Stand: 17.06.2019 13:55 Uhr

Museum der Arbeit zeigt "Frau Architekt"

von Kerry Rügemer

Seit mehr als 100 Jahren entwerfen und bauen auch Architektinnen in Deutschland. Allerdings sind viele von ihnen über die Zeit in Vergessenheit geraten. Die Ausstellung "Frau Architekt" im Museum der Arbeit widmet sich ab Sonnabend, 15. Juni, dem Schaffen dieser Frauen. In 22 Porträts werden unter anderem die höchst unterschiedlichen Pläne und Entwürfe von Frauen in einer Männerdomäne gezeigt.

Von den ersten Architektinnen bis zur Gegenwart

Eine knapp acht Quadratmeter große Küche, die Fronten in blau-grün gestrichen: Das Farbschema der Küche ist hochfunktional, denn angeblich meiden Fliegen diese Farbkombination. Die sogenannte "Frankfurter Küche" aus dem Jahr 1926 ist so etwas wie die Mutter aller Einbauküchen. Geplant hat sie die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky. Sie ist eine der hier vorgestellten Frauen, die schon vor über 100 Jahren auf sehr unterschiedliche Art entworfen, geplant und gebaut haben.

Holzmodelle zeigen die Werke der Architektinnen

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Das in der Weimarer Republik renommierte "Scherls Magazin" macht 1931 mit einer Frau zur Deutschen-Bau-Ausstellung auf.

In der Ausstellung sind die unterschiedlichsten Entwürfe, zu sehen, mal sehr minimalistisch, mal bunt und fantasievoll. Zu jeder Architektin gibt es ein filigran und überaus realistisch gebautes Holzmodell. "Wir zeigen Modelle, die von einer Studierendengruppe neu angefertigt wurden", sagt Sandra Schümann, die für die Ausstellung in Hamburg verantwortlich ist. "Es ist immer ein anderer Eindruck, wenn man nicht nur Entwürfe oder Planzeichnungen sieht, sondern es auch wirklich in 3D sehen kann."

Die Ausstellung umfasse Visionärinnen wie Merete Mattern "von der nie etwas gebaut worden ist", aber auch lebensnahe und pragmatische Architektinnen. "Ich finde es toll, zu zeigen, dass weibliche Architektinnen all das bedienen können."

Emilie Winkelmann gründet 1907 ohne Diplom ein eigenes Büro

Eine der Architektinnen, die in der Ausstellung vorgestellt werden, ist Emilie Winkelmann. Sie war die erste Architektin in Deutschland, die 1902 als Gasthörerin an die Königlich Technische Hochschule in Hannover durfte. Ein Diplom machte sie allerdings nicht, denn das Abschlussexamen war ihr als Frau nicht erlaubt. Trotzdem gründete sie 1907 ihr eigenes Büro in Berlin und baute überaus erfolgreich Wohngebäude und Gewerbeobjekte.

Auch die Ausstellungsdesignerin Lilly Reich hat einen Platz in der Werkschau bekommen: Sie arbeitete eng mit dem Bauhaus-Architekten Mies van der Rohe zusammen, der den berühmten Barcelona-Pavillon für die Weltausstellung 1929 entwarf. So steht es zumindest in den Geschichtsbüchern - dabei war Lilly Reich ganz maßgeblich an der Planung beteiligt. "Von ihr hatte ich tatsächlich noch nie etwas gehört", gibt Schümann zu. "Das ist schockierend, weil man diesen Stararchitekten kennt, aber die Gruppe, die dahintersteht, und Lilly als wichtige Protagonistin nicht.

"Frau Architekt": spannend, persönlich, schockierend

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Marlene Moeschke-Poelzig (links) beim Richtfest ihres Hauses. Auf einem Zeitungsfoto wurde sie später wegretuschiert.

Architektur, das war eine Männerdomäne und ändert sich erst langsam: Noch heute sind nur ein Drittel aller Architekten weiblich - und das, obwohl an den Unis mindestens die Hälfte der Studenten Frauen sind. Die Ausstellung zeigt spannend und persönlich, was Architektinnen in den vergangenen 100 Jahren geleistet haben. Welche Visionen, wie viel Fantasie und auch praktische, lebensnahe Ideen sie hatten.

Besonders eindrucksvoll sind auch die Lebensgeschichten der Frauen. Darunter sind auch manch schockierende Dinge, wie das Foto eines feierlichen Richtfestes nach Fertigstellung eines Hauses: Auf dem Originalfoto sitzt die Architektin Marlene Moeschke-Poelzig, die das Haus alleine entworfen hatte, mit fünf Männern am Tisch, darunter ihr Ehemann Hans Poelzig, der auch Architekt war. Auf dem gleichen Foto, das in einer Zeitung erschien, ist sie wegretuschiert, weil man nur ihrem Mann den Entwurf zutraute.

Museum der Arbeit zeigt "Frau Architekt"

Die Ausstellung "Frau Architekt" wirft einen Blick auf die ersten Frauen in der deutschen Architektur, thematisiert aber auch immer noch bestehende Vorurteile gegen Architektinnen.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Museum der Arbeit Hamburg
Wiesendamm 3
22305   Hamburg
Preis:
8,50 Euro (ermäßigt 5 Euro)
Öffnungszeiten:
Montag: 13 - 21 Uhr
Dienstag - Samstag: 10 - 17 Uhr
Sonntag und Feiertage: 10 - 18 Uhr
Am 1. Mai, 24. und 25. Dezember, Silvester und Neujahr geschlossen, an allen weiteren Feiertragen von 10 - 18 Uhr geöffnet.
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 14.07.2019 | 19:00 Uhr

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