Stand: 14.05.2019 17:40 Uhr

"Hin & Weg" in den AKN-Zügen

von Robert Tschuschke

In Sachen Theater kennt man den klassischen Fünf-Akter auf der Bühne am Abend mit zahlenden Gästen. Es geht aber auch vollkommen anders: Schülerinnen und Schüler spielen in den kommenden Wochen in den Waggons der AKN-Regionalzüge, während ganz normale Fahrgäste mit an Bord sind. "Hin & Weg" heißt das Projekt, an dem sich drei Schulen aus Henstedt-Ulzburg, Neumünster und Barmstedt beteiligen. Zum Thema "Helden <-> Reisen" ist jeder Schüler-Gruppe etwas Besonderes und Eigenes eingefallen.

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In den Zügen der AKN findet im Laufe des Mais das Theaterprojekt "Hin & Weg" statt.

Auf der AKN-Strecke zwischen Ulzburg-Süd und Hamburg-Schnelsen lesen Menschen Zeitung, gucken auf ihre Smartphones, sind auf dem Weg zum Einkaufen oder wollen einfach nur nach Hause. Doch plötzlich platzen 13 Neuntklässler in rosa T-Shirts, rosa Pullovern und rosa Hosen in den Waggon herein, stehen unmittelbar vor den Fahrgästen und rufen: "Zu viel Schulstress!", "Zu viele Menschen hungern!" und "Armut!".

Die Schüler sinken erschöpft an den Waggonseiten herunter oder stürzen zu Boden. Sie wirken niedergeschlagen, die reisenden Helden. Der Zug wackelt, Fahrräder stehen im Weg. Einige der Schüler müssen verlegen lächeln. Für sie ist es merklich ungewohnt, in der Öffentlichkeit vor und neben ganz normalen Fahrgästen zu spielen und so laut zu sein: "Zu viel Hass!" - "Blind durch's Leben, blind durch's Leben, blind durch's Leben!".

Für die Schülerinnen und Schüler der Gottfried-Semper-Schule aus Barmstedt ist es der erste Auftritt vor Publikum im recht vollen Zug. "Das macht´s schwerer", sagt ein Schüler. Und seine Mitschülerin ergänzt: "Wenn man es erstmal macht, dann ist man voll im Flow. Man ist aufgeregt, aber man schafft es, man hat schon ein gutes Gefühl."

Zum Helden werden erfordert Mut

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Schülerinnen und Schüler der Gottfried-Semper-Schule in Barmstedt proben für das Theaterprojekt "Hin und Weg" in einem Zug der AKN.

Aus den niedergeschlagenen, reisenden Helden, die "Ich bin kein Teil dieses Kreislaufes! Ich bin kein Teil dieses Kreislaufes!" rufen, werden dann während des fünfminütigen Happenings Figuren, die aufstehen und dem Publikum Fragen stellen: "Was können wir tun? Was können wir tun? Was können wir tun?" Und Antworten gibt es auch: "Hoffnung haben, Mut aufbringen, jeder kann ein Held sein!"

Der "Hin & Weg"-Fahrplan

Alstergymnasium, Henstedt-Ulzburg
14. und 16. Mai
Henstedt-Ulzburg ab: 11.28 Uhr - Eidelstedt an: 12.01 Uhr
Eidestedt ab: 12.16 Uhr - Henstedt-Ulzburg an: 12.34 Uhr

Holstenschule, Neumünster
13. und 17. Mai
Neumünster ab: 11.33 Uhr - Kaltenkirchen an: 12.15 Uhr
Kaltenkirchen ab 12.42 Uhr - Neumünster an 13.23 Uhr

Gottfried-Semper-Schule, Barmstedt
10. und 23. Mai
Ulzburg Süd ab: 11.32 Uhr - Schnelsen an: 11.55 Uhr
Schnelsen ab: 12.03 Uhr - Ulzburg Süd an: 12.31 Uhr

Es ist kein normales Theaterstück, es ist Performance: Ein Experiment mit selbst geschriebenen Textfragmenten und dazu passenden Gesten - die Hände flehend oder in Kampfstellung. "Es hat sich mit der Zeit entwickelt", erklärt Melek. Und Anni ergänzt: "Ein paar Gestiken haben wir uns selbst ausgedacht, zum Beispiel bei Armut, mit den Händen hoch. Sie sollen auch die Sachen symbolisieren. Bei 'Ich bin kein Teil dieses Kreislaufes' sind wir alle schwach, weil der Kreislauf halt so schlecht ist. Wir wollen halt kein Teil des Kreislaufes sein, weil es schief läuft."

Man könnte das Stück auch als Politaktion sehen. Es sind die Dinge, die die Schüler beschäftigen, sagt Lehrerin Birgit Stegmeyer-Roth: "Es ist einfach das Erleben der Kinder, die ja nicht im luftleeren Raum aufwachsen, sondern auch viel mitbekommen. Sei es in der Familie, sei es im Freundeskreis oder sei es in der Umwelt." Seit Anfang des Jahres haben die 13 Schüler geprobt.

Den Fahrgästen gefällt die politisch inspirierte Performance

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Theaterregisseurin Julia Heart erarbeitet mit den Schülerinnen und Schülern die Performance.

Mit dabei war und ist auch Julia Heart. Sie ist Theaterregisseurin in Hamburg. Für sie ist es ebenfalls das erste Theaterstück in einem Zug - mit klingelnden Handys und einer unruhigen Bühne: "Der Zug wackelt ganz schön", sagt sie lachend. Julia Heart muss auf ein Bühnenbild verzichten, die Kulisse ist die AKN. Dementsprechend sind die rosafarbenen Kostüme sehr wichtig: "Mit dieser Farbe kriegt man viel Aufmerksamkeit, dass die Leute mitbekommen: 'Oh, jetzt findet etwas statt.'"

Nach fünf Minuten gibt es von den meisten Fahrgästen Beifall und ein Lächeln für die Schauspielhelden auf ihrer Reise durch Südholstein: "Eine schöne Abwechslung", sagt eine Frau. "Es ist sonst immer sehr langweilig auf dieser langen Fahrt!" Ein anderer Fahrgast sagt: "Ich fand´s Hammer! Es hat Hoffnung gemacht, dass sich die nächste Generation mit solchen Themen auseinandersetzt. Damit habe ich überhaupt nicht mit gerechnet, aber ich finde es sehr gut, dass so etwas hier in der Öffentlichkeit umgesetzt wird und nicht nur in der Schule."

Links

Das Theaterprojekt "Hin & Weg"

Auf der Webseite der AKN Eisenbahn GmbH finden Sie Informationen zum Schülertheaterprojekt "Hin & Weg" und Videos von den Proben der beteiligten Schulen. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 14.05.2019 | 18:40 Uhr

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