Eine alte chinesische Landkarte, fein gezeichnet mit einer Stadtansicht und bergiger Landschaft drumherum. © MARKK Foto: Paul Schimweg

"Farbe trifft Landkarte": Ausstellung im MARKK Hamburg

Stand: 26.08.2021 12:00 Uhr

Die Ausstellung "Farbe trifft Landkarte" im Hamburger Museum am Rothenbaum (MARKK) zeigt anhand europäischer und ostasiatischer Landkarten aus 500 Jahren, wie die Farben auf die Landkarten kamen.

Eine alte Landkarte mit © Stiftung Hanseatisches Wirtschaftsarchiv
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von Anette Schneider

Ob die bunten Symbole auf alten chinesischen Landkarten oder das Rot auf den Elbkarten aus dem Jahre 1702 - bis vor Kurzem konnten selbst Experten die Farben nicht deuten. Denn weder in Asien noch in Europa gab es früher Farblegenden. Der Historiker Benjamin van der Linde arbeitet an einem interdisziplinären Forschungsprojekt mit, das sich erstmals mit diesem Thema beschäftigte und damit wichtige Grundlagenforschung leistete.

Die Bedeutung der Farben auf Karten entschlüsseln

Eine alte asiatische Landkarte mit bunten Zeichen und Linien. Der Verlauf eines Flusses udn Berge sind erkennbar. © Stiftung Hanseatisches Wirtschaftsarchiv
Planisphaericum Coeleste - Himmelskarte, Verleger Peter Schenk, um 1700. Handkolorierte Kupferstich auf Papier.

"Wir wollten herausfinden: Wie wurden Karten koloriert? Also ganz plastisch gesehen: Welche Farbmittel wurden genutzt? Wo kommen die her? Was steckt da drin?", erläutert Linde die Fragestellungen des Projekts. "Und die zweite Sache war: Wir wollten herausfinden, was Farben auf Karten bedeuten. Also: Welche 'Codes' stecken dahinter? Was sollten Farben überhaupt auf Karten bewirken? Welche Botschaften sollten sie vermitteln?"

Jetzt zeigen kleine Vitrinen im Museum am Rothenbaum zahlreiche Farbproben, und wie sich mit ihrer Analyse Entstehungszeit und Herkunft der Karten bestimmen lassen. Prächtige Kartenbücher aus dem 16. Jahrhundert, eine sieben Meter lange Koreakarte, Pilger- und Sternenkarten führen vor Augen, wie unterschiedlich Farben eingesetzt wurden. 

Anfänglich geschah dies völlig unmethodisch, sodass nur Eingeweihte ihren Sinn verstanden. So hielt man die rotgefärbten Elbkarten bis heute für rein geografische Karten, doch Benjamin van der Linde konnte durch Quellenvergleiche nachweisen: die Farben markierten Grenzstreitigkeiten.

Historische Karten aus China mit politischen Informationen

Frühe administrative Karten aus China wimmeln von abstrakten farbigen Zeichen, die Eingeweihten politische Informationen - etwa über Steuer-Erhebungen - lieferten. Doch über die Jahrhunderte ging der Sinn vieler Farbsymbole verloren. Die Sinologin Diana Lange konnte einige entschlüsseln: "Es sind kleine Symbole, wie etwa für Leuchtfeuer. Oder abstrakte Abbildungen von Häusern, von Tempeln. Es gibt Codes wie weiße Kreise mit roten Umrandungen, die für Distrikthauptstädte stehen."

Koreanische Karten mit einheitlichem Merkmal

Eine alte koreanische Landkarte mit bunten Zeichen und Linien. Der Verlauf eines Flusses und Berge sind erkennbar. © NRICH/MARKK Foto: Seo Heunkang
Karte des großen östlichen Königreichs - Daedongyeojido. Kim Jeong-ho, Korea, nach 1861.

Farben markieren politische Räume, Machtansprüche oder philosophische Weltsichten. So stellten koreanische Landkarten die Provinzen entsprechend ihrer geografischen Lage in den Farben der chinesischen Fünf-Elemente-Lehre dar. Außerdem schlängeln sich auf ihnen blaue Bergketten von Norden nach Süden. "Im Norden Koreas, an der Grenze zu China, liegt der sogenannte Picto San, das ist der Ahnenberg der Koreaner, das Zentrum, von der die Lebensenergie ausgeht. Und von dort aus wird diese Lebensenergie über die Bergketten über das gesamte Land verteilt. Das ist ein ganz wichtiges Merkmal aller koreanischen Karten", erläutert Lange.

Kartengestaltung spiegelt auch Aneignungsprozesse wider

Viele Karten machen bewusst, wie sehr Farben den Blick lenken, Interessen transportieren, das Sehen manipulieren: etwa, wenn farbige Länderumrisse nicht die reale, sondern die erwünschte politische Ordnung des Raumes festschreiben. Oder wenn sie handfeste koloniale Besitzansprüche markieren. So wie die Karte einer chinesischen Provinz, die die Deutschen China während des Boxerkrieges 1898 abpressten. 

Diana Lange erläutert dazu: "Die Karte selbst ist eine sogenannte Vogelschaukarte. Sie zeigt einen Blick auf diese Kolonie, mit deutscher Architektur. Man sieht das Prinz-Heinrich-Hotel oder die Filiale der Deutschen Bank oder den Bismark-Berg. Und diese deutschen Bezeichnungen spiegeln sehr klar diesen Aneignungsprozess wider."

Das engagierte Projekt wird begleitet von Provenienzforschungen an mehreren Museen. Denn Landkarten können nicht nur kolonialen Größenwahn festschreiben, sie können auch koloniales Raubgut sein. In Hamburg stehen mehrere Karten "unter Verdacht", die in Folge des Boxerkrieges ans Haus kamen.

Weitere Informationen
Das MARKK in Hamburg frontal gesehen © Paul Schimweg/MARKK

Kulturpartner: Museum am Rothenbaum

Das MARKK fördert die Wertschätzung für Kulturen und Künste der Welt. Im Zentrum des Programms stehen seine globalen Kunst- und Kulturbestände. extern

"Farbe trifft Landkarte": Ausstellung im MARKK Hamburg

Das Hamburger Museum am Rothenbaum zeigt anhand historischen Materials, wie es dazu kam, dass Landkarten bunt wurden.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Museum am Rothenbaum
Rothenbaumchaussee 64
20148 Hamburg
Telefon:
(040) 42 88 79 - 0
E-Mail:
info@markk-hamburg.de
Preis:
8,50 Euro, ermäßigt 4,50 Euro
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr
Donnerstags bis 21 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 26.08.2021 | 09:20 Uhr