Stand: 19.02.2020 11:49 Uhr  - NDR Kultur

"Im Schatten von Venus" zeigt pazifische Kunst

von Kerry Rügemer

"Im Schatten von Venus" heißt die neue Ozeanien-Ausstellung im Hamburger MARKK, dem ehemaligen Völkerkundemuseum. Neben den schönsten Objekten aus der eigenen Sammlung steht vor allem eine riesige Videoinstallation im Zentrum. Sie stammt von Lisa Reihana, einer der bedeutendsten Künstlerinnen Neuseelands.

Sanfte Hügel in der Ferne. Ein Segelschiff liegt draußen im blauen Meer vor Anker. Üppige Vegetation und exotische Pazifikinsulaner. Die Videoinstallation von Lisa Reihana zieht langsam am Betrachter vorbei, fast wie ein Film in Zeitlupe. Wer sich hinsetzt und schaut, braucht genau 64 Minuten Zeit um den ganzen Film und wirklich jede Szene zu sehen. Dabei sind Szenen, die irritieren können: Warum muss James Cook seine Hose herunterlassen? Lisa Reihana lächelt und sagt: "Als die Pazifikinsulaner James Cook begegneten, sahen sie einen sehr großen Mann. Er war über 1,90 Meter groß und offensichtlich der Chef, der Häuptling. Natürlich trug er Hosen. Deshalb konnten die Insulaner sein Geschlecht nicht sehen. War er ein Mann? Eine Frau? Womöglich ein Gott? Sie wollten genau wissen, mit wem sie es zu tun haben. Deshalb ziehen sie ihm im Film die Hose herunter."

Lisa Reihana: Bewusstes Spiel mit alten Vorurteilen

Ganz bewusst spielt Lisa Reihana mit alten, tradierten Bildern europäischer Sicht. Das Bild vom schönen, edlen Wilden, den es für den überlegenen Europäer dennoch zu zähmen gilt. Vor vielen Jahren sah Lisa Reihana in Australien eine alte französische Wandtapete, die sich bei reichen Bürgern damals großer Beliebtheit erfreute. Darauf abgebildet waren vermeintliche Südseebewohner, die allerdings durchweg sehr helle Haut hatten und in römisch anmutende Gewänder gehüllt zusammen spazierten. Reihana meint: "Ich habe mir die Personen auf der Tapete angeschaut: Sie kamen eindeutig aus der Südsee, aber sie sahen überhaupt nicht danach aus. Sie waren halt mit dem Blick des französischen Kolonialherren verklärt, idealisiert und vor allem europäisiert worden. Und da hatte ich die Idee, vor genau so einem Panorama die Pazifikinsulaner aus ihrer Sicht darzustellen und auch die im Original fehlenden weißen Eroberer mit abzubilden."

Ausstellung mit Perspektivwechsel

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Lisa Reihana hat selbst Maori-Vorfahren

Zehn Jahre dauerte es, dieses beeindruckende Video zu schaffen. Schauspieler und Südseeinsulaner spielten die Szenen ein. Neben der Videoinstallation sind  verschiedene Objekte aus der bedeutenden Ozeaniensammlung des MARKK zu sehen: Masken, Helme, virtuos geschnitzte Holzfiguren, die schon Künstler wie Alberto Giacometti und Pablo Picasso inspiriert haben. Für Lisa Reihana, die selbst Maori-Vorfahren hat, ist es ein ganz besonderes Gefühl, Objekte ihrer eigenen Kultur hier in Europa zu sehen: "Diese Dinge hier zu sehen macht mich sehr stolz. Der Stamm, zu dem ich gehöre, war einer der ersten, die Kontakt zu den weißen Entdeckern hatte. Deshalb sind viele Objekte meiner Ahnen damals gestohlen, getauscht oder gesammelt worden. Ich muss nach Europa kommen um die Dinge, die meine Vorfahren erschaffen haben, zu sehen. Das ist ein bisschen so, als würden wir erneut entdeckt werden."

Verschiebungen der Betrachtung. In ihrem Film zeigt Lisa Reihana  die Sicht der Pazifikinsulaner. Damit gelingt ihr ein großartiger Perspektivwechsel: Vom idealisierenden Kolonialherrenfokus hin zur Selbstwahrnehmung der Südseeinsulaner. Das ist spannend, überraschend - einfach großartig!

 

"Im Schatten von Venus" zeigt pazifische Kunst

Erstmals ist eine Ausstellung der Künstlerin Lisa Reihana aus Neuseeland in Deutschland zu sehen. Das MARKK in Hamburg zeigt ihre Videoinstallation "Im Schatten von Venus".

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
MARKK
Rothenbaumchaussee 64
20148  Hamburg
Preis:
8,50/4,50 Euro
Öffnungszeiten:
Di bis So 10-18 Uhr
Do bis 21 Uhr
Montags geschlossen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 18.02.2020 | 19:00 Uhr

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