Graffiti mit dem Porträt von Joseph Beuys © picture alliance / imageBROKER | Karl F. Schöfmann Foto: Karl F. Schöfmann

Joseph Beuys: "Jeder kann Künstler sein"

Stand: 01.05.2021 10:25 Uhr

Joseph Beuys hat vor allem in den 60er- und 70er-Jahren mit seinen Werken alle herkömmlichen Grenzen in der Kunst gesprengt. Bekannt wurde er für seine Kunstaktionen und plastischen Werke aus Filz oder Fett. Am 12. Mai wäre er 100 Jahre geworden.

von Claudia Christophersen

"Ich bin ein Sender, ich strahle aus" - eine, der vielen Einsichten, die Joseph Beuys verkündete. Auch in seinen über 500 Multiples, die er ab 1960 schuf, sah er Antennen, die seine Kunst und Botschaften verbreiteten. Letztes Beispiel und Werk von Beuys vor seinem Tod: die legendäre Capri-Batterie. Eine gelbe Glühbirne mit schwarzer Fassung steckt in einer gelben Zitrone.

VIDEO: 100 Jahre Joseph Beuys - ein Tutorial (6 Min)

Beuys war im Spätsommer 1985 an den Golf von Neapel gereist, hoffte dort auf eine Besserung seines Lungenleidens. Auf Capri bei seinem Freund, dem Galeristen Lucio Amelio, ließ er sich inspirieren. Meer, Sonne, Orangen- und Zitronenduft, die kräftigen Farben des Südens luden seine Kräfte buchstäblich wieder auf. Die "Capri-Batterie" wird zum Sinnbild dieser Wochen. Für Beuys, der sich auch stark für den Umweltschutz einsetzte, steht die Zitrone mit ihrer Säure für eine natürliche Energiequelle, ein mahnendes Statement zur Begrenztheit der ökologischen Ressourcen.

Beuys: Einfache Materialien für eine Reihe von Kunstaktionen

Joseph Beuys arbeitete mit einfachen Materialien, baute und fertigte daraus seine Kunst: Naturstoffe wie Fett und Filz. Auch Tiere spielen eine zentrale Rolle: Hirsch, Ziege, Pferd und immer wieder der Hase. Mit ihm beginnt Beuys eine Reihe von Kunstaktionen.

Joseph Beuys "Capri-Batterie" © picture alliance / dpa | Sven Hoppe
Beuys' "Capri-Batterien"

Am 2. Februar 1963 inszeniert er in der Düsseldorfer Kunstakademie die "Sibirische Symphonie": Ein toter Hase hängt an der Tafel, zerknülltes Papier liegt auf dem Boden, daneben eine freistehende Leiter, an einem schwarzen Flügel spielt Beuys den ersten Satz seiner "Sibirischen Symphonie". Später entnimmt Beuys dem Hasen das Herz und hängt es an die Tafel. Mit Verletzlichkeit, Tod und Sterben, Einöde, Weite, Kälte, Wärme, Stille, Nomadentum verbindet Joseph Beuys tiefe biografische Erinnerungen.

Mythos des Künstlers mit immer wiederkehrender Symbolik

Im Mai 1941, nach seinem Abitur und kurz vor seinem 20. Geburtstag am 12. Mai, meldet sich Beuys bei der Luftwaffe, beginnt eine Ausbildung als Bordfunker und Flugzeugführeranwärter. Am 16. März 1944 stürzt Beuys mit seinem angeschossenen Kampfflugzeug auf der Krim ab. Beuys überlebt und kultiviert eine Legende, die wegweisend für seine Werkgenese wird: nomadisierende Krimtataren hätten ihn gefunden, mit tierischem Fett und warmhaltendem Filz gesund gepflegt.

Schild von Joseph Beuys © picture alliance / dpa | Roland Weihrauch
Das Kunstwerk "Buttocklifting" von Joseph Beuys aus dem Jahr 1974

Ob Dichtung, Wahrheit oder "Fieberträume in langer Bewusstlosigkeit" wie Eva Beuys, seine Ehefrau, auch erzählte - die Deutung bleibt offen. Die Geschichte wird zum Mythos des Künstlers mit immer wiederkehrender Symbolik. Er selbst setzt den Filzhut auf, zum Schutz des gefährdeten Kopfes. Kein Auftritt, kein Foto mehr ohne Hut.

Kunst soll für Joseph Beuys stören, verstören, aufwecken, irritieren

Joseph Beuys stellt nach diesem biografisch existentiellen Erlebnis Grundsatzfragen und entwickelt ein gänzlich neues Verständnis von Kunst. Was ist Kunst überhaupt? Was macht Kunst? Welche gesellschaftliche Relevanz hat sie? Nicht gleichgültig oder müde, nicht belanglos sollte ein Werk betrachtet werden.

Kunst soll stören, verstören, aufwecken, irritieren. Sie ist nicht mehr auf das allein materiell fassbare Objekt reduziert, sondern bekommt einen performativen Charakter, entsteht im Moment, im Hier und Jetzt, ist dynamisch, prozesshaft, fließend.

Der deutsche Künstler und Kunstprofessor Joseph Beuys im November 1979. © picture alliance / Dürrwald/dpa Foto: Hans Dürrwald
AUDIO: Die Wahrheit als Wunderkerze (55 Min)

Erweiterung des Kunstbegriffes durch die Idee der "sozialen Plastik"

Joseph Beuys erweitert den Kunstbegriff und entwickelt die Idee der "sozialen Plastik". Mit diesem Konzept tritt Beuys auf, macht unzählige raumgreifende Kunstaktionen wie 1965 die Performance in der Düsseldorfer Galerie von Alfred Schmela: "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt".

Beuys hält einen toten Hasen in seinen Armen, wiegt ihn, bewegt seine Pfoten, trägt ihn von Bild zu Bild. Der Künstler selbst: er hatte sich Kopf und Haar mit Honig eingerieben und vergoldet. Draußen, vor der Fensterscheibe, das Publikum. Hase und Künstler - eine Einheit, ein Kunstwerk.

Gestaltung des Deutschen Pavillon 1976 auf der Biennale

Udo Lindenberg und Joseph Beuys bei einer Pressekonferenz 1983 © picture-alliance / Sven Simon | SVEN SIMON
Udo Lindenberg und Joseph Beuys bei einer Pressekonferenz 1983

Mit solchen und anderen Aktionen wird der Künstler immer bekannter und berühmter. Beuys wird eingeladen nach Venedig und gestaltet den Deutschen Pavillon 1976 auf der Biennale: Environment "Straßenbahnhaltestelle" heißt sein Statement. Mehrfach war er auf der documenta in Kassel zu sehen: Prominent seine "Honigpumpe" 1977 oder 1982 das sozialökologischen Mammutprojekt: "7.000 Eichen - Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung".

Vor dem Kasseler Fridericianum lässt er Basaltstelen deponieren, die dann die Bäume zu ihren Pflanzorten begleiten. Die Eiche als "Wärmezeitmaschine", die dem kalten und starren Basalt gegenübersteht. Und als partizipatives Kunstobjekt: Wer wollte, konnte eine Patenschaft für einen Baum übernehmen und wurde damit Teil des Kunstwerks.

Beuys prägte an der Düsseldorfer Kunstakademie viele zeitgenössische Künstler

Joseph Beuys wurde mit Preisen und Ehrungen ausgezeichnet: Hamburger Lichtwark-Preis, Duisburger Wilhelm-Lehmbruck-Preis, Goslarer Kaiserring. Als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie war er für viele Nachwuchstalente der zeitgenössischen Gegenwartskunst attraktiv und prägendes Vorbild. Eine bleibende Wunde allerdings schlug seine fristlose Entlassung 1972, nachdem er mit den Regularien des Universitätsbetriebs gebrochen und eine Vielzahl abgelehnter Studienbewerber in seine Klasse aufgenommen hatte.

TV-Tipp
Joseph Beuys und die sogenannten Besetzer warten im Sekretariat auf Vertreter des Wissenschaftsministeriums, Staatliche Kunstakademie Düsseldorf, 10.10.1972. © NDR/SWR/Zero one/Stift. Museum Schloss Moyland/Lamberti/Puls

Beuys im TV

Regisseur Andres Veiel porträtiert den visionären Künstler Joseph Beuys mit bisher unerschlossenem Archivmaterial. mehr

Erfolg - Misserfolg - viele Hindernisse musste der exzentrische Künstler in seinem Leben überwinden. Joseph Beuys hat sich bis zu seinem Tod unermüdlich selbst gefordert, ging an die Grenzen körperlicher und geistiger Schaffenskraft. "Jeder Mensch muss sich verschleißen. Das wäre ja schrecklich, wenn er nicht verschlissen wäre und dann schon sterben würde - wäre ja schrecklich."

Gestorben ist Joseph Beuys am 23. Januar 1986 im Alter von 64 Jahren in Düsseldorf. Seine letzte Reise nach Capri konnte ihn nicht von seiner Lungenkrankheit heilen. Was bleibt sind seine Werke, seine Kunst und seine vielen revolutionären Neuinterpretationen.

Weitere Informationen
Das Archivbild vom 19.02.1982 zeigt den Künstler Joseph Beuys in Bonn. © picture-alliance / DPA Foto: Peter Popp

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 03.05.2021 | 11:20 Uhr