Gesang während einer Zeremonie in einer alevitischen Gemeinde © NDR Foto: Kadriye Acar

Muslimische Aleviten als Bindeglied zwischen Sunniten und Aleviten

Stand: 17.09.2021 09:34 Uhr

Die alevitischen Muslime berufen sich auf den Koran, und während des Gottesdienstes wird nicht nur gebetet, sondern auch Musik gemacht. Sie sind quasi das Bindeglied zwischen Sunniten und Aleviten. Kadriye Acar hat eine Gebetszeremonie der alevitischen Muslime besucht.

Gesang während einer Zeremonie in einer alevitischen Gemeinde © NDR Foto: Kadriye Acar
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von Kadriye Acar

Es ist Donnerstagabend. Junge und Alte, Frauen mit und ohne Kopftuch drängen sich in das Haus mit der Aufschrift: Haci Bektas Veli Cem Evi - Versammlungssaal des Heiligen Haci Bektas. Der Saal füllt sich schnell und der Gottesdienst beginnt mit einer Sure aus dem Koran.

Auch Aleviten berufen sich auf den Koran

Das wäre nichts Erstaunliches, wäre der Heilige Haci Bektas nicht einer der wichtigsten geistigen Führer des Alevitentums und dies ein Gottesdienst muslimischer Aleviten. Aber: Die Alevitische Föderation, der Dachverband der alevitischen Verbände, sieht das Alevitentum nicht als Teil des sunnitischen Islam an. Der geistige Führer der Gemeinde, Turan Aydin, der Dede, und nicht, wie im sunnitischen Islam, Imam genannt wird, erläutert: "Wenn wir dieses Haus betreten, dann berufen wir uns auf den Koran. Wir beginnen unser Gebet mit der Eröffnungssure, der Fatiha. Es geht nicht ohne den Koran. Auch wenn es Menschen gibt, die das Alevitentum instrumentalisieren und sagen, dass sie keine Muslime sind. Wie kann man Ali lieben und kein Moslem sein?"

Durch Gesänge und Tänze wird eines alten Traumas gedacht

Aleviten, ob muslimische oder nicht-muslimische, berufen sich auf Ali, den Cousin und Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Sowohl Ali als auch seine beiden Söhne wurden - so die alevitische Sicht - von sunnitischen Muslimen umgebracht. Ein Trauma, dem bis heute mit rituellen Gesängen und Tänzen gedacht wird. Mert Aydogan, der während der Zeremonie das Saz spielt, ist überzeugter Muslim: "Alles, was wir machen, hat Hand und Fuß und ist abgleitet aus dem Koran", erklärt er. "Und der Koran ist das Buch der Muslime, damit hat sich die Sache erledigt. Und wir sagen ja auch 'Ya illaha illalah, Muhammed Resul-Allah, Ali Vesil Resullah allah'. Also: 'Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt und Muhammed sein Prophet ist und Ali sein Nachfolger'."

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Alevitische Muslime interpretieren muslimische Gebote anders

"Weil Aleviten nicht in die Moschee gehen, weil sie nicht fünf Mal am Tag beten, weil sie eben nicht 30 Tage im Ramadan fasten, meinen die anderen Muslim*innen, wir wären keine Muslime", sagt Gülsüm Bozdogan, die Vorsitzende des Vereins. "Das stimmt aber absolut nicht. Wir bezeugen, dass wir den wahren Islam leben, weil es zu der damaligen Zeit auch keine Moschee gab, obwohl sie sagen, der Prophet sei in einer Moschee gewesen. Es gab keine Moschee."

Die alevitischen Muslime respektieren die fünf Säulen des sunnitischen Islams, also Fasten, Beten, Wallfahren, Almosengeben und an Gott glauben. Aber sie interpretieren diese Gebote anders. Die Wallfahrt zum Beispiel machen sie nicht, da sie glauben, dass es gottgefälliger ist, das Geld, das für die Wallfahrt ausgegeben wird, an Bedürftige zu spenden. In die Moschee gehen sie auch nicht, da es eine Moschee, wie wir sie heute kennen, zu Zeiten des Propheten auch nicht gab, sondern nur Versammlungshäuser, wo die Gläubigen sich trafen und unter anderem auch beteten.

Spiel auf der Saz und der rituelle Semah-Tanz sind Teil der Zeremonie

Fast zwei Stunden dauert die Zeremonie. Während Mert die Saz spielt, führt seine ältere Schwester Selcan den Semah, den rituellen Tanz, an. Eine Tradition, die auch nicht-muslimische Aleviten begehen. Davor jedoch hat sie mit zwei anderen Gläubigen, die sich freiwillig gemeldet haben, den Teppich des Gemeindesaales gefegt. Das stehe als Symbol dafür, das "Schlechte im Menschen" wegzufegen, erklärt Selcan. Der Semah symbolisiere die Darstellung der Erde. "Das ist das Leben, das haben wir auch gezeigt. Jede Bewegung, die wir machen, alles, was wir sagen, hat eine tiefe Bedeutung."

Lange nach dem Gottesdienst bleiben die Gläubigen noch zusammen. Essen, musizieren, planen die nächsten Aktivitäten und sind mit ihrem Glauben im Reinen.

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