und überall zu allem bezüglich meiner Religion äußern? Die Religion hat nicht immer etwas damit zu tun, was ein einzelner Mensch getan hat. Das sind vor allem gesellschaftliche Probleme und so müssen sie auch behandelt werden."

Vorfälle wie in Köln oder Hamburg haben nichts damit zu tun, dass Geflüchtete krimineller wären - sie sind es nicht, betont die Sonderkommission Asyl in Braunschweig. Die Täter lebten seit Jahren in Deutschland. Die Ereignisse zeigten vielmehr die politischen Versäumnisse der Vergangenheit. Es wäre kontraproduktiv, wenn Ehrenamtliche sich nun weniger oder gar nicht mehr engagieren.

Zurückgeben, was man bekommen hat

In der Berufsschule gibt es währenddessen endlich Zeugnisse. Auch wenn es in Mathe noch besser laufen muss, die Noten der geflüchteten Jugendlichen können sich sehen lassen. Schlechter als zwei bis drei steht hier keiner. Und sie sind fest entschlossen, weiter zu lernen: "Ich kann hier und darf hier zur Schule gehen. Und ich möchte auch, wenn ich groß bin und ich etwas gelernt habe, dann ich möchte auch anderen Leute helfen. Denn wenn ich etwas bekomme, dann möchte ich auch was zurückgeben."

Die Sendung zum Nachhören
Mikrofon im NDR Kultur Sendestudio © NDR Online Foto: Mathias Heller
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Übersicht
Die Kuppel des Felsendoms in Jerusalem © NDR

Freitagsforum

Reportagen aus dem Alltag von Muslimen, Berichte über innermuslimische Debatten und Beiträge von Gastautoren zu aktuellen Themen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 05.02.2016 | 15:20 Uhr

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Klassisch in den Tag mit Philipp Schmid

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