Eine Mutter und zwei Kinder liegen auf einem roten Sofa. © Elinor Carucci

Hamburger Deichtorhallen: Familie aus allen Perspektiven

Stand: 02.06.2021 12:12 Uhr

Im Haus der Photographie in den Deichtorhallen ist bis zum 4. Juli die Ausstellung Family Affairs" zum Thema Familie zu sehen. Sie zeigt aktuelle Fotos von über 20 internationalen Fotografen, die sich intensiv mit dieser Urform unseres Zusammenlebens auseinander gesetzt haben.

von Kerry Rügemer

Eine Frau, deren Kopf man nicht sieht, hält zwei Säuglinge in ihren Armen. Ein enges Schlangenkostüm umgibt ihren Körper; dort, wo eigentlich eine Brust sein sollte, klafft nur eine Narbe. Das Bild springt einen an. "Es sollen nicht die Bilder sein, die wir klassischerweise ins Familienalbum kleben", sagt die Fotografin Linn Schröder über ihr Selbstportrait. "Für mich waren die Krebserkrankung - eine Erfahrung, dem Tod sehr nahe zu sein - und die Geburt der Zwillinge - der Anfang des Lebens - zwei Pole, zwei Grenzen, die ich in einem Bild vereinen wollte."

Häufig im Mittelpunkt: Die Mutter

Auffallend oft geht es thematisch um die Darstellung der Mutter: Der Franzose Vincent Ferrané zeigt in sehr vielen Bildern, wie seine Frau das gemeinsame Kind in seinen ersten sechs Lebensmonaten stillt - mal wach und glücklich lächelnd, mal völlig erschöpft mit geschwollenen Brüsten und vollgespuckt vom Säugling. Katharina Bosse zeigt großformatige, sehr bunte Selbstportraits mit ihren Kindern. Auf einem hockt sie in schwarzer, durchsichtiger Reizwäsche breitbeinig und schwanger neben ihrem Kleinkind in einem Kornfeld. "Es gibt viele Sachen, die in unserer Gesellschaft tabuisiert werden - zum Beispiel auch Bilder, auf denen die Mutter eine gewisse Erotik ausstrahlt", sagt Bosse. "Eigentlich wird in unserer Gesellschaft das Bild der Frau, die feiern kann und sexuell aktiv ist, sehr stark abgespalten von der Mutter. Die Mutter soll sehr abgeklärt sein und die gesellschaftlichen Werte vermitteln und eigentlich in ihren fraulichen Bedürfnissen, die sie so für sich immer noch hat, gar nicht mehr existieren."

Weitere Informationen
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 "Family Affairs" zeigt auch auseinandergerissene Familien

Links ein Foto einer Familie am Strand, rechts ein Foto einer einzelnen Frau am selben Strand. © Gustavo Germano
"Diptico No. 08" - Gustavo Germano (2017. Aus der Serie "Ausencias")

Bedrückend sind die Bilder des Argentiniers Gustavo Germano: Er thematisiert das Verschwinden von Menschen unter der Militärdiktatur in den 70er- und 80er-Jahren. Immer zwei Bilder hängen nebeneinander: Auf dem linken sieht man ein Ehepaar mit der kleinen Tochter auf dem Arm - daneben ein Foto dreißig Jahre später: Geblieben ist nur die Tochter - ihre Eltern fehlen.

Die Werke der einzelnen Fotografinnen und Fotografen sind jeweils in Räumen zu sehen. Kategorien hat Kurator Ingo Taubhorn ganz bewusst vermieden: "Für mich war bei dem Thema Familie von vornherein klar, dass Kategorien auch eine Bewertung in der Sprache vornehmen - und das wollte ich den Betrachtern eigentlich selbst überlassen."

Familie: Allein das Setting kann die Vorstellung vermitteln

Verteilt quer durch alle Räume findet man immer mal wieder auch klassische Familienportraits: Vater, Mutter Tochter, alle im Sonntagskleidchen, im Hintergrund die amerikanische Flagge. Ordentlich gestylt und frisiert lächeln die Akteure entspannt in die Kamera - das perfekte Foto fürs Familienalbum. Die hier abgelichteten Menschen kennen sich gar nicht, sind weder verwandt noch bekannt. Die amerikanische Fotografin Jamie Diamont würfelt einfach Freiwillige in Hotelzimmern zusammen. Verblüffend, wie überzeugend diese Menschen durch ihre Pose als Familie wirken. Eine abwechslungsreiche, berührende, ganz großartige Ausstellung!

Hamburger Deichtorhallen: Familie aus allen Perspektiven

Bis zum 4. Juli ist die Ausstellung "Family Affairs" im Haus der Photographie in den Deichtorhallen zu sehen.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Deichtorhallen
Deichstorstr 1 - 2
20095Hamburg
Preis:
12 Euro (ermäßigt 7)
Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 11 - 18 Uhr
Montags geschlossen
Jeden 1. Do im Monat 11 - 21 Uhr
Hinweis:
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren frei
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 26.05.2021 | 19:00 Uhr