Pilger umkreisen die Kaaba © Ashraf Amra/APA Images via ZUMA Press Wire/dpa

Hadsch 2022: Traditionelle Pilgerreise mit Hindernissen

Stand: 05.07.2022 08:11 Uhr

Am 7. Juli beginnt nach dem muslimischen Kalender in diesem Jahr der Hadsch, die traditionelle Pilgerfahrt nach Mekka. In seinem Gastbeitrag stellt Autor Junus el-Naggar das neue Anmeldesystem Saudi-Arabiens in Frage.

Pilger umkreisen die Kaaba © Ashraf Amra/APA Images via ZUMA Press Wire/dpa
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von Junus el-Naggar

Er hatte über Jahre gespart, lange auf seine große Reise hin gefiebert. Der Urlaub war genehmigt, die Tickets gebucht und die Koffer schon aus dem Keller geholt. Und jetzt kommt doch alles anders. Mein Kindheitsfreund Nuri und seine Frau können die Pilgerfahrt nach Mekka - den Hadsch - dieses Jahr nicht vollziehen.

Losverfahren entscheidet über Pilgerreise

Er hatte es schon im vergangenen Jahr versucht. Corona machte ihm da jedoch einen Strich durch die Rechnung. 2022 sollte die Pandemie einigermaßen im Griff und ein Hadsch für Menschen aus aller Welt wieder möglich sein. Doch Anfang Juni, wenige Wochen vor der geplanten Abreise, gab das saudische Hadsch-Ministerium bekannt, die Organisation der Pilger:innen aus Europa, Amerika und Australien vollständig in saudische Hände zu legen. Viel zu spät, um den organisatorischen Aufwand bewältigen zu können.

Über ein Losverfahren bestimmen sie nun, wer pilgern darf. Bisher hatten sich Reisebüros aus aller Welt um Visa, Flüge, Hotels, Betreuung, Verpflegung und Transport vor Ort gekümmert. Aus den Medien erfuhren sie von der Umstrukturierung und müssen ihren Kund:innen nun die Kosten erstatten. Nach der Pandemie ist das für viele Reisebüros der nächste Rückschlag. Bleibt zu hoffen, dass das aktuelle Buchungschaos die Saudis dazu bewegt, ihnen die Organisation im nächsten Jahr wieder zu überlassen. Wahrscheinlich scheint das aber nicht.

Seit Jahren stetig wachsende Kosten

Junus el-Naggar © Junus el-Naggar
Junus el-Naggar hat Islamische Theologie und Anglistik studiert.

Die Umstrukturierung sehe ich als Teil der "Vision 2030" des saudischen Kronprinzen. Die Saudis streben nach Unabhängigkeit von den Öleinnahmen. Wieso also ausländischen Reiseunternehmen die wertvollen Einnahmen überlassen, statt Pilger:innen mit der saudischen Staats-Airline ins Land zu bringen und selbst zu betreuen?

Die in den vergangenen Jahren ohnehin stetig gestiegenen Preise für einen Hadsch machen nun nochmal einen großen Sprung. Von 9.000 bis 11.000 € ist die Rede. Nuri und seine Frau hatten gerade genug zusammengekratzt. Die Erfüllung ihrer religiösen Pflicht wurde ihnen nun aber so sehr erschwert, dass sie sich nicht mehr für das Losverfahren angemeldet haben. Der Hadsch wurde weiter kommerzialisiert und wird zunehmend entspiritualisiert.

Chaos bei Hadsch-Organisatoren in Saudi-Arabien

Andere Muslim:innen haben ihr Glück dennoch über das neue Online-Portal versucht. Bei vielen wurde die Zahlung im System zwar als eingegangen, ihre Buchung allerdings als fehlgeschlagen angezeigt. Auf telefonische und schriftliche Rückfragen keine Antwort. Das vom Ministerium beauftragte Portal scheint völlig überfordert mit der Abfertigung dieses Aufkommens an Pilger:innen. In den sozialen Medien finden sich etliche Beschwerden über das Chaos auf dem Registrierungsportal. Tausende Muslim:innen wussten bis zum letzten Moment nicht, ob sie es dieses Jahr nach Mekka schaffen würden.

Hotels und Flüge sind nicht verfügbar. Reisende wurden trotz gültiger Buchung an den Flughäfen zurückgeschickt. Wer es nach Saudi-Arabien geschafft hat, wird teils mit völlig Fremden in Hotelzimmern untergebracht. Die Pilger:innen sind zum Spielball saudischer Nationalinteressen geworden. Nuri wollte nicht weiter in Ungewissheit schweben. Seinen Urlaub will er jetzt in Spanien verbringen und danach wieder für den Hadsch im nächsten Jahr sparen.

Pflicht zur Pilgerfahrt für manche vorläufig erloschen

Um die Umstrukturierung für Europa, Amerika und Australien zu vermeiden, haben es dieses Jahr auch viele Muslim:innen mit nicht-deutscher Staatsbürgerschaft über die Hadsch-Kontingente ihrer Herkunftsländer versucht und sind etwa aus Sarajevo, Tunis, Istanbul, Beirut oder Algier nach Mekka gereist. Andere halten die Pflicht zur Pilgerfahrt gar für vorläufig erloschen. Sie sehen schlicht nicht ein, dass man mit ihnen Katz und Maus spielt. Und wer hat in der jetzigen Zeit schon 9.000 bis 11.000 Euro auf der hohen Kante liegen?

Leid tun mir vor allem auch ältere Muslim:innen, die ihr ganzes Leben auf diese Reise hin gespart haben. Werden sie im nächsten Jahr noch in der körperlichen Verfassung für die Pilgerfahrt sein? Werden sie überhaupt noch am Leben sein? Wird es wieder ein organisatorisches Chaos wie in diesem Jahr? Steigen die Preise aufgrund der Monopolstellung der Saudis weiter? Trotz der vielen offenen Fragen blickt Nuri hoffnungsvoll nach vorne. Er habe alles getan und lege den Erfolg seiner Initiative jetzt in Gottes Hände, sagt er.

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