Stand: 31.08.2017 16:51 Uhr

Georges Adéagbo - berühmt dank eines Irrtums

von Daniel Kaiser
Georges Adéagbo ist ein Sammler. Seine Werke entstehen aus Fundstücken, wie diese Installation "Global Imaginations", 2015 zu sehen im Museum De Lakenhal und De Meelfabriek.

Der Hamburger Stadtteil Finkenwerder ist jetzt wieder ein Hotspot der internationalen Kunstwelt. Denn dort wird wie alle zwei Jahre der Kunstpreis Finkenwerder vergeben - mit 20.000 Euro einer der höchst dotierten in Europa. Der Preisträger heißt in diesem Jahr Georges Adéagbo und kommt aus Benin in Westafrika.

Georges Adéagbo © Stephan Köhler / Kulturforum Süd-Nord e.V. Fotograf: Stephan Köhler

Kunstpreis Finkenwerder für Georges Adéagbo

NDR 90,3

Die Auszeichnung ist mit 20.000 Euro Preisgeld eine der höchstdotierten in der europäischen Kunstwelt. Im Abendjournal Spezial stellen wir Adéagbo, seine Kunst und den Preis vor.

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Eine Peter-Maffay-Langspielplatte hängt neben einer aktuellen "BILD"-Titelseite, darüber eine afrikanische Maske. So sehen die Collagen von Georges Adéagbo aus. "Man könnte ihn vielleicht als Impressionisten beschreiben", erklärt Katja Schröder vom Kunsthaus Hamburg, in dem seine Arbeiten zu sehen sind. "Er fängt aber nicht Lichtstimmungen mit Pinsel und Farbe ein, sondern die Gesellschaftsstimmung mit Fundstücken aus dem Alltag und der Kulturgeschichte." Damit thematisiere er Stimmungen und Gesellschaftsfragen und setze sie ins Bild. Auf dem Fußboden des Kunsthauses liegt mitten im Aufbautrubel ein "Hamburger Abendblatt". Ist das die Pausenlektüre eines Mitarbeiters oder Teil des Kunstwerks?

Mit vollen Taschen vom Flohmarkt zurück

Adéagbo ist ein Sammler. Fast täglich läuft er bei sich zu Hause den Strand ab und findet Gegenstände, die ihm Geschichten erzählen. In Hamburg hat er als erstes einen Flohmarkt besucht. Taschenweise hat er alte Hamburg-Bücher, Schallplatten, Fotos und Karikaturen ins Kunsthaus geschleppt. "Ein Künstler muss sich immer um Aktualität kümmern und am Puls der Zeit sein", erklärt Adéagbo seine Arbeit. "Jemand, der sich selber kennt, sich aber nicht für andere interessiert und dafür, wie sie ticken, lebt irgendwie am Leben vorbei. Man muss herausfinden, wie die anderen ticken."

Von der Familie in die Psychiatrie eingeliefert

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Georges Adéagbo verarbeitet mit seiner Kunst auch die schwierige Trennung von seiner Familie.

Georges Adéagbo wird 1942 im westafrikanischen Benin geboren. Er hat zehn jüngere Geschwister und geht als junger Mann nach Frankreich, um Jura und Betriebswirtschaft zu studieren. Als sein Vater plötzlich stirbt, kommt er zurück in seine Heimat. "Meine Familie wollte, dass ich nach unserer Tradition zu Hause bleibe und mich als Ältester um Familiendinge kümmere. Sie haben mich nicht gehen lassen, mir den Pass weggenommen, und so konnte ich nicht mehr weg", erinnert sich Adéagbo.

Aus Verzweiflung fängt er damals an, im Garten des Elternhauses Schriftstücke auf den Boden zu legen und Fundstücke zu arrangieren. Mehrmals wird er von seiner Familie in die Psychiatrie eingeliefert. Als Künstler sieht er sich nicht - es ist ihm einfach ein Bedürfnis, sich auf diese Weise mitzuteilen. "C'est l'art qui fait l'artiste, c'est ne pas l'artiste qui fait l'art" - "Die Kunst mache den Künstler, nicht umgekehrt", ist sein Motto.

Karriere durch Irrtum eines Taxifahrers

In der Kunstwelt hat Adéagbos Name schon jetzt einen Klang. Er nahm bereits an der Biennale in Venedig und 2002 an der documenta in Kassel teil. Seine Karriere verdankt er dem Irrtum eines Taxifahrers. Der sollte einen französischen Kurator eigentlich zu einem anderen Künstler bringen und landete stattdessen mitten auf dem Hof Adéagbos in Benin - mitten in einer Installation. Das war 1993.

Danach ging es Schlag auf Schlag. Jetzt erhält er den renommierten Kunstpreis Finkenwerder. "Dieser Preis richtet sich zwar an Künstler in der Mitte der Karriere. Auch wenn Adéagbo schon 75 ist, kann man eigentlich sagen, dass es sich bei ihm um die 'Mitte der Karriere' handelt, weil er mit seiner Praxis, Dinge zu arrangieren, erst spät in Erscheinung getreten ist und somit den Preis sehr wohl verdient hat", sagt Katja Schröder.

Großer Preis im kleinen Finkenwerder

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Seine Werke wurden auch schon auf der Biennale in Venedig und auf der documenta gezeigt. Nun sind sie im Kunsthaus Hamburg zu sehen.

Das Preisgeld kommt von Airbus mit dem großen Werk in Finkenwerder. Die Idee hatten aber alt eingesessene Kunstfreunde auf der Elbinsel wie Kurt Wagner. Der Mitbegründer des dortigen Kulturkreises hatte erst einmal mit Bedenken zu kämpfen. "Wir bekamen dann verschiedene Hinweise, dass das alles nicht so einfach ist - besonders in der Hamburger Künstlerszene. Man hat uns klar gemacht, dass wir das nicht wie die Dilettanten anfassen dürfen und dass eine Jury Hand und Fuß haben muss."

Es ist gelungen - mit kompetenten Jurys und nicht zuletzt dem ansehnlichen Preisgeld ist der Finkenwerder Kunstpreis zu einer renommierten Auszeichnung geworden. Neo Rauch und Daniel Richter gehören auch zu ehemaligen Preisträgern.

Künstlerquartier Finkenwerder

Abseits des Kunstpreises blickt die alte Elbinsel Finkenwerder auch auf eine eigene Kunstgeschichte. Immer wieder kamen Maler hierher, um an ihren Werken zu arbeiten. Vor allem der Gründungsdirektor der Hamburger Kunsthalle Alfred Lichtwark ermutigte viele Künstler aus dem ganzen Land, sich nach Finkenwerder zu begeben und dort Hamburg zu malen.

Auf vielen Bildern des bekannten Expressionisten Eduard Bargheer beispielsweise finden sich immer wieder Ansichten aus Finkenwerder. Bernd Holthusen hat viele dieser Bilder gesammelt. Der kleine Ort an der Elbe sei zwar keine Künstlerkolonie wie Worpswede oder Ahrenshoop, jedoch ein "Künstlerquartier", in das sich die Maler immer wieder auf Zeit zurückgezogen hätten, sagt er.

Innovation zwischen Farbe und Schallplatten

Finkenwerder war somit schon vor mehr als 100 Jahren ein Ort, an den Künstler gegangen sind, um an der freien Luft zu malen, was damals innovativ war. "Damals sind die mit ihrer Staffelei und ihrer Tube nach draußen gegangen und man hat nicht verstanden, was sie für bunte Farbkleckse auf die Leinwand bringen", sagt Katja Schröder vom Kunsthaus. "Und heute kleben sie Schallplatten an die Wand und mancher versteht nicht, dass das jetzt die Kunst sein soll - in ihrer innovativen Kraft stehen die Künstler von damals und heute in einem Verhältnis zueinander."

Weitere Informationen

Kunstpreis Finkenwerder für Georges Adéagbo

31.08.2017 20:00 Uhr
NDR 90,3

Der mit 20.000 Euro dotierte Kunstpreis Finkenwerder geht in diesem Jahr an Georges Adéagbo. Das Abendjounal Spezial berichtet direkt von der Preisverleihung auf dem Airbus-Gelände. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal Spezial | 31.08.2017 | 20:00 Uhr

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