Stand: 28.03.2019 11:02 Uhr

Debatte um "Reli für alle" in Hamburg

Von Michael Hollenbach

"Religionsunterricht für alle" wird in den Stadtstaaten Hamburg und Bremen angeboten. Das Besondere: er richtet sich an alle Schüler*innen - egal ob muslimisch, christlich, jüdisch oder auch konfessionslos. Über Jahrzehnte lag der interreligiöse Unterricht in Hamburg allein in der Verantwortung der evangelischen Kirche. Nach dem Abschluss der Verträge mit den islamischen Verbänden sollten auch die Muslime immer mehr Verantwortung übernehmen. Doch im Schulalltag sieht das noch anders aus.

Religionsunterricht für alle am Margaretha-Rothe-Gymnasium in Hamburg © Körber-Stiftung/Maria Feck
Seit mehr als 50 Jahren gibt es "Religionsunterricht für alle" in Hamburg.

Der Religionsunterricht für alle, der bislang allein in evangelischer Verantwortung lag, galt bei den Beteiligten als Erfolgsmodell - auch bei den muslimischen Verbänden der Hansestadt. Die Erziehungswissenschaftlerin Özlem Nas arbeitet für die muslimischen Verbände an der Weiterentwicklung des Modells mit. "Ich denke, dass es sehr wichtig ist für die Orientierung der Schüler, dass sie sich auskennen - was ist diese oder jene Religion", sagt Özlem Nas. "Gerade um geschützt zu werden davor, dass andere versuchen, einen negativ zu beeinflussen."

Bisher nur wenige muslimische Religionslehrer

Allerdings: auch sieben Jahre nach Unterzeichnung der Verträge mit den islamischen Verbänden steckt, so Hamida Behr,  die Beteiligung der Muslime in den Kinderschuhen. "Da gibt es eine traurige Statistik: es gibt vier Lehrkräfte, die muslimisch sind, von 1200 Religionslehrern." Die Religionspädagogin von der Universität Münster hat den Hamburger Weg genauer untersucht. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Drittel der Hamburger Schülerschaft evangelisch ist und 20 Prozent muslimisch sind. Hamida Behr rechnet vor: Falls die muslimischen Lehrkräfte einen adäquaten Anteil der Religionslehrer ausmachen sollten, bräuchte man statt vier 400 muslimische Religionslehrerinnen und Lehrer.

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Eine Religionsmappe in Großaufnahme © Körber-Stiftung/Maria Feck

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Ein weiterer Kritikpunkt: Die Erprobungsphase mit muslimischen Lehrkräften, die mittlerweile seit fünf Jahren läuft, findet lediglich an zwei Schulen statt. Und auch bei der Ausbildung der künftigen Religionslehrer würde einiges schief laufen: "Es gibt eine Unzufriedenheit und auch eine Enttäuschung darüber, dass die Ausbildung nicht dialogisch geworden ist", hat Hamida Behr festgestellt. "Es ist so, dass angehende muslimische Religionslehrer sehr viele Seminare besuchen in der evangelischen Theologie; und die evangelischen Studierenden kein einziges Seminar besuchen bei den muslimischen oder alevitischen  Lehrenden. Es gibt keinen Austausch, sondern eine einseitige Hinwendung. Und das ist keine Grundlage für so einen Religionsunterricht."

So würden sich die evangelischen Religionslehrkräfte ihr Wissen über die anderen Religionen oft nur aus dem Internet herunterladen. "Dieses Konzept „Religionsunterricht für alle" ist schon so alt, aber bis jetzt gibt es keine verpflichtenden Studieninhalte anderer Theologien. Und das Studium ist vergleichbar für einen monokonfessionellen Religionsunterricht in anderen Bundesländern."

Können muslimische Lehrer evangelische Religion unterrichten?

Das Freitagsforum zum Nachhören
Schülerinnen melden sich während des Unterrichts © Körber-Stiftung/Maria Feck
4 Min

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Viele Jahre lag der interreligiöse Unterricht in Hamburg in der Verantwortung der evangelischen Kirche. Doch auch die Muslime sollten immer mehr Verantwortung übernehmen. Im Schulalltag sieht das noch anders aus. 4 Min

Dass künftig vermehrt muslimische Lehrkräfte christliche Kinder unterrichten sollen, hat auch zu einer neuen rechtlichen Debatte geführt. Denn nach Artikel sieben, Absatz drei des Grundgesetzes, ist Religion ein bekenntnisorientiertes Fach, das zur Identitätsbildung der Schüler beitragen soll. Es ist keine neutrale Religionskunde. Nicht nur aus verfassungsrechtlichen Bedenken, sondern auch aus inhaltlichen Gründen lehnt der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, den Hamburger "Religionsunterricht für alle" ab: "Das wäre der Abschied von einem Religionsunterricht, der die Chance enthält, Schüler zu befähigen, von ihrer Religionsmündigkeit einen eigenständigen Gebrauch zu machen. Dafür muss man Religion von innen kennenlernen, und nicht nur von außen."

Nordkirche hat neues Gutachten beauftragt

Auch bei den Hamburger Protestanten gibt es offenbar Bedenken, ob eine muslimische Religionslehrkraft bekenntnisorientiert evangelische Religion unterrichten kann. Deshalb hat die Nordkirche ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Darin kommt der Münsteraner Rechtsprofessor Hinnerk Wissmann zu dem Schluss, dass - so wörtlich - "bei einer rechtsgestaltenden Neudeutung" des Grundgesetzartikels ein multireligiöser Unterricht möglich sei.

Die Nordkirche sieht aber weiteren Klärungsbedarf. Deshalb hat sie den Theologen Wilfried Härle mit einem weiteren Gutachten beauftragt: er soll nun theologisch klären, ob Religionsvertreter die Glaubenswahrheiten anderer Religionen vertreten können. Mit einem Ergebnis ist erst im Sommer zu rechnen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 29.03.2018 | 15:20 Uhr

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