Pilger laufen um die Kaaba in Mekka. © picture alliance/dpa/Saudi Ministry of Media

Pilgerfahrt im Herzen - Der Hadsch ohne Reise nach Mekka

Stand: 16.07.2021 15:20 Uhr

Nach dem muslimischen Kalender beginnt am 19. Juli der Hadsch, die große Pilgerfahrt nach Mekka. Vor der Pandemie sind rund zwei Millionen Menschen an die historischen Stätten des Islam gepilgert. Nun sind wie 2020 nur 60.000 einheimische Pilger dabei.

Pilger laufen um die Kaaba in Mekka. © picture alliance/dpa/Saudi Ministry of Media
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von Kirsten Westhuis

"Wir kommen, dein Haus zu besuchen" - dieser typische Pilgergesang der Hadsch-Wallfahrer schallt aus den Computerboxen auf dem Schreibtisch in Badre Hasans Reisebüro am Hamburger Steindamm. Bei diesen Klängen fühle sich jeder Hadsch-Pilger sofort nach Mekka versetzt, meint der 53-Jährige wehmütig. In diesem Jahr kann seine geplante Reise mit Gläubigen aus ganz Deutschland wieder nicht stattfinden, denn Saudi-Arabien gestattet die Einreise nicht. Zugelassen sind nur einheimische und geimpfte Pilger.

Hasan zeigt Fotos aus vergangenen Zeiten und schwärmt von der besonderen Stimmung auf der Pilgerreise: "Das Leben heutzutage ist ein bisschen Action. So als wenn man auf die Autobahn fährt. Und plötzlich macht der Fahrer eine kurze Pause. Er macht alles aus, steigt aus und läuft ein bisschen im Wald. So ist das im Hadsch", sagt Hasan.

Reisebüro für Pilgerreisen nach Mekka

Auszeit aus dem Alltag und spirituelles Auftanken an den historischen Stätten des Islam: Die Erfahrungen, die Badre Hasan selbst auf der großen Pilgerreise nach Mekka gemacht hat, haben ihn so sehr geprägt, dass er 2010 seinen Job als Elektriker aufgegeben und sein Reisebüro "Badrelislam" eröffnet hat. Interessierte Kundschaft gibt es genügend, denn die Pilgerreise nach Mekka hat für Gläubige eine sehr große Bedeutung, erklärt die islamische Theologin Halima Krausen: "Mekka ist das Zentrum der islamischen Welt, sozusagen das Herzstück. Da ist die Pilgerfahrt eine der religiösen Pflichten, wenn man es irgendwie möglich machen kann. Pflichten sind immer davon abhängig, wozu man in der Lage ist. Das ist einmal die Verbindung mit dem Ursprung, aber es ist auch die Verbindung miteinander, denn da treffen sich Menschen aus der ganzen Welt."

Halima Krausen © Halima Krausen
Die muslimische Theologin Halima Krausen engagiert sich für den interreligiösen Dialog.

Halima Krausen war bis 2014 Imamin an der Imam Ali Moschee an der Außenalster in Hamburg. Von Ruhestand will sie, Jahrgang 1949, nichts wissen: Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Weltreligionen an der Universität Hamburg. 1995 war Krausen selbst in Mekka zum Hadsch. Besonders die internationalen Begegnungen sind ihr noch in guter Erinnerung. Die Tage vor Ort sind durch und durch von Ritualen geprägt, eines davon ist die Umrundung der Kaaba im Inneren der Großen Moschee.

"Mich erinnert das immer an das Im-Kreis-Gehen in der Schöpfung ohnehin: die Planeten, die um die Sonne kreisen, der Zyklus der Jahreszeiten. Man wird ein Teil von diesem und man merkt: Es bin nicht ich, die im Mittelpunkt steht, sondern die Kaaba, das Haus Gottes, und wir gehen alle drumherum", erklärt Krausen. "Das verbindet mit Gott und das verbindet mit Menschen. Das ist ein ziemlich überwältigendes Gefühl, finde ich." 

Symbolische Bedeutung der Rituale

Die starke Symbolik findet sich auch in den anderen Ritualen, die während der großen Pilgerfahrt anstehen. Die Vergebung der Sünden oder die Suche nach den Quellen des Lebens: Vor Ort geschieht das ganz konkret mit dem Werfen von kleinen Steinchen oder dem Lauf zwischen Safa und Marwa. Der Theologe Mouhanad Khorchide betont die symbolische Bedeutung der Pilgerrituale für den einzelnen Menschen: "Das Ziel der Pilgerfahrt ist ein spirituelles, ein ethisches. In einen Selbstfindungsprozess hineinzugehen, in die Tiefen des Ichs. Die ganze Reise nach Mekka symbolisiert diese Reise nach innen, um sich selbst neu zu entdecken und sich mit sich selbst zu versöhnen."

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Diese starke spirituelle Komponente ist auch Badre Hasan wichtig. "Wenn es um die Seele geht", lautet der Werbeslogan des Reiseveranstalters. Deswegen gibt Hasan, der selbst Koranlehrer ist, persönlich Vorbereitungskurse, um die Reisenden auch spirituell in Pilgerstimmung zu versetzen und ihnen eine gelungene Fahrt zu ermöglichen: "Der Prophet sagt, wenn man die Reise in guter Form vollendet, kommt man zurück wie neu geboren."

Corona-Pandemie befreit von Pilgerpflicht

Rund 5.000 Euro koste eine Hadsch-Rreise bei ihm, mit Flügen, Visa-Beschaffung, Unterkunft in den Hotels rund um Mekka und der Teilnahme an den religiösen Ritualen. Deutlich günstiger ist die Umra, die kleine Pilgerfahrt, die zu anderen Zeiten im Jahr stattfinden kann und insgesamt weniger umfangreich ist. Wer die Pilgereise aber aus finanziellen oder gesundheitlichen Gründen nicht antreten kann, ist von der Pflicht befreit. Auch Corona sei ein besonderer Umstand, sagt Mouhanad Khorchide: "Auch zur Zeit von Corona, wo es unmöglich oder erschwert ist, zu pilgern, sind die Menschen von dieser Reise befreit, allerdings nicht von dem, was sie symbolisiert. Sie symbolisiert, dass es andere Werte im Leben gibt außer materiellen Werten, dass man Hab und Gut hinter sich lässt und sich fragt, worauf es ankommt."

Rückbesinnung auf den Sinn des Pilgerns?

Normalerweise besuchen rund zwei Millionen Muslime Mekka in den Tagen des Hadsch. Dicht an dicht umrunden sie die Kaaba, gedrängt pilgern sie in den überdachten und klimatisierten Gängen durch die Wüste. Die Bilder aus dem vergangenen Jahr hingegen sahen ganz anders aus: vereinzelte Gläubige im Innenhof der Großen Moschee im Gebet versunken. Raum. Weite. So ist es auch in diesem Jahr wieder. Diese Pandemie-Pause im Pilgerbetrieb sei auch eine große Chance, meint Mouhanad Khorchide. "Gerade jetzt, wo wir sehen, dass kaum Menschen vor Ort sind in Mekka, ruft das ins Bewusstsein, worauf es eigentlich ankommt: Es geht nicht um die Reise an sich, man muss nicht unbedingt nach Mekka fahren, um die Reise zu sich im Angesicht Gottes zu vollenden. Sondern jeder soll für sich seine eigene Pilgerfahrt finden, jeder soll in sich hineingehen und überlegen, was die Pilgerfahrt eigentlich symbolisiert.

Den Hadsch im Herzen vollziehen

Das islamische Opferfest

Das Opferfest Eid al-Adha gilt als die wichtigste islamische Feier. Mit dem Fest erinnern Gläubige an die Bereitschaft Ibrahims (Abrahams), einen Sohn zu opfern, um Gott seinen Glauben zu beweisen. Der Termin des viertägigen Festes im Monat der Wallfahrt nach Mekka (Hadsch) kann in verschiedenen Ländern variieren. An dem Tag versammeln sich die Gläubigen am frühen Morgen zum Festgebet in den Moscheen. Beliebtes Opfertier für die rituelle Schlachtung (Schächten) ist das Schaf.

Die Reise nach Mekka findet für die Reisegruppe von Badre Hasan wieder nicht statt, doch der Hadsch fällt deswegen nicht aus. Hasan betont, dass das Opferfest nicht nur in Mekka während des Hadsch gefeiert wird, sondern überall auf der Welt. Die Theologin Halima Krausen will sich zur Hadsch-Zeit aus ihrem Wohnzimmer hinaus über die digitalen Kommunikationsmittel mit befreundeten Musliminnen und Muslimen in aller Welt verbinden. Badre Hasan wird es traditionell mit seiner Familie feiern. Und Mouhanad Khorchide schlägt vor, die Tage des Hadsch als Zeit der Einkehr und Besinnung zu nutzen: "Jeder kann in seinem Herzen das Ganze vollziehen, unabhängig vom Ort, denn der eigentlich Ort der Begegnung mit Gott ist im Herzen des Menschen einerseits und andererseits dort, wo der Mensch eine Hand der Liebe ausstrecken kann in seinem sozialen Leben. Dort begegnet man Gott, dort sind die Früchte, die man von einer Pilgerfahrt ernten kann, auch wenn sie nicht nach Mekka vollzogen wurde, sondern im spirituellen Sinne eine Reise in die tiefen des Ichs ist."

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Pilgerstätte Mekka.  Foto: mustafa ciftci

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NDR Kultur | Freitagsforum | 16.07.2021 | 15:20 Uhr

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