Stand: 18.01.2019 17:09 Uhr

Wie viel Leonardo da Vinci steckt in Hamburg?

von Peter Helling

Keiner kommt 2019 an ihm vorbei, Superlativ reiht sich an Superlativ: Er hat das berühmteste Gemälde der Welt gemalt, die Mona Lisa, die Zahl seiner Gemälde ist an zwei Händen abzuzählen: Leonardo da Vinci. Im Mai jährt sich sein Todestag zum 500. Mal. Und die Kunstwelt steht buchstäblich Kopf. Einen Leonardo zu besitzen: Mehr geht nicht. Und Hamburg hat gleich vier davon. Vier kleine Zeichnungen, groß wie Bierdeckel, wobei sich der Ausdruck eigentlich verbietet. "Im Moment ist es so, dass in öffentlichen Sammlungen in Deutschland sich ganze sechs Zeichnungen befinden, in Weimar, Köln und vier hier in der Hamburger Kunsthalle", sagt Andreas Stolzenburg. Er leitet das Kupferstichkabinett der Kunsthalle. Die Zeichnungen stammen aus der Sammlung des dänisch-deutschen Kunsthändlers Georg Ernst Harzen.

Selten wie Mondgestein

Die vier Zeichnungen sind sehr lichtempfindlich. In diesem Jahr werden sie nur kurz im Mai und Juni präsentiert, danach wandern sie wieder für fünf bis sieben Jahre in die klimasicheren und dunklen Depots. Zur Schonung. Kein Wunder, denn Leonardo ist so rar wie Mondgestein. Für Stolzenburg völlig nachvollziehbar. "Die Bilder haben was Rätselhaftes, seine Zeichnungen gehören zu den besten Skizzen, die man zu dieser Zeit kennt, er hat alles bravourös beherrscht."

Frau mit Peitsche

Bild vergrößern
Die Zeichnung des Philosophen Aristoteles und seiner auf ihm reitenden Geliebten Phyllis entstand, als da Vinci Anfang 20 war.

David Klemm betreut die Digitalisierung der rund 30.000 Werke der graphischen Sammlung. Er freut sich, dass die vier kleinen Meisterwerke aus ganz unterschiedlichen Schaffensphasen des Universalgenies stammen. Das älteste entstand in seinen frühen Zwanzigern, dargestellt ist der Philosoph Aristoteles, auf dem seine Geliebte Phyllis reitet mit einer Peitsche. "Es sieht sehr eindeutig aus - irgendwie", lächelt Klemm. Damals ungewöhnlich, aber typisch für Leonardo sei es, dass er eine alte Geschichte drastisch realistisch ausschmücke. Dann ein heiliger Sebastian. Der nackte, athletische Mann ist von Pfeilen durchbohrt und krümmt sich vor Schmerz. Feinste Psychologie. Sein Markenzeichen, weiß David Klemm.

Wie ein Fotograf

"Es ist großartig, wie er die Gesichter belebt und ihr Denken zeigt!", sagt Klemm. "Dieses Geheimnisvolle, das ist der Reiz. Das Lächeln der Menschen, was die Mona Lisa auf den Punkt bringt, wo man nicht ganz schlau wird, was in ihrem Kopf vorgeht oder in ihrer Seele. Das macht ihre Faszination aus." Eine besonders markante Zeichnung ist die Rötelskizze eines alten Mannes. Zerzaustes Haar, fast entstellte, fratzenhafte Züge. Andreas Stolzenburg unterstreicht, das sei eben nicht die antikisch-schöne Renaissance, die alle kennen, sondern eine psychologisierende. Leonardo da Vinci könne man sich als einen Künstler auf der Straße vorstellen, der alles um sich herum abzeichnete, ständig in seine Bücher kritzelte. Wie ein Fotograf. In seinen Skizzen komme man seinem Genie ganz nah. Dass es die gleich viermal seit 1869 in der Kunsthalle gibt, war damals ein echter Coup. Denn der Leonardo-Markt war eigentlich abgegrast. Hamburg ist dank Georg Ernst Harzen auch ein klein wenig: Leonardo-Stadt.

Leonardo da Vincis Zeichnungen in der Kunsthalle

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 18.01.2019 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

36:50
NDR Kultur
72:28
NDR Kultur
02:35
Schleswig-Holstein Magazin