Stand: 27.12.2018 15:04 Uhr  | Archiv

Jahresrückblick 2018 aus muslimischer Sicht

Was bleibt vom Jahr 2018 in Erinnerung? Der Jahrhundertsommer sicherlich, der Brexit oder die langen Verhandlungen zur Bildung der neuen Bundesregierung. Es war ein ereignisreiches und oft auch turbulentes Jahr. Und was hat 2018 Muslime in Norddeutschland besonders bewegt?  

Ein Kommentar von Canan Topçu

Canan Topcu in der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" © dpa/picture alliance
Die Journalistin Canan Topcu schaut mit gemischten Gefühlen zurück auf das Jahr 2018.

"Das darf doch nicht wahr sein." Dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf, als ich hörte, was Horst Seehofer im März dieses Jahres von sich gab. Kaum dass er Bundesinnenminister wurde, erklärte der CSU-Politiker allen Ernstes, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. ,Schlimmer wird es wohl nicht mehr werden`, dachte ich. Und wurde eines Besseren belehrt. Denn Seehofers Parteikollege Alexander Dobrindt kippte kurze Zeit später Öl ins Feuer mit seiner Aussage, dass es der islamischen Welt an Toleranz und Nächstenliebe mangele.

Die nächste Empörungswelle verursachte eine türkeistämmige CDU-Politikerin aus Nordrhein-Westfalen. Serap Güler, Staatssekretärin für Integration, plädierte für ein Kopftuchverbot für minderjährige muslimische Schülerinnen. Damit machte sie sich zum Feind der konservativen Islamverbände und Eltern mit orthodoxem Islamverständnis.

Auch 2018 immer wieder hitzige Islam-Debatten

Genau genommen gab es das ganze Jahr über hitzige Islam-Debatten. Dazu trug auch DITIB bei. Die Kritik konzentrierte sich auf den Einfluss der türkischen Regierung auf diesen Islamverband und auf das Gemeindeleben von Muslimen hierzulande. Zu Recht empörten sich Politik und Zivilgesellschaft etwa über Kriegsspiele in DITIB-Moscheen und daran, dass der türkische Staatspräsident Erdogan die große DITIB-Moschee in Köln einweihte, deutsche Politiker aber zur Feierstunde nicht eingeladen wurden. Wie sehr es auch intern brodelte, zeigte sich Ende November. Der DITIB-Landesvorstand für Niedersachsen und Bremen trat geschlossen zurück und begründete dies mit dem Frust über die Gängelung durch die türkische Religionsbehörde.   

Über die Autorin

Die Journalistin und Autorin Canan Topçu, 1965 in der Türkei geboren, lebt seit ihrem achten Lebensjahr in Deutschland. Nach ihrem Studium absolvierte sie ein Volontariat bei der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Danach war sie Redakteurin bei der "Frankfurter Rundschau". Sie arbeitet nun freiberuflich für Hörfunk, Print- und Online-Medien. Spezialisiert hat sie sich auf die Themen Integration, Migration, Islam und muslimisches Leben in Deutschland. Außerdem ist sie Dozentin - u.a. an der Hochschule Darmstadt.

Ein Lichtblick: Die Deutsche Islamkonferenz

Es gibt aber auch durchaus Positives aus 2018 zu berichten:  Auf der Islamkonferenz Ende November in Berlin zeigte sich Gastgeber Horst Seehofer geläutert, war geradezu versöhnlich. Und vertreten waren auf dem bundesweit größten und wichtigsten Dialogforum erfreulicherweise nicht nur Islamverbände, sondern das gesamte Spektrum der muslimischen Community.  

So ganz ohne Zwist geht es nicht beim Thema  Islam und Muslime in Deutschland. Anlass dafür war diesmal ein "delikates" Häppchen im Flying-Büffet der Islamkonferenz. Die vom Bundesinnenministerium beauftragte Catering-Firma hatte nämlich Blutwurst serviert. Also Schweinefleisch - und damit eine Speise, die für fromme Muslime verboten ist. Manche unterstellten dem Gastgeber daher Absicht, andere Respektlosigkeit oder gar Provokation. Diese Aufregung kann ich nicht nachvollziehen, denn eine plurale und multireligiöse Gesellschaft zeichnet sich doch gerade dadurch aus, dass alle auf ihre Kosten kommen können. Und das konnten muslimische Gäste zweifelsohne, das Büffet enthielt auch etliche andere Häppchen.

Wichtige Themen wie Imam-Ausbildung sind noch ungeklärt

Der Streit um die Blutwurst verdrängte die eigentlichen Debatten auf der Islamkonferenz, beispielsweise über die Imam-Ausbildung, die Frage nach  Finanzierungsmöglichkeiten von muslimischen Gemeinden und den Zwist der Verbände und islamischen Gruppen unter einander. Sie konkurrieren um die Deutungshoheit, um die Gunst der Politik und auch um Fördermittel. Denn in der Islamdebatte geht es auch um Geld, um viel Geld, auch wenn das kaum einer offen ausspricht.   

Wenn ich auf das Jahr zurückblicke, dann verstören mich nicht allein negative Äußerungen hiesiger Politiker über Islam und Muslime, sondern auch das Verhalten jener, die sich als Wortführer der Muslime hervortun. Etwa dann, wenn sie zu unkritisch sind im Bezug auf menschenverachtende Einstellungen unter Muslimen. Oder wenn sie sich in die Opferrolle begeben und so die Debatten in eine Richtung lenken, die keineswegs zur Befriedung von Missständen beiträgt.

Barmherzigkeit, Güte und Toleranz scheinen in den Hintergrund zu geraten

Bei zu vielen, die im Namen von Muslimen öffentlich sprechen, spüre ich nichts von dem, was den Glauben für mich ausmacht: Spiritualität. Da springt kein Funken über. Es gibt kaum jemanden, der auf mich glaubwürdig wirkt. Barmherzigkeit, Güte, Nachsicht, Toleranz und Demut: All das scheint beim Kampf um die Deutungshoheit und die Daseinsberechtigung für Muslime hierzulande in den Hintergrund zu geraten. Die Essenz des Glaubens verflüchtigt sich im Streit um das Tragen des Kopftuchs, um Gebetsräume in Schulen und  Universitäten, um Halal-Speisen in Kantinen und auf Empfängen. Die hartnäckig geführten Kämpfe zum Durchsetzen von vermeintlich islamischen Geboten und Verboten vergiften die Atmosphäre, spalten die Gesellschaft. 

Für das bevorstehende Jahr wünsche ich mir daher, dass wir Muslime uns mehr auf das Spirituelle konzentrieren, dass wir uns rückbesinnen auf islamische Werte, statt über Normen zu streiten.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 28.12.2018 | 15:20 Uhr

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