Auf einer weißen Computertastatur ist eine Taste mit "Rassismus" beschriftet © Bildagentur-online/McPhoto

Muslimische Jugend wirft Landesjugendring Rassismus vor

Stand: 26.03.2021 16:06 Uhr

Es gibt gerade einen heftigen Streit im niedersächsischen Landesjugendring. Muslimische Verbände wie die Young Schura werfen der Organisation Rassismus vor. Die Young Schura und die DITIB-Jugend haben sich erst einmal aus der Mitarbeit zurückgezogen.

Auf einer weißen Computertastatur ist eine Taste mit "Rassismus" beschriftet © Bildagentur-online/McPhoto
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von Michael Hollenbach

Angefangen hatte alles mit dem Antrag der DITIB-Jugend auf eine Vollmitgliedschaft. DITIB - das ist der deutsch-türkische Moschee-Verband mit engen Beziehungen zur türkischen Regierung. Der sozialistische Jugendverband "Die Falken" in Göttingen wollte es genau wissen und recherchierte. Dabei stießen die "Falken" auf die türkische Facebook-Seite des Göttinger DITIB-Vorsitzenden Mustafa Keskin. "Es gab ein Bild, auf dem man den ehemaligen Präsidenten Trump und den neuen Prädienten Biden sah", erläutert Malte Woltering von den Göttinger Falken. "Darüber stand: 'old puppet' und 'new puppet' und darunter war Herr Rothschild zu sehen; darunter stand 'puppet master'. Das ist typische antisemitische Verschwörungsideologie."

Die Folge: Die DITIB distanzierte sich von ihrem Göttinger Vorsitzenden; der trat zurück. Doch Mustafa Keskin sei kein Einzelfall bei DITIB, meint Falken-Frau Sabine Lipinski: "Es gab in der Vergangenheit schon öfter solche Vorfälle."

Keine Förderung für Jugendverbände

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Ein weiterer Kritikpunkt der "Falken" sei, dass die DITIB direkt von der Diyanet beeinflusst werde, sagt Malte Woltering: "Die Diyanet ist das Religionsministerium in der Türkei, das Erdogan untersteht. Und da sich die DITIB und die DITIB-Jugend gegenseitig beeinflussen, wollten wir diesen Einfluss auch nicht hier im Landesjugendring haben."

Dass die DITIB-Jugend von dem deutsch-türkischen Moscheeverband gefördert werde, sei allerdings nachvollziehbar, räumt Björn Bertram ein. Er ist Geschäftsführer des Landesjugendrings: "Das Problem ist, dass die DITIB-Jugend wie auch die anderen Migrant*innenjugendselbstorganisationen keine Regelförderung aus Mitteln der Jugendarbeit durch das niedersächsische Sozialministerium bekommen, und das erschwert das Agieren. Wie sollen Jugendverbände ihre Eigenständigkeit hinbekommen, wenn die Landesförderung fehlt?"

"Da war ganz klar eine antimuslimische Haltung"

Im Vorfeld der Vollversammlung des Landesjugendrings Anfang März eskalierte die Situation. Muslimische Verbände wie die Young Schura, ein Bündnis, in dem sowohl sunnitische als auch schiitische Muslime vertreten sind, als auch die DITIB-Jugend fühlten sich unter Generalverdacht gestellt: "Da war ganz klar eine antimuslimische Haltung", findet Aysenur Erden von der niedersächsischen Young Schura. "Das hat mir klar gezeigt, dass die meisten Diskussionen nicht mit uns geführt wurden. Viele Sachen, die angesprochen wurden, sind in Sitzungen geschehen, in denen wir nicht mit dabei waren. Es reicht definitiv nicht aus, muslimische Jugendliche auf Werbekampagnen, auf Flyern oder Social Media abzubilden, um dann mit Diversität zu prahlen. Da müsste der Landesjugendring auch konsequent handeln."

Wenig Hoffnung auf Versöhnung

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Die DITIB-Jugend hatte in der Vollversammlung des Landesjugendrings keine Zwei-Drittel-Mehrheit für eine Vollmitgliedschaft erhalten. Gegen DITIB sprachen sich auch die Aleviten aus, eine Glaubensgemeinschaft, die in der Türkei diskriminiert und zeitweise verfolgt wird. Nach der Ablehnung der Vollmitgliedschaft haben sich die DITIB-Jugend und auch Young Schura aus der Arbeit der des Landesjugendrings zurückgezogen. Darüber ist Björn Bertram vom Landesjugendring alles andere als glücklich: "Ich würde es für sinnvoll erachten, wenn es möglich wäre, in Deutschland die Integration aller Migrant*innenselbstorgansisationen, soweit sie auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen, auch entsprechend voranzutreiben und zu forcieren."

Doch Aysenur Erden von Young Schura hat momentan wenig Hoffnung, dass sich das zerschlagene Porzellan bald kitten lässt: "Was wir wieder erleben, ist die Maßnahme einer Arbeitsgruppe, in der erneut dieselben weißen Menschen über uns und unsere Strukturen sprechen. Das heißt, dass der Landesjugendring noch nicht erkannt hat, wo das eigentliche Problem liegt: nämlich in ihren eigenen Strukturen, in rassistischen Strukturen."

Immerhin will man im Landesjugendring bis zur nächsten Vollversammlung einen Weg finden, der die Mitarbeit der muslimischen Jugendverbände ermöglicht.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 26.03.2021 | 15:20 Uhr

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