Stand: 05.08.2020 16:17 Uhr

Sankt Pauli Museum kämpft ums Überleben

Das Sankt-Pauli-Museum ist Krisen gewohnt. Ende letzten Jahres stand es kurz vor der Schließung, weil der Vermieter kurzfristig die Miete um 1.000 Euro erhöht hatte. Mitten in der Corona-Hochzeit ist das Museum umgezogen - von der Davidstraße ans Nobistor. Aber jetzt reiht sich eine Krisensitzung an die nächste. NDR 90,3 hat mit dem Gründer des Museums und legendären Kiez-Fotografen Günter Zint gesprochen.

Am neuen Standort wollen Sie mit einem neuen Konzept durchstarten, mehr Veranstaltungen, Lesungen und Führungen anbieten - wie ist die Situation gerade?

Günter Zint mit einer Kamera in der Hand © picture alliance/dpa/Christian Charisius Foto: Christian Charisius
Fotograf Günter Zint hat zahlreiche historische Momente auf dem Kiez und bei politischen Protesten festgehalten.

Günter Zint:  Wir sind eigentlich noch mitten im Umzug und haben zudem eine Begrenzung auf zehn Besucher. Zurzeit lohnt es sich überhaupt nicht. Aber unser Vermieter ist ein ganz netter Typ. Der sagt, solange ihr keinen Eintritt nehmt, nehme ich von euch keine Miete. Sowas gibt es - nicht alle Millionäre sind Idioten.

Ist das ein Millionär?

Zint: Der hat auf Sylt das berühmte Lokal Pony. Und er hat sechs Lokale auf St. Pauli und ist Geschäftsführer der Bavaria Brauerei - also das ist kein Armer.

Miete müssen Sie also nicht bezahlen. Und dennoch haben Sie gerade zu kämpfen?

Zint: Wir haben eine hauptamtliche Wissenschaftlerin Eva Decker, die wir weiter beschäftigen und wir haben ein paar Ehrenamtliche, die weiterarbeiten. Ich bin die Null-Euro-Kraft im Museum. Wir müssten im Grunde genommen, wenn wir Kaufleute wären, zum Amtsgericht gehen und Insolvenz anmelden. Allerdings ist da eine Frist bis in den Herbst des Jahres verschoben worden. Die nehmen momentan gar keine Insolvenzanträge mehr an, weil es zu viele sind.

Haben Sie denn Unterstützung von der Stadt bekommen, also Soforthilfe und Unterstützung der Kulturbehörde ?

Zint: Das Museum hat schon was bekommen, bekommt wohl noch etwas, da gibt es Gespräche. Das macht aber der Trägerverein. Ich selbst kann überhaupt nichts beantragen, weil ich dummerweise in Niedersachsen lebe. In Niedersachsen ist die Hilfe gering. Mein Sohn, der mein Geschäftsführer und mein Chef ist, der hat mir gesagt, es lohnt nicht das Papier des Antrags. Man kriegt keine Hilfe zum Lebensunterhalt, nur Hilfe für laufende Kosten. Ich lebe in einer Wohngemeinschaft, habe so gut wie keine Kosten. Also kriege ich nix.

Günter Zint bei der Neueröffnung des Sankt Pauli Museums © picture alliance/dpa/Christian Charisius Foto: Christian Charisius
Am 5. Juni konnte Günter Zint das Sankt-Pauli-Museums am Nobistor neu eröffnen.

Es sind ja schon wirkliche Schätze, die es da im Sankt-Pauli-Museum zu sehen gibt. Da gibt es die Gitarre von Paul McCartney, den Türknauf der Alten Flora, Sofas berühmter alter Kneipen auf dem Kiez.

Zint:  Das ist nur minimal, was wir da ausstellen können. Wir haben momentan fünf Lagerstätten, in die alles ausgelagert ist, die wollen wir zusammenführen. Andreas Heller, der hat ein Architekturbüro mit 30 Mitarbeitern in der Hafencity, der will ein "Günter Zint Experience  Museum" zusammenführen, in dem er Panfoto (Anmerkung d. Redaktion: Die Fotoagentur von Günter Zint) und das Sankt-Pauli-Museum auf die Füße stellt. Aber das sind alles erstmal nur Diskussionsthemen. Da ist noch nichts in trockenen Tüchern.

Die Exponate würden auf jeden Fall gerettet und den Hamburgern auch nicht vorenthalten werden?

Zint: Nein, die sind gerettet. Wir haben kostenlosen Lagerraum im Boardinghouse. Das ist ein großes Hotel am Ende der Reeperbahn in der Königstraße. Da haben wir in der Tiefgarage so viel Lagerraum, wie wir eigentlich brauchen.

Also könnte man sagen: Krise ist gleich Chance. Vielleicht wird es sogar noch toller als bisher. Oder ist das vermessen?

Zint:  Sie machen mir Mut. Ja, das könnte man sagen. Meine Oma sagte immer: "Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her." Daran halte ich mich momentan.

Das Gespräch führte Stefanie Wittgenstein.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 05.08.2020 | 19:00 Uhr