Selbstbildnis von Walter Gramatté © Christoph Irrgang

Walter Gramatté: Ehrung eines vergessenen Expressionisten

Stand: 05.12.2020 17:55 Uhr

Der expressionistische Künstlers Walter Gramatté geriet nach der Verfemung durch das NS-Regime lange in Vergessenheit. Die Hamburger Kunsthalle will ihn mit einer Ausstellung ehren.

von Anette Schneider

Kräftig Dunkelgrün und blau auf der linken Seite, rechts gleißendes, weißes Licht, davor hockt, mit verschattetem Gesicht, die berühmte Kunsthistorikerin Rosa Schapire und blickt nachdenklich aus dem Bild. Walter Gramatté malte die mit ihm befreundete Sammlerin Anfang der 1920er-Jahre in Hamburg.

Bildnis von Rosa Schapire © Christoph Irrgang
Bildnis von Rosa Schapire (1874-1954) gemalt von Walter Gramatté im Jahr 1920 (Gouache, Aquarell, Buntstift, auf perforiertem, chamoisfarbigem Zeichenpapie, 454x368mm)

"Er ist eng verbunden mit expressionistischen Künstlern wie Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff", sagt Andreas Stolzenburg über den Künstler. "Aber sein Werk selber wandert hin und her zwischen Expressionismus, neuer Sachlichkeit, und auch Symbolismus. Er wechselt häufig seinen Stil, sehr sprunghaft, je nach Stimmungslage und Notwendigkeit." Der Leiter des Kupferstichkabinetts hat im Harzen-Kabinett der Hamburger Kunsthalle eine Gramatté-Ausstellung kuratiert. Diese sollte eigentlich am 26. November eröffnet werden. Durch die Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie kann diese aber derzeit nicht besucht werden.

Walter Gramatté: Leben in materieller Not

Walter Gramatté, 1897 in Berlin geboren war geprägt durch traumatische Erlebnisse im ersten Weltkrieg. Immer wieder malte er Menschen in existenziellen Situationen, einsam, verloren in leeren Räumen. Unermüdlich porträtierte er auch sich und seine Frau Sonia, eine russische Komponistin und Musikerin, in all den wechselnden Stimmungen eines von materieller Not geprägten Lebens. Unterstützt wurde der sperrige Künstler von einigen Hamburger Sammlern und Förderern. Im Alter von nur 32 Jahren starb der Künstler 1929 an den Folgen einer Darmtuberkulose.

Nationalsozialisten erklären Gramattés Kunst als "entartet"

Die Hamburger Kunsthalle sei das erste Museum gewesen, dass Werke von Grammaté erworben habe, schildert Stolzenburg. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten habe man etwa 40 Blätter gehabt. Doch 1933 erklärten die Faschisten Gramattés Kunst als "entartet". Dass der Künstler nicht in Vergessenheit geriet, ist seiner Witwe Sonia zu verdanken. Mitte der 50er-Jahre zog sie mit ihrem zweiten Mann, einem Kunsthistoriker, nach Kanada. Dort gründeten sie eine Stiftung für die Bewahrung des Werks Gramattés. "Ausgehend von dieser Stiftung in Kanada, gab es in den 60er-Jahren mehrere Ausstellungen in Deutschland", erklärt der Kurator. "Dadurch ist er dann nach und nach wieder bekannt geworden." Die erste große Ausstellung war 1989 in München zu sehen.

Kunsthalle hat fast 50 Werke Grammatés als Schenkung erhalten

2016 konnte die Hamburger Kunsthalle ein Rosa-Schapire-Porträt ankaufen - dank privater Spenden eines Kunsthallenvereins. Im vergangenen Jahr geschah, wovon Kurator Andreas Stolzenburg normalerweise nur träumen kann. Die Eckhardt-Gramatte-Foundation in Winnipeg in Kanada habe sich gemeldet, da Gramatté jetzt doch halbwegs etabliert sei, würden sie die Stiftung auflösen und die Werke abgeben. "Wir haben dann 47 grafische Arbeiten und ein Gemälde aus Kanada geschenkt bekommen", freut sich Stolzenburg. Die Kunsthalle habe vor allem deshalb so viele Werke bekommen, weil Gramatté in Hamburg früh gewürdigt und gesammelt wurde. Jetzt ermöglicht der Bestand der Kunsthalle von 98 Arbeiten einen lückenlosen Überblick über sein Werk.

Aufbau von Sammlungen nur durch Förderer möglich

Varieté-Artisten (Zirkus) © Christoph Irrgang
Varieté-Artisten (Zirkus) - gemalt von Walter Gramatté im Jahr 1920 (Aquarell über Bleistift, 482x370mm)

Ohne solche Schenkungen, ohne Nachlässe oder Dauerleihgaben, wären Museen in Zeiten fehlender Ankaufsetats längst aufgeschmissen. Auch Förder- und Spendenvereine helfen, Ankäufe zu ermöglichen, Lücken zu füllen, Sammlungen zu erweitern, Neues aufzubauen. Für die KuratorInnen hat sich ihre Arbeit damit grundlegend verändert: Denn statt den Museumsbestand zu erforschen, müssen sie vor allem Netzwerkarbeit, Kontaktpflege und Aquise betreiben. "Seit dem Jahr 2001, wo ich meine ersten Inventarnummern eingetragen habe, haben Frau Dr. Roettig, die die zeitgenössische Kunst auf Papier mit mir zusammen betreut, und ich zusammen um die 15.000 Werke ans Haus geholt." Darunter eine Horst-Janssen-Sammlung, der Nachlass von Friedrich Einhoff, Blätter von alten Meistern, Paul Gauguin, Edvard Munch, Paul Klee oder Max Pechstein.

Würdigung von Gramattés Werk muss warten

Nach der Gramatté-Schenkung wollte die Kunsthalle, den noch immer viel zu wenig bekannten Künstler, der sich so schmerzhaft an den Verhältnissen seiner Zeit rieb, angemessen mit einem Katalog und einer Ausstellung würdigen. "Damit einfach mehr Leute verstehen, dass das ein ganz großer gewesen ist, der den Expressionisten wie Heckel und Schmidt-Rottluff und wie sie alle heißen, in nichts nachsteht", sagt der Kurator. Doch auch diese Ausstellung, die eigentlich vom 26. November bis zum 14. März im Harzen-Kabinett der Hamburger Kunsthalle gezeigt werden sollte, kann erst einmal nicht besucht werden.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.11.2020 | 19:00 Uhr