Sendedatum: 16.03.2018 15:20 Uhr  | Archiv

"Die Muslime sind verängstigt"

Er ist erst wenige Tage im Amt, und doch hat sich der neue Bundesinnen- und Heimatminister Horst Seehofer nun in einem Interview festgelegt: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland", sagte er der "Bild"-Zeitung. Was heißt das für die Muslime in Deutschland? NDR Kultur sprach darüber mit Emine Oğuz, Geschäftsführerin der DITIB in Niedersachsen und Bremen.

Frau Oğuz, wie fühlen Sie sich, wenn Sie diesen Satz hören, der Islam gehöre nicht zu Deutschland?

Die Religionspädagogin Emine Oguz im Porträt. © Emine Oguz
Emine Oğuz ist Geschäftsführerin der DITIB in Niedersachsen und Bremen.

Emine Oğuz: Ich weiß nicht, ob ich jetzt lachen oder weinen soll, insbesondere, weil die letzten Wochen und Tage eher von zunehmenden Moscheeübergriffen geprägt waren. Eine aktuelle Studie des Innenministeriums hat ja gesagt, dass es 2017 knapp 1.000 muslimfeindliche Übergriffe gab. Und anstatt sich jetzt als neuer Innenminister darum zu bemühen, die Sicherheit der Gotteshäuser hier in Deutschland auf die Prioritätenliste zu schreiben, entfacht er eine Diskussion, die sich für Muslime in Deutschland längst erledigt hat.

Denn für uns Muslime gehören wir, aber auch unsere Religion zu Deutschland. Mit solchen Aussagen wie der von Seehofer sinkt weiter die Hemmschwelle für weitere unkontrollierte islamfeindliche Übergriffe. Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil hat das heute klar gesagt: Das Grundgesetz macht keinen Unterschied zwischen den Religionen, und ich denke, das darf sich Herr Seehofer gern zum Leitprinzip für seine zukünfitge Arbeit machen.

Horst Seehofer unterscheidet ja zwischen dem Islam und in Deutschland lebenden Muslimen. Letztere seien ein Teil Deutschlands. Was heißt das?

Oğuz: Ich glaube, Herr Seehofer versucht anscheinend, die Muslime als Individuen an sich isolieren zu wollen. Aber für uns bedeutet das im weiteren Sinne eher eine gewünschte Ausgrenzung oder Assimilation. Man kann nicht sagen, der Winter ist okay, aber die Kälte und den Schnee wollen wir nicht. Man darf uns nicht unsere Identität wegnehmen und man kann uns auch nicht vorschreiben, an was wir Muslime in Deutschland glauben sollen oder dürfen.

Ist Seehofers Aussage etwas, das jetzt stark in der muslimischen Gemeinschaft diskutiert wird?

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende, und der CSU-Vorsitzende, Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, kommen am 09.10.2017 in Berlin zur gemeinsamen Pressekonferenz im Konrad-Adenauer-Haus. © dpa picture alliance Foto: Michael Kappeler
Der Innenminister Horst Seehofer stellt sich mit seinem Satz "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" auch gegen Aussagen von Bundeskanzlerin Merkel.

Oğuz: Ja, auf jeden Fall, weil die Muslime sich jetzt in den letzten Wochen auch einfach verängstigt fühlen. Sie fühlen sich in eine Ecke gedrängt, mit der sie nicht konfrontiert waren. In den letzten zehn Jahren gab es nicht so einen Druck auf die Moscheen und die Muslime. Und dass dadurch jetzt wieder Ressentiments in der Gesellschaft hervorgerufen werden, das beunruhigt uns stark und enttäuscht uns natürlich auch.

Es ist nun acht Jahre her, dass der damalige Bundespräsident Christian Wulff den umgekehrten Satz sagte: Der Islam gehört auch zu Deutschland. Das sorgte damals für eine große Debatte. Sie haben die Ereignisse der letzten Wochen schon erwähnt. Was hat sich seitdem verändert?

Oğuz: Man muss ja sagen, dass Herr Wulff damals auch in seiner Funktion als Ministerpräsident von Niedersachsen der erste gewesen ist, der sich für eine Zusammenarbeit mit Muslimen in Form eines Vertrages eingesetzt hat. Und er hat damit ein klares Zeichen gesetzt und die Muslime haben das erste Mal eigentlich eine symbolische Empathie erfahren. Das heißt, sie wurden eigentlich das erste Mal von höchster Stelle angesprochen.

Und es gab in den letzten vielen Jahren sehr gute innovative Arbeiten, insbesondere das Thema Islamischer Religionsunterricht oder auch das Thema Seelsorge, wo die Muslime auch ihre Pflichten als Teil der Mehrheitsgesellschaft übernommen haben. Und ich denke, wir sind noch in einem sehr dynamischen Prozess und solche Aussagen führen einfach dazu, dass das ehrenamtliche Engagement vieler Muslime wieder demotiviert wird.

Das Gespräch führte Eva Schramm, NDR Kultur.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 16.03.2018 | 15:20 Uhr

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