Stand: 09.01.2020 09:55 Uhr  - NDR Kultur

Rückgabe von Raubkunst: Eine Zwischenbilanz

von Anette Schneider

Im Auftrag des französischen Präsidenten Macron legten der senegalesische Ökonom Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy vor gut einem Jahr einen Bericht zur Rückgabe kolonialen Raubgutes vor. Der Hamburger Professor für die Geschichte Afrikas, Jürgen Zimmerer, und dem Fachbereich Postkolonialismus haben an der Universität Hamburg eine Vorlesungsreihe über "Kolonialismus, Raubkunst und die Zukunft der Museen" initiiertet. Savoy hat dort am 8. Januar eine erste Bilanz ihrer Arbeit gezogen.

Bénédicte Savoy, Professorin für Kunstgeschichte in Berlin und Paris, Leibnitz-Preisträgerin und wie ihr Gastgeber Jürgen Zimmerer unermüdliche Streiterin für die Rückgabe kolonialen Raubgutes und die Aufdeckung kolonialer Verbrechen, hielt sich mit dem Blick auf das, was ihr mit Felwine Sarr erarbeiteter Bericht bisher bewirkte, nicht lange auf.

Zeitenwende in der Rückgabepraxis

Der Bericht und Macrons Ankündigung bedeuten eine Zeitenwende: Seitdem lassen sich koloniale Verbrechen und das Blut an geraubten Objekten nicht mehr leugnen. Die französische Dynamik setzte selbst deutsche Politiker und Museumsleiter unter Druck. Es gab wichtige Rückgaben von Objekten, weitere sind geplant.

Rückgabeforderungen schon in den 70ern

Dann aber erzählte Savoy, was sie selbst im vergangenen Jahr erlebte. Das glich einem Krimi, der die etwa 300 Anwesenden in dem restlos gefüllten Saal trotz einer halben Stunde Überziehung des Vortrags mucksmäuschenstill verharren ließ:

Weitere Informationen

Raubkunst? Forscher prüfen Objekte aus Kolonien

Ehrlich erworben oder habgierig erbeutet? Wie viele andere Museen beherbergt auch das Landesmuseum Hannover Objekte aus ehemaligen Kolonien. Die Aufarbeitung läuft. mehr

Bei Recherchen in französischen Archiven entdeckte die Kunstwissenschaftlerin meterweise Unterlagen mit Rückgabeforderungen afrikanischer Länder aus den 70er-Jahren. "Und darunter - und das war für mich ein Schock - einen Bericht von 1980/81, der genauso wie unser Bericht war. Damals hatte der französische Staat einen hoch angesehen Museumswissenschaftler beauftragt, sich zusammen mit einem Gremium von Experten Gedanken zu machen über die Rückgabe von Kulturgütern nach Afrika." Vor 40 Jahren sei also alles schon da gewesen ist und es stellte sich die Frage: Warum wurde es vergessen?

In deutschen Archiven gibt es ähnliche Akten

Bild vergrößern
Die Kunsthistorikerin Benedicte Savoy ist Professorin an der Technischen Universität Berlin und am Collège de France in Paris.

In deutschen Archiven stieß Savoy auf ganz ähnliche Akten, auf Rückgabeforderungen und Planungen für Rückgaben. Die Gründe für das Scheitern der Pläne sind unterschiedlich: Während Frankreich nicht restituieren musste, weil die Politik des Internationalen Weltwirtschaftsfonds in den 80er-Jahren die emanzipatorischen Strukturen in den panafrikanischen Staaten zerstörte und damit der Druck afrikanischer Intellektueller auf Frankreich zusammenbrach, enthüllte Bénédicte Savoy für die Bundesrepublik eine systematische Verweigerung von Seiten der Museen, die Großteils bis heute anhält.

Anhand zahlreicher Beispiele führte sie dies vor - und zitierte abschließend aus einer Handreichung der Deutschen UNESCO-Kommission von 1978, die den Museen empfahl, Objekte aus einstigen Kolonien nicht zu inventarisieren. "Vor der Erstellung solcher Listen wird sowohl von Seiten der Völkerkundemuseen als auch der Kulturverwaltungen gewarnt. So würden Begehrlichkeiten erst recht geweckt." - Das erkläre, weshalb es bis heute in Deutschland keine Inventarlisten aus diesen Museen gäbe. Eine europaweite Ausnahme!

In Deutschland ist noch viel zu tun

Paris habe seine ganzen Verzeichnisse online. Alle andren europäischen Museen haben diese Listen schon vor mindestens zehn Jahren zugänglich gemacht. Die Deutschen hätten sie nicht einmal als Buch in der Bibliothek. Und deshalb fordert Savoy Transparenz, weil nur Transparenz es erlaube, sich mit dieser Vergangenheit zu beschäftigen.

Es ist also noch viel zu tun an deutschen Museen. Ohne klare politische Richtlinien und den politischen Willen aber wird das ebenso zäh ablaufen und ausgesessen werden, wie die Rückgabe des von den Nationalsozialisten geraubten jüdischen Besitzes.

Mehr über koloniale Raubkunst

Raubkunst: "Aufarbeitung muss Chefsache werden"

Nach den jüngsten Enthüllungen der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy zum Thema Provenienzforschung fordert der Historiker Jürgen Zimmerer im Interview mehr Druck von der Politik. mehr

Museumsdetektive - auf den Spuren geraubter Kunst

Raubkunst gehört auch im Norden zum Bestand vieler Museen: Bilder, Möbel, ganze Sammlungen. Woher kommen die Objekte? Wo ist der Besitz von Opfern? Wie sieht die Nachforschung aus? mehr

Provenienzforschung: "Brauchen radikale Umkehr"

Der Historiker Jürgen Zimmerer kämpft für die Aufklärung der Provenienz. An der Uni Hamburg hat er eine Vorlesungsreihe initiiert, die mit dem Vortrag "Humboldt, und was nun?" beginnt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.01.2020 | 06:40 Uhr

Mehr Kultur

52:22
NDR Kultur
05:03
Nordseereport