55 türkische Gastarbeiter kommen am 27. November 1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf an. Sie sind die ersten von 400 Bergleuten aus der Türkei die sich für ein Jahr Arbeit in Deutschland verpflichtet haben. © picture-alliance / Wolfgang Hub Foto: Wolfgang Hub

60 Jahre Anwerbeankommen: Der Islam als Anker

Stand: 21.10.2021 11:38 Uhr

Vor 60 Jahren vereinbarte die Bundesregierung mit der Türkei das so genanntes Anwerbeabkommen. Am Bosporus herrschte eine hohe Arbeitslosigkeit, in Westdeutschland ein Mangel an Arbeitskräften.

93 türkische Bergarbeiter aus dem Bergbaugebiet Zonguldak am Schwarzen Meer treffen am Abend des 23. Juni 1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf-Lohausen ein. Sie werden ab dem 26. Juni 1961 auf dem Schacht Westende der Hamborner Bergbau AG arbeiten. © picture-alliance / dpa
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von Michael Hollenbach

Der Schriftsteller Max Frisch erklärte bereits 1965:  "Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen". Und was kaum einer im Blick hatte: Es kamen zugleich Musliminnen und Muslime in eine deutsche Gesellschaft, die in den 1960er-Jahren noch sehr christlich geprägt war.

Die Ankunft in Deutschland war ein Schock

Nülifer Sahin gehört zur zweiten Generation der Arbeitsmigranten. Die ersten vier Jahre wuchs die heute 48-Jährige bei den Großeltern in der Türkei auf. Dann der Schock, als sie nach Deutschland kam: "Wir waren ganz frisch aus der Türkei eingereist. Wir beide, meine Schwester war sechs Jahre älter, wir konnten kein Wort Deutsch, und wir sind schnurstracks in der Moschee gelandet und das war wirklich ein Grauen, zusammengepfercht. Dieser Hodscha, der keinerlei Ausbildung genossen hat, niemanden Rechenschaft schuldig war und uns unterrichtet hat. Er hat die Schülerinnen mit einem Stock bestraft, das war für mich ganz schlimm."

Schlimm war für das vierjährige Mädchen aber auch die fremde deutsche Umgebung, die sie gar nicht verstand: "Das war alles sehr traumatisierend, und die türkische Community hat mich gerettet. Das habe ich sehr positiv in Erinnerung."

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Rauf Ceylan: Ich habe wie ein Abenteurer gelebt

Rauf Ceylan, heute Professor für Religionssoziologie an der Universität Osnabrück, spricht von der "Türkensiedlung", in der er damals in Duisburg aufwuchs: "Ich war in einem evangelischen Kindergarten. Ich habe im Grunde genommen eigentlich wie ein Abenteurer gelebt. Das Wohngebiet ist wie so ein Gewächshaus. Ja, und dann wird man rausgestellt in ein anderes Klima, und man muss versuchen, sozusagen sich zu akklimatisieren."

Die Feste, die er im evangelischen Kindergarten kennenlernte, hat er als eine Bereicherung erlebt: "Weihnachten liebe ich bis heute, absolut ein Highlight für mich. Das war auch Geburtstag zu feiern. Wir haben zu Hause zum Beispiel keinen Geburtstag gefeiert. Das liegt auch darin, dass meine Eltern so etwas nicht kennen. Die beide sind am 01.01. geboren."

Zumindest wurde als Geburtstag der 1. Januar eingetragen. Denn auf den anatolischen Dörfern fuhr nur alle paar Monate jemand ins Ordnungsamt der Kreisstadt, und dann wurde für alle Neugeborenen kollektiv als Geburtstag ein Datum eingetragen.

Der Islam wurde in Deutschland wichtiger

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Für viele Arbeitsmigranten - wie für die Familie von Nülifer Sahin - wurde der Islam hierzulande wichtiger als er es in der türkischen Heimat war: "Ich denke, das Religiöse hatte auch deshalb einen großen Stellenwert, weil es auch eine Art Anker für meine Eltern war, um sich nicht hier in dem weiten Alemanya zu verlieren, und an ihren Werten festzuhalten. Das war ja auch bedingt durch eine Angst, dass man sich hier verlieren könnte."

Mittlerweile gibt es in Deutschland rund 2.800 Moscheen, die meisten noch immer eher versteckt in Hinterhöfen oder Gewerbegebieten. Begonnen hatte es Ende der 60er- und in den 70er-Jahren mit Bürgerinitiativen der türkischen Arbeitsmigranten, die sich selbst Gebetsräume organsierten.

Der hannoversche Migrationsforscher Günther Max Behrendt meint: "Es wurde eben aus Spenden aufgebracht, es gab keine Zuschüsse von irgendeiner Seite, da hat sich niemand drum gekümmert, von Außenstehenden weder vom deutschen Staat noch vom türkischen Staat noch von Stiftungen, da hat keiner Geld  zugegeben, das mussten die Arbeiter aus ihren eigenen Konto begleichen und entsprechend schäbig, das muss man sagen, waren diese Einrichtungen auch."

Vierte Generation ist religiöser als die Großeltern

Heute leben rund 2,8 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland. Befragungen legen nahe, dass die Jüngeren der dritten und vierten Generation oft religiöser und Türkei-affiner sind als ihre Eltern und Großeltern. Der Religionssoziologe Rauf Ceylan relativiert das: "Das heißt, man schätzt sich aber selbst in den Studien viel, viel religiöser ein, als man es tatsächlich ist. Und das spricht dafür, dass der Islam als Identitätsanker eine große Rolle spielt. Aber das sind symbolische Identifikationen. Ich glaube, kein Jugendlicher mit türkischen Wurzeln würde es länger als ein halbes Jahr in der Türkei aushalten."

60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei - eine Geschichte, in der die deutsche Gesellschaft meist nicht wahrhaben wollte, dass Muslime und Musliminnen immer mehr zu Deutschland gehören. Ein Prozess, der noch längst nicht abgeschlossen ist.

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