Maria hält Jesus in ihren Armen (Gemälde von etwa 1560) © Heritage Art/Heritage Images Foto: Giovanni Battista Moroni

Prophetin, Jungfrau, Mutter: Die Rolle der Maria im Koran

Stand: 06.05.2022 16:58 Uhr

Im Christentum wird Maria verehrt und gefeiert - die Mutter Jesu spielt aber auch im Koran eine wichtige Rolle. Sie ist die einzige Frau, nach der eine Sure benannt wird: die Sure Maryam.

Maria hält Jesus in ihren Armen (Gemälde von etwa 1560) © Heritage Art/Heritage Images Foto: Giovanni Battista Moroni
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von Karin Dzionara

Jungfrau, Mutter, Grenzgängerin - Maria hat viele Gesichter. Dass im Koran eine ganze Sure nach ihr benannt ist, ist außergewöhnlich. Aber nicht nur, weil Maria eine Frau ist, erläutert die islamische Theologin Muna Tatari: "Das ist insofern von Bedeutung, weil es im Koran nur sehr wenige Suren gibt, die als Titel einen Personennamen haben. Und allgemein sollen die Überschriften immer eine Art Lesehilfe sein, wie der gesamte Inhalt der folgenden Sure am besten verstanden werden kann. Der Imperativ, der da drin liegt, bedeutet, dass wir die Sure 19 sozusagen mit Maria an der Seite lesen sollen, damit wir sie möglichst gut verstehen."

Maria hat einen zentralen Part im Koran

In dieser Sure gibt Maria den Ton an - das ist die eine Seite. Es geht aber auch um eine andere wichtige Eigenschaft, die eng mit Maria verbunden ist: "Spannend ist, dass mit der Figur Marias einer der 99 Namen Gottes eingeführt wird, nämlich Gott als der umfassend Barmherzige. In der Koran-Chronologie ist es Maria, die Gott mit dem Namen des Barmherzigen anruft, und mit ihrer Wortemeldung ist die Barmherzigkeit das erste Mal im Koran genannt. Das ist eine theologische Schlüsselkategorie und die ist ganz eng im koranischen Text mit Maria verknüpft."

Muna Tatari © Karin Dzionara
Muna Tatari ist Professorin für Islamische Theologie an der Universität Paderborn.

Ähnlich wie in der Bibel hat Maria auch im Koran einen zentralen Part - sie ist die Mutter des Propheten Jesus, nicht jedoch, wie im Christentum, die Mutter Gottes. Maria im Koran ist eine alleinerziehende Frau, ihr steht auch kein Mann zur Seite. Das sei eine besondere Herausforderung, betont die islamische Theologieprofessorin aus Paderborn: "Sie durchlebt auch Phasen der Verzweiflung, der Angst, der Hoffnungslosigkeit, bekommt dann aber mit ihrer Rückbindung an Gott auch eine Wendung in ihrem Leben hin."

Maria im Koran: eine Powerfrau

Maria - Prophetin, Jungfrau und Mutter: Es gibt zahlreiche Parallelen zur biblischen Überlieferung, wenn es um Maria geht. Muna Tatari hat sich zusammen mit ihrem katholischen Kollegen Klaus von Stosch mit der Figur der Maria auseinandergesetzt. Die Ergebnisse haben sie in dem gemeinsamen Buch "Prophetin - Jungfrau - Mutter. Maria im Koran" zusammengefasst. Für die islamische Theologin ist Maria im Koran eine Powerfrau: "Das teilt der Koran mit der christlichen Vorstellung: Der koranische Text erzählt, dass Maria ein Kind empfängt, ohne dass ein Mann sie berührt hat. Ganz oft wird das in der islamischen Tradition verstanden als ein Ausdruck der Mächtigkeit Gottes. Gott kann also, wenn er möchte, auch Naturgesetze außer Kraft setzen. Ich bin nicht sicher, ob das an diesem Punkt wirklich die theologische Pointe ist. Die theologische Pointe ist, so denke ich, dass, wenn sich ein Mensch ganz auf Gott einlässt - und das wird hier an einer Frau dargestellt -, dann kann das wundersame Früchte tragen. Das ist eine ganz existenzielle Botschaft, die dahinter steht. Deswegen wird Maria im Koran auch beschrieben als eine als eine Person, die Vorbild ist für Männer und Frauen."

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Die Mariengeschichte wird heute neu und anders gelesen - mit Fragen, die moderne Theologinnen und Theologen an den Text stellen. Emanzipiert und tief religiös. Auch was das Rollenverständnis von Frauen und Männern heute angeht, könne Maria im Koran eine wichtige Impusgeberin sein, sagt Muna Tatari: "Maria wird ganz oft, manchmal ein bisschen vorschnell, eingetütet in die Rolle der Gott hingegebenen, Gott gehorsamen, sehr frommen, sehr spirituellen Frau. Wenn wir uns aber den koranischen Text genau angucken, dann ist es ganz schwierig, weil sie im Prinzip dafür steht, stereotype Rollenzuschreibungen aus den Angeln zu heben von dem, was angeblich typisch Mann oder typisch Frau ist."

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NDR Kultur | Freitagsforum | 06.05.2022 | 15:20 Uhr

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