Stand: 26.04.2018 17:07 Uhr  | Archiv

Kopftuch: Wir brauchen eine Debatte ohne Denkverbote!

Die Diskussion ist nicht neu und sie wird nach wie vor oft sehr emotional geführt. Denn wenn es um das Kopftuchverbot geht, liegen die Meinungen weit auseinander. Vor kurzem kochte die Debatte bundesweit wieder hoch. Der Anlass: Die nordrheinwestfälische Landesregierung hatte angekündigt, ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren zu prüfen. Die Debatte ist wichtig, meint unsere Gastautorin.

Canan Topcu © Canan Topçu Foto: Christoph Boeckheler
Die Autorin Canan Topçu zur Frage eines europäischen Islams

Ein Kommentar von Canan Topçu

Der Vorstoß für ein Verbot sollte Anlass sein für einen intensiveren Austausch. Wir müssen darüber diskutieren und streiten, was es mit dem Stück Stoff auf sich hat.

Einige Kritiker des Kopftuchverbots für Mädchen argumentieren, dass der Staat sich nicht einzumischen hat in die religiösen Wertvorstellungen und Erziehungsaufgaben von Eltern. Andere halten die Diskussion für überflüssig, weil hierzulande nur wenige Mädchen betroffen sind. Genaue Zahlen kennt keiner. Ein Massenphänomen sehe ich nicht. Gleichwohl wird das Thema bewusst politisch instrumentalisiert. In der Tat: Es ist nicht die Aufgabe des Staates, Kleidervorschriften zu machen. Ein Verbot verhindert nicht, dass Eltern ihren kleinen Töchtern ein Kopftuch umbinden. Und ein Staat, der sich in dieser Frage autoritär in Wertvorstellungen und in den Glauben einmischt, ist das Letzte, was wir brauchen!

Über die Autorin

Die Journalistin und Autorin Canan Topçu, 1965 in der Türkei geboren, lebt seit ihrem achten Lebensjahr in Deutschland. Nach ihrem Studium absolvierte sie ein Volontariat bei der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Danach war sie Redakteurin bei der "Frankfurter Rundschau". Sie arbeitet nun freiberuflich für Hörfunk, Print- und Online-Medien. Spezialisiert hat sie sich auf die Themen Integration, Migration, Islam und muslimisches Leben in Deutschland. Außerdem ist sie Dozentin - u.a. an der Hochschule Darmstadt.

Keine eindeutigen religiösen Quellen zur Kopftuchpflicht

Eine Debatte beginnt mit Fragen. Ich frage mich: Wofür steht das Kopftuch eigentlich? Warum wird es getragen? Ist es wirklich Gottes Gebot, dass Frauen und sogar kleine Mädchen sich verhüllen sollen? Warum sollte Gott das wollen? Was steht im Koran dazu? Über diese Fragen sollten wir Muslime nachdenken. Wer andere überzeugen möchte, muss gute Argumente haben. Ehrlich gesagt: Bisher habe ich keine nachvollziehbaren Argumente gehört, warum Frauen heutzutage ihr Haar oder gar ihr Gesicht verhüllen sollten. Nicht einmal im Koran steht etwas dazu, auch wenn strenggläubige Muslime und Prediger das vehement behaupten. Es gibt keine eindeutigen religiösen Quellen zur Kopftuchpflicht, schon gar nicht solche, die auf Kinder zu beziehen wären. Das betonen sogar islamische Theologen, die sehr konservativ sind und wahrlich nicht im Verdacht stehen, den Islam "verwässern" zu wollen.

Schülerin mit Kopftuch © dpa
Auch junge Musliminnen tragen Kopftuch. Serap Güler, NRW-Staatssekretärin für Integration, hat ein Kopftuch-Verbot für Mädchen unter 14 Jahren vorgeschlagen.
Den Glauben selbstbewusst reflektieren und Überzeugungen hinterfragen

Warum sollen dann aber schon kleine Mädchen ein Kopftuch tragen? Wer sich hierzulande unter muslimischen Vätern und Müttern umhört, der bekommt schnell mit, dass viele von ihnen sich entweder keine eigenen Gedanken über entsprechende Forderungen gemacht haben oder ziemlich indoktriniert sind. Im besten Fall basieren ihre Einstellungen zu religiösen Geboten oder Verboten auf Un- oder Halbwissen; im schlimmsten Fall sind sie beeinflusst von Fundamentalisten und Islamisten.

Wenn wir Muslime aber ernst genommen werden wollen, dann sollten wir damit aufhören, uns selbst einzureden und gegenseitig zu bestätigen, dass die Politik uns angeblich bevormundet und sich in unsere religiösen Angelegenheiten einmischt. Wir sollten vielmehr unseren Glauben selbstbewusst reflektieren und unsere Überzeugungen durchaus hinterfragen. Ob es um das Kopftuch geht oder nicht - wir müssen uns viel stärker miteinander über die vermeintlich vorgeschriebenen Gebote und Verbote im Islam austauschen und uns das Praktizieren unserer Religion nicht von Gelehrten vorschreiben lassen, die mit der hiesigen Gesellschaft offen fremdeln. Ich wünsche mir, dass statt unreflektierter Gefolgschaft eine stärkere Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, patriarchalen Traditionen sowie Frauen- und  Männerbildern stattfindet.

Eine Frage der Erziehungskompetenz?

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Canan Topcu © Canan Topçu Foto: Christoph Boeckheler
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Und wenn es der Politik tatsächlich um das Wohl der Kinder geht, dann soll sie sich dafür engagieren, dass muslimische Eltern ihre Erziehungskompetenz erweitern können - etwa über Kurse wie "starke Eltern, starke Kinder" oder auf die Zielgruppe abgestimmte Seminare zur Entwicklungspsychologie. Und wenn es um eine am humanistischen Menschenbild ausgerichtete Religionspraxis geht, dann sollte die Politik ihre Aufgabe darin sehen, faire Rahmenbedingungen und Reflexionsräume über die eigene Religion zu schaffen - in der Schule, in der Moschee und an Hochschulen. Was auch sinnvoll ist: die politische Bildung für junge Muslime auszuweiten und das Engagement junger Muslime jenseits der Islamverbände zu unterstützen.  

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NDR Kultur | Freitagsforum | 27.04.2018 | 15:20 Uhr

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