Stand: 18.06.2020 14:03 Uhr

Mini-Performances beim Live Art Festival auf Kampnagel

von Peter Helling

Nach drei Monaten Shutdown regt sich etwas im öffentlichen Kulturleben. Ganz langsam fängt es wieder an, das Theater als analoges, körperliches Live-Event: unter erschwerten Bedingungen wie begrenzten Besucherzahlen, Hygiene- und Abstandregeln, Registrierung der Besucherdaten. Ein ganz schön nerviges Training in Achtsamkeit. In der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel findet gerade das Live-Art-Festival statt, das garantiert 100 Prozent analog ist, unter dem Motto #ZivilerGehorsam. Statt der ganz großen Bühne bietet es die Performance eins zu eins, im kleinsten Raum, zum Beispiel dem eigenen Wohnzimmer.

Performance im eigenen Wohnzimmer

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Mitglieder des Kollektivs geheimagentur posieren als Paketboten.

Diese Performance kommt direkt an die eigene Haustür - und sogar ins Wohnzimmer: "Unboxing Unboxing" heißt die Aktion des Hamburger Kollektivs geheimagentur. Es klingelt an der Tür, herein kommt eine Paketbotin mit Gesichtsmaske - und dann wird "sie" hereingeholt, die Lieferung: "Ihre Love-Box ist bereit. Wenn es beginnen soll, dann starten wir die Love-Box oder wecken sie auf, indem Sie draufklopfen. Und in 35 Minuten hole ich sie wieder ab. Viel Vergnügen!" Da steht sie, die Liebes-Box. Und man selbst ist allein mit einem Ungetüm aus Holz. Eine Kiste mit den Maßen 113 mal 70 mal 70 Zentimeter. Dann heißt es: Mut zusammennehmen, aufwecken!

Sex mit einer Kiste?

Man klopft und aus dem Inneren dringt eine verfremdete Stimme - sanft, verführerisch. Die erzählt von ihrer Vergangenheit als Baum im Wald. Und will dann - subtil - auch den Konsumenten näher kennenlernen. Es ist eine ziemlich unverhohlene Anmache. "Willst du dich mal auf mich legen?" Der Selbstversuch mit Kiste nimmt skurrile Züge an. Da liegt man also in den eigenen vier Wänden auf einer sanft hauchenden Box. Aber so richtig ernst nehmen will man das Ding noch nicht: Klar, da ist jemand drin, die paar Atemlöcher oben auf dem Boxendeckel verraten es. Groß genug ist die Kiste ja.

Kluges Spiel mit Phänomen Online-Lieferservice

Schon sehr schlau, dieses doppelte Spiel in Corona-Zeiten: Die öffentliche Kultur ist stillgelegt - öffentliche - also anonyme - Berührung auch. Alle lassen sich tonnenweise Zeug nach Hause liefern. Diese Box dreht das Prinzip um, sie liefert: Kultur und Sex? Die Verfügbarkeit aller Waren wird hier konterkariert. Irgendwann kommt die Aufforderung, sich vor sie zu setzen, ein Papiersiegel zu durchstoßen, dann taucht die eigene Hand tief in ein flauschiges Futteral. Unsichtbare Finger berühren die eigenen, kneten sie sanft. Softe Musik wird hörbar, aber nicht genug: ein Arm, ein flauschiger brauner Tentakel, dringt heraus und beginnt mit Streicheleinheiten. Zum Äußersten kommt es nicht. Aber in 35 Minuten baut man tatsächlich eine Art Nähe auf. Und dann raunt die Stimme aus der Kiste: "Auf Wiedersehen!" Das seltsame Rendezvous ist vorbei. Boxen-Liebe sei schließlich flüchtig. Es ist eine vollkommen schräge, unwahrscheinliche Begegnung.

Talkrunde über Rassismus

Das Live Art Festival in der Kulturfabrik Kampnagel versucht den zaghaften analogen Neuanfang. Eröffnet hat es Intendantin Amelie Deuflhard: "Das erste Festival, ich würde mal sagen in Europa, das in Corona-Zeiten jetzt wieder stattfindet." Statt in die großen Hallen wird es in Privaträume oder unter freien Himmel verlegt. Los ging es mit einer kurzfristig angesetzten Diskussion über Rassismus in Hamburg. Nach dem Tod von George Floyd in den USA und den weltweiten Protesten gegen Rassismus haben die Organisatorinnen den Auftakt umorganisiert. Augenscheinich wollte man es nicht machen wie manche weiße Talkrunden, in denen über Schwarze gesprochen wird. Hier sind alle vier Teilnehmerinnen schwarz. Die packende Diskussion lädt vor allem zum Zuhören ein: Wenn schwarze Menschen von eigenen Rassismus-Erfahrungen berichten. Der stärkste Moment des Festivals.

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Live Art Festival auf Kampnagel vor dem Start

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Ein Club unter freiem Himmel oder Live-Shows im eigenen Wohnzimmer: Wegen der Corona-Pandemie experimentiert das Live Art Festival auf Kampnagel mit verschiedenen Kunstformen. Video (02:34 min)

Eine "Placebo-Weltreise" quer über das Kampnagel-Gelände

Das Künstlerinnenduo Gintersdorfer/Klaßen verwandelt die Piazza vor Kampnagel in einen öffentlichen Club - unter strengen Abstandsregeln. Live-Schalten nach Abidjan an der Elfenbeinküste schlagen eine Brücke von Europa nach Afrika. Das Publikum hier wie dort wird in Bewegung versetzt. Und kommt sich näher. Das künstlerische Highlight ist aber "Europe to go!" des Wiener Theaterkollektivs God’s Entertainment. Eine performative Weltreise quer über das Kampnagel-Gelände, garantiert ohne Reisebeschränkung. Rund 12 Menschen folgen einem Guide. Am Kanal neben Kampnagel wurde Christiania, die legendäre Hippie-Siedlung in Kopenhagen, nachgebaut. Es ist nur ein Ort von vielen, Hauptsache: subversiv. Ob das New Yorker Museum of Modern Art, ob die Rambla in Barcelona, ein Kafka-Denkmal in Prag: Das Theaterkollektiv spinnt Fäden quer über den Planeten. Es ist Ein Placebo-Trip - jetzt, wo die Ferne weiter weg wirkt als je zuvor.

Ein Fruchtbarkeitssymbol aus Paris

In einem Garten plätschert ein Brunnen. Hier stehen drei perfekt nachgebaute Grabmonumente des weltberühmten Pariser Friedhofs Père Lachaise: die Gräber von Jim Morrison, von Oscar Wilde und einem Herrn namens Victor Noir. Dessen liegende Grabskulptur ist ein begehrtes Fruchtbarkeitssymbol. Der Tourguide klärt auf: "Der Bildhauer hat besonders Wert auf den Genitalbereich gelegt - und er hat die Erektion des sterbenden Victor Noir sehr originalgetreu und hoffentlich, vielleicht, maßstabsgetreu nachgebildet." Auf diese Skulptur darf man sich sogar legen, das Grabmodell Oscar Wildes darf man küssen, es sei alles desinfiziert.

Der Körper wird politisch

Berührung wird in Corona-Zeiten zum Luxus, Objekte ersetzen Menschen. Und der eigene Körper, der von allen Menschen distanzierte Körper, wird zur Bühne. Das Live Art Festival bietet kleine, intensive Trainingseinheiten für den Kultur-entwöhnten Menschen. Momente, in denen die Corona-Isolation aufgebrochen wird. Der menschliche Körper, jeder Körper, ist politisch. "I can't breathe?" Gemeinsam atmen und gehen lernen: Das steht bei dem Festival im Vordergrund.

Festival auf Kampnagel

Live Art Festival unter dem Motto "Ziviler Gehorsam"

Die Hamburger Kulturfabrik Kampnagel wagt den Anfang und eröffnet ihren analogen Spielbetrieb wieder. Das Live Art Festival steht unter dem Motto "Ziviler Gehorsam". mehr

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 18.06.2020 | 19:00 Uhr

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