Stand: 08.07.2019 08:45 Uhr

Transparenz und Leuchtkraft: Glaskunst von Jörgen Habedank

von Frank Hajasch

Zur Malerei gehören Keilrahmen, Leinwand, Pinsel und wahlweise Öl- oder Acrylfarbe. Aquarelle kommen mit Wasserfarben auf Papier. Und bei der Glasmalerei? Da wird zum Beispiel Buntglas bearbeitet und mit Blei gefasst - wie es Marc Chagall und Gerhard Richter für ihre beeindruckenden Kirchenfenster getan haben. Oder die Künstler arbeiten mit der sogenannten Floatmalerei, bei der transparentes Glas mit Farbe gestaltet wird. In Tornesch im Kreis Pinneberg beherrscht das Glasmaler Jörgen Habedank.

Im Atelier von Jörgen Habedank

Entwurf für den Friedhof in Rellingen

Habedanks Atelier liegt auf einem Hinterhof. Wer dort die steile Treppe hochsteigt, sieht unter der Decke lange Wellen und stabile Holzräder. Sie gehörten mal zu einem Transmissionsantrieb, über den das Getreide in Tornesch gemahlen wurde. Jörgen Habedank steht in der Mühle an seinem Arbeitstisch, Fläschchen und Gläser mit Farbpigmenten um ihn herum. Mit einem dünnen Spatel mischt er gerade einen kräftigen Rot-Orange-Ton an. 

"Ich bin an dem Entwurf für eine Stele und arbeite zunächst auf dem Papier", erklärt Habedank und fügt hinzu: "Was ich gleich mitbedenken muss, wenn es später auf Glas umgesetzt wird: dass das Weiß zunächst mal transparent ist, das heißt an der Stelle ist es durchsichtig. Und dort greife ich dann in einen zweiten Arbeitsprozess ein, in dem ich eine partielle Sandstrahlung dahinterlege."

So weit aber ist es noch nicht. Der Entwurf ist für den Friedhof in Rellingen. Die Stein-Stele soll am Eingang stehen, mit zwei flügelartigen Glasflächen zur Linken und Rechten. Ihre drei Meter hohen Bildfelder zeigen einen Engel und schwungvolle Linien und Farbflächen, figürlich und abstrakt.

Der Künstler liefert das Konzept

"Ich komme aus der Malerei und bin über die Transparenz und die Leuchtkraft zur Glasmalerei gekommen. Deshalb arbeite ich hier im Atelier. Zunächst mal entstehen die Ideen auf Papier oder auf Leinwand. Damit geht es dann in die Werkstatt, wo es schließlich auf Glas umgesetzt wird."

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Ein Blick aus der Vogelperspektive in die Werkstatt in der Paderborn, wo die gemalten Vorlagen Jörgen Habedanks auf Glas übertragen werden.

Jörgen Habedank zieht mit einem Rakel durch die Farbschicht auf dem Tisch. Eine Walze mit Profil gibt ein wellenförmiges Muster. Der Glasmaler legt ein Papier auf und fährt mit einer Walze drüber: Fertig ist ein erstes Motiv für das spätere Bild. Das wird dann nicht in Tornesch auf Glas übertragen, sondern im Glasstudio Peters in Paderborn. Er liefert als Künstler das Konzept, die Partner setzen seine Entwürfe um.

Mit Farbe und Sandstrahlen

Habedank hat die Arbeit in Paderborn dokumentiert. In einem Film in seinem Atelier in Tornesch sieht man, wie er vor einer 4 Meter mal 1,30 Meter großen Glasplatte steht. Sie wurde 2016 zum Tauffenster der neuen katholischen Kirche im schwedischen Södertälje: eine schmale Glasfläche mit Blau-, Grün- und Gelbtönen - und einem weißen, gemalten Kreuz.

"Da steht ein Leuchttisch, auf den das Glas aufgelegt wird", sagt Habedank und ergänzt: "Man rührt dann spezielle Schmelzfarben an, die man - ähnlich wie ich es hier auf Papier oder Leinwand mache - auftragen kann: Die kann man aufspachteln, aufmalen oder airbrushen und werden dann in unterschiedlichen Schichten in das Glas eingebrannt."  

Dafür stehen in der Werkstatt mehrere große Öfen; der größte ist sechs Meter breit. Bei 600 Grad Celsius wird das Glas über Nacht gebrannt, sodass es am nächsten Morgen erkaltet ist. Danach geht es ans partielle Sandstrahlen.

"Immer ein Moment der Überraschung"

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Der russische Künstler Marc Chagall (1887 bis 1985) zählt zu den bekanntesten modernen Vertretern der jahrhundertealten Glaskunst.

Habedanks Kunst ist die Floatglas-Malerei. Sie verläuft anders als die Bleiglas-Arbeiten eines Marc Chagall in den französischen Kirchen oder dem Fenster von Gerhard Richter im Kölner Dom.

Beides kann Habedank, aber nicht beides macht er. Seine Glaskunst würde stärker den Raum fordern: Wo seien Schatten? Wo gebe es Blickschutz? All das könne er mit dem Farbauftrag und dem Mattieren durch Sandstrahlen beeinflussen. Dass die kleine Kirche in Södertälje wie ein Schatzkästchen in die nordischen Nächte hineinleuchtet freut den Künstler:

"Ja klar, es erfüllt mich auch mit einem gewissen Stolz, in dieser Größe arbeiten zu dürfen und auch, diese Werkstätten an der Hand zu haben - und einen Ort vorzufinden, wo ich hier im Atelier im relativ kleinen Maßstab Entwürfe gemacht habe und das dann im Großen dort umgesetzt finde. Und es ist für mich auch immer ein Moment der Überraschung!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 08.07.2019 | 14:20 Uhr

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